Digitales Kino kommt

Initiative „Docuzone“ mit Akteuren der alternativen Filmwirtschaft

Im Herbst 2002 prognostizierte der Deutschland-Chef von 20th Century Fox eine Digitalisierung des Kinos auf breiter Basis erst ab 2009. Mychael Berg befürchtete damals vordergründig, dass mit der Digitalisierung eine Entzauberung des Ortes „Kino“ einher gehen werde – und sprach dann wesentlich leiser davon, dass zur Finanzierung der Investitionen „sich die Verleiher finanziell erheblich engagieren müssen“. Exakt dies passiert jetzt in der Initiative „European Docuzone“, hinter der Akteure der alternativen Filmwirtschaft stehen.

Docuzone will ein Netzwerk digital ausgerüsteter Kinos installieren, die zunächst per Wechselfestplatte und später dann von zentraler Stelle aus per Satellit mit Filmen versorgt werden können. Dabei sind Filmschaffende, Verleiher, Netzwerke digitaler Kinos und Produzenten; Gelder kommen von der EU und verschiedenen Förderinstitutionen. Aus Deutschland ist die Verleihfirma Salzgeber & Co. Medien federführend. Teilnehmende Kinos werden mit digitalen Systemen (Projektor, Server und Satellitenempfangsanlage) ausgerüstet. In acht europäischen Ländern sollen rund 180 Systeme, vorrangig in Programm- bzw. Filmkunstkinos mit maximal 200 Sitzplätzen installiert werden, davon über 100 in Deutschland. Angesichts der bislang bereits mit digitaler Technik ausgerüsteten rund 100 von 4.400 deutschen Leinwänden eine Verdoppelung. Pro Kino sind Investitionen in Höhe von rund 40.000 Euro zu tätigen – die von den in der Regel finanzschwachen Kinos nur zur Hälfte selbst zu tragen sind, den Rest übernimmt Docuzone. Da vom Kinoanteil wiederum die Hälfte über Filmleihmieten zurück gezahlt wird, bleibt der tatsächlich selbst zu finanzierende Anteil bei durchschnittlich rund 10.000 Euro.

