Ein-Euro-Jobs für Journalisten

Skandalöses Honorardumping oder Chancen für ALG II-Empfänger?

Freie Journalistinnen und Journalisten sind beim Honorardumping ja inzwischen einiges gewohnt. Aber arbeiten für einen Euro in der Stunde? Das muss selbst leidgeprüften Freien als Provokation erscheinen. Mit Entrüstung reagierten deshalb einige Medien und die Deutsche Journalistinnen-und Journalisten-Union (dju) auf die Nachricht, dass in Hamburg arbeitslose Medienschaffende als Ein-Euro-Jobber tätig sind.

Seitdem wird über das Thema hitzig debattiert. Soll man das Projekt sofort stoppen, wie es die dju-Hamburg in einer ersten Erklärung forderte oder bietet es möglicherweise doch Perspektiven für arbeitslose Journalisten? Eine differenzierte Betrachtung vom Hamburger Medienpool e.V., dem Träger der Maßnahme, könnte Entscheidungshilfen liefern. Worum geht es also konkret?

Am 27. April dieses Jahres wurde auf Initiative des freien Journalisten und Inhabers des Medienbüros Medizin, Dr. Peter Müller, derHamburger Medienpool e.V. in das Vereinsregister eingetragen. Ziel des Vereins sei es, so Müller, die Arbeitslosengeld II-Empfänger mit Hilfe von Ein-Euro-Jobs im Wissenschafts- und Medizinjournalismus möglichst für eine Arbeit als Freie fit zu machen. Um Fördergelder der Arge (Arbeitsgemeinschaft von Wirtschaftsbehörde und Arbeitsagentur) zu erhalten, müssen die Ein-Euro-Jobs laut Sozialgesetzbuch II (SGB II) von öffentlichem Interesse und zusätzlich sein, das heißt, sie dürfen keine reguläre Arbeit verdrängen. Weil das neunmonatige Projekt von Medienpool auch Weiterbildungselemente enthält, wird der Verein zusätzlich aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert.

Druck der Arbeitsagentur war offenbar nicht nötig, um die Journalisten, Grafiker und Webdesigner zur Aufnahme ihrer Ein-Euro-Jobs zu bewegen. Auf die 24 Plätze hätten sich zunächst 120 Interessierte gemeldet, so der Leiter des Projekts, Peter Kasperek. Davon seien nach kurzer Zeit 71 wieder abgesprungen. Bei der Auswahl der Kandidaten habe man sich vor allem von den Kriterien Kompetenz und Teamfähigkeit sowie dem Interesse an einer freiberuflichen Tätigkeit leiten lassen.

Am 4. Juli haben schließlich 18 Journalisten und sechs Mediengestalter in einer nüchtern eingerichteten Büroetage in der Hamburger Behringstraße 28a ihre Arbeit aufgenommen. Bei einer 30-Stundenwoche, die, wenn Weiterbildung angesetzt ist, auf 38,5 Stunden verlängert werden kann, erhalten sie 210 Euro im Monat. Dazu 345 Euro Arbeitslosengeld II plus Miete. Die Aufträge besorgen die drei hauptamtlichen Mitarbeiter vom Medienpool bei sozialen, gemeinnützigen und karitativen Initiativen, die, so Müller, nie das Geld hätten, Profis zu bezahlen. Auf der Kundenliste finden sich unter anderen das Väter-Zentrum e.V., die Aidshilfe Hamburg Leuchtfeuer, die Obdachloseneinrichtung Café mit Herz, die Seniorenvereinigung Länger aktiv bleiben und das Kinderhospiz Sternenbrücke. Für diese Organisationen gestaltet Medienpool kostenlos Flyer, Infobroschüren und Internetseiten. Darüber hinaus sei vorgesehen, so Kasperek, 15 bis 20 Prozent der Arbeitszeit zur Weiterbildung zu nutzen. Dafür würden Dozenten, meist freiberuflich arbeitende Kolleginnen und Kollegen verpflichtet, die in Einheiten à fünf Stunden den Teilnehmern das Freien-ABC von VG Wort über KSK bis Presserecht näher zu bringen und journalistische Grundlagen zu vermitteln wie das Schreiben von Nachrichten, Reportagen, Interviews, und ähnliches mehr.

