„Ein Onliner denkt multimedial“

Konkrete Nachfragen bei Hamburger Veranstaltung

Wie vielfältig die Fragen sind, die Kolleginnen und Kollegen zum Thema „Online-Journalismus“ sich und anderen stellen, wie groß das Interesse und wie unterschiedlich die Beschreibungen, die Ansprüche und die Lösungsansätze, das dokumentieren unsere Berichte über drei Veranstaltungen, zu denen die Journalisten und Journalistinnen in der IG Medien in der letzten Zeit in Hamburg, München und Saarbrücken eingeladen haben: „Alle reden vom Online-Journalismus – wir auch – aber möglichst konkret.“ Und wir reden von denen, die „Online-Journalismus“ betreiben, den Journalisten, von denen, die für den „Content“ zuständig sind – wie das heute heißt -, nicht nur vom Geschäft.

Die Online-Branche boomt, besonders für Journalisten: Spiegel Online – 25 Redakteurinnen und Redakteure für Text, Bild und Dokumentation, sagt Redaktionsleiter Ulrich Booms; AOL Europe – 80 bis 100 Beschäftigte in den Nachrichtenredaktionen, sagt Nachrichtenchef Matthias Brügge. Und Berndt Schramka, stellvertretender Leiter der Hamburger Henri-Nannen-Schule, stellt fest: „Überall wird gesucht, aber der Markt ist leer.“ Die traditionsreiche Journalistenschule wird folglich bald den ersten Lehrgang junger Kolleginnen und Kollegen begrüßen, die sich dort für Online-Journalismus ausbilden lassen.

Was den Onliner eigentlich von dem gemeinen Print-, Hörfunk- oder TV-Journalisten unterscheidet — darum unter anderem ging es kürzlich bei einer Diskussion unter dem Titel „Headline ohne Deadline?“, zu der die dju Hamburg geladen hatte. Auf dem Podium neben Booms, Brügge und Schramka auch Lorenz Lorenz-Meyer, verantwortlich fürs Redaktionelle bei der ZEIT-Online, und Gunther Haake für die IG Medien. Der Andrang entsprach