Innovatives mit Mut zum Risiko

Allerdings bekommen die Kinos diese Chance nicht ohne Gegenleistung, Docuzone vermischt Finanzierung und Programmgestaltung. Ein Punkt, der bei teilnehmenden Kinos auch für Bedenken sorgt, denn sie müssen einen Teil ihrer Programmhoheit aufgeben. Unter dem Titel „delicatessen – Kino Kultur digital“ wird Docuzone einen festen wöchentlichen Programmplatz belegen. Jeweils Mittwochs in den Monaten März bis Mai und September bis November werden aufs Jahr verteilt insgesamt 26 Filme zu sehen sein. Dabei soll der Fokus neben Dokumentarfilmen aus dem Docuzone-Netzwerk vor allem auf „innovativem Kino mit Mut zum Risiko“ und „kleinen, individuellen Low-Budget-Filmen“ liegen. Außerdem wird es Events wie Konzertübertragungen, Filmreihen oder TV-Vorpremieren geben. Jenseits des Mittwochs-Termins sind die Kinos in ihrer Programmgestaltung und auch in der Nutzung des neuen technischen Equipments frei, sie zahlen dann allerdings nutzungsabhängige Gebühren für den Projektor. Im November 2004 startete delicatessen europaweit mit einem Festival des Europäischen Dokumentarfilms, das reguläre Programm soll dann im März 2005 aufgenommen werden. Bei der Einführungspressekonferenz auf dem Kasseler Dokumentarfilmfest äußerte Frank Thöner von den dortigen Bali-Kinos, die zu den deutschen Docuzone-Kinos gehören, einige der Bedenken aus Sicht des Kinobetreibers. So fühle sich noch nicht jeder Verleiher ausreichend im Netzwerk repräsentiert. Dr. Thomas Geyer von Salzgeber beteuerte jedoch, dass Docuzone keineswegs Filme anderer Verleiher ausschließen wolle und offen für Programmvorschläge sei. Thöner sagte weiter, es gebe auch Furcht vor schlechtem Material, zu dessen Ausstrahlung man gezwungen sein könne. Insgesamt aber zeigte sich der Kinomacher begeistert von den Möglichkeiten. Die Bali-Kinos legen großen Wert darauf, Filme so auf die Leinwand zu bringen, wie sie auch produziert wurden. Das aber dürfe nicht nur für historische Formate gelten, sondern eben auch für neue. Nach Angaben von Paul-Rainer Wicke vom Film- und Kinobüro Hessen e.V. werden bereits rund 80 Prozent aller Absolventenarbeiten im Filmbereich digital hergestellt und produziert. Aber auch in Hollywood wird schon viel digital produziert, der Anteil digitaler Effekte und Bearbeitungen steigt beständig. Dadurch kommt es immer wieder zu Qualitätseinbußen, wenn ein Film vom digitalen Produktionsmaster wieder auf 35-Millimeter kopiert werden muss. Ein weiteres gewichtiges Argument für die Digitalisierung sind Sparpotenziale: Große Filme wie etwa „Troja“ starten oft mit 1.000 Kopien bundesweit, von denen nach den ersten zwei oder drei Wochen selten noch mehr als 50 bis 100 im Einsatz sind. Bei ca. 1.500 Euro pro Kopie ein erheblicher Kostenfaktor und deshalb gerade für alternative Produktionen entscheidender Nachteil. Wer sich zum Filmstart im besten Fall vier oder fünf Kopien leisten kann, geht in der Masse schlicht unter. Verglichen damit sind parallele Filmstarts auf über 100 Leinwänden bundesweit, wie sie Docuzone ermöglicht, eine ganz andere Liga. Und es besteht jetzt die Chance, Filme ins Kino zu bringen, die sonst nur im Fernsehen gezeigt würden wie etwa Klaus Sterns Wirtschaftsdokumentation „Weltmarktführer – Die Geschichte des Tan Siekmann“. Dieser für das ZDF gedrehte Film hätte, so Thöner, von seiner Fertigstellung im Sommer 2004 bis zu seiner TV-Auswertung 2005 durchaus im Kino gezeigt werden können und hatte sogar bereits einen Verleiher gefunden. Es scheiterte an nicht finanzierbaren Kosten in Höhe von 10.000 Euro.

Chance oder Fluch

Ob sich die Digitalisierung als Chance für die Kinos erweist oder doch eher zu ihrem Fluch wird, wird sich noch zeigen. Aufzuhalten ist sie aber kaum noch, weshalb eine reine Verweigerungsstrategie kaum Erfolg haben dürfte. Interessant ist vor diesem Hintergrund, dass es ausgerechnet kleine und alternative Kinos aus Europa sind, die eine Vorreiterrolle einnehmen und nicht etwa die großen Majors aus den USA. Dort haben sich die wichtigsten Filmstudios im März 2002 zur Digital Cinema Initiative zusammengeschlossen. Bis September 2004 hat diese Initiative es allerdings gerade einmal geschafft, sich auf einen einheitlichen Standard fest zu legen. Umsetzung und Finanzierung sind noch völlig offen. Eine Studie der Filmförderanstalt FFA mit dem Titel „Digitales Kino kommt …“ stellt fest: „Der Flaschenhals in der Verbreitung des digitalen Kinos sind die Filmtheater“. Dank Docuzone hat diesen Flaschenhals zumindest ein kleiner Teil der Branche bereits passiert.

 

 

nach oben

weiterlesen

Springers Bild plant einen eigenen Sender

Springer plant mit Deutschlands größter Boulevardzeitung einen eigenen Fernsehsender. Unter der Sendermarke „Bild“ soll er künftig über Kabel, Satellit, IPTV und OTT frei empfangbar sein. Der Sendestart steht zwar derzeit noch unter dem Vorbehalt der Erteilung einer Sendelizenz durch die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. Laut Plan soll der TV-Sender aber noch vor der Bundestagswahl Ende September dieses Jahres starten.
mehr »

Fehlende Kenntnisse über Struktur von ARD und ZDF

Deutsche Fernsehzuschauer*innen sind über das Finanzierungsmodell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Funktion der Aufsichtsgremien oft nur unzureichend informiert. Das ist ein Zwischenergebnis des Beteiligungsprojekts "#meinfernsehen21", das vom Grimme-Institut in Marl, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität organisiert wird.
mehr »

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg.
mehr »