Trotzdem scheinen die Ein-Euro-Jobber ihre Arbeit bei Medienpool als Chance zu begreifen. „Ich finde das Projekt gut“, sagt zum Beispiel Susa Schmiett*. Sie schreibe gerade für die Internetseite von Hamburg Leuchtfeuer ein Interview mit einer Frau, die im Sterben liegt. Die 39-jährige PR-Beraterin, die anderthalb Jahre arbeitslos war, schätzt, wie sie sagt, nicht nur die konkrete Tätigkeit, sondern auch das gute Betriebsklima, den Kontakt und Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Ähnlich sieht das Christian H., der gerade einen Text für einen Flyer für Waage e.V., einem Verein für Frauen mit Essstörungen, schreibt. Er war, wie er sagt, zwei Jahre arbeitslos und davor als Online-Redakteur unter anderem beim Hamburger Abendblatt und bei Computer Bild tätig. „Ich habe bisher noch nie als Selbständiger gearbeitet“, erklärt der 30-jährge Journalist. Ihm sei aber klar, dass er in Zukunft nicht unbedingt mit einer festen Anstellung rechnen könne. Deshalb hält er die Vorbereitung auf eine freie Tätigkeit, wie sie bei Medienpool im Programm steht, für notwendig und sinnvoll. Gleichzeitig erhofft er sich Synergieeffekte durch die Kontakte, die sich durch seine neue Arbeit ergeben. So verwundert es denn auch nicht, wenn für die Ein-Euro-Jobber Medienpool offenbar allemal besser ist , als arbeitslos zu Hause rumzusitzen, auch wenn von dem erklärten Schwerpunkt Wissenschafts- und Medizinjournalismus nicht allzu viel erkennbar ist. Bleibt die Frage, ob sie damit freien Journalisten und Mediengestaltern, die unter dem Strich oft auch nicht mehr Geld verdienen, als Hartz IV-Empfänger, mit unschlagbaren Gratisangeboten Aufträge wegschnappen.

Welche Arbeit ist im öffentlichen Interesse, welche zusätzlich und wer kann sich einen Profi leisten und wer nicht? Auf diese Fragen gibt es nicht immer eindeutige Antworten. Vom Väter-Zentrum, das offenbar ein alleinstehender Vater von zu Hause aus betreibt, hätte man wohl kaum einen bezahlten Auftrag zu erwarten. Aber vielleicht von Hamburg Leuchtfeuer, auf dessen professionell gestalteter Homepage zu erfahren ist, dass der Verein 40 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Peter Kasperek versichert, dass sich Medienpool strikt an die SGB II-Auflagen hält und dass er auch schon zwei Anfragen abgelehnt habe. Angesichts der öffentlichen Beobachtung, unter der das Projekt durch das Medienecho steht, erscheint die Aussage glaubhaft. Sicher kann man aber nur sein, wenn man Medienpool weiter beobachtet und jeden Einzelfall prüft.

 

* Name von der Redaktion geändert

nach oben

weiterlesen

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg. (Aktualisierung am 13.04.21)
mehr »

Corona wirkt als Test für Menschenrechte

Die Menschenrechtslage hat sich in der Covid-19-Krise für Millionen von Menschen unmittelbar oder mittelbar verschlechtert, stellt Amnesty International im weltweiten Menschenrechts-Report 2020/21 fest. In vielen Teilen der Welt hätten die Pandemie und ihre Folgen im letzten Jahr die Auswirkungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Unterdrückung verstärkt. Auch für Deutschland wird Handlungsbedarf ausgemacht.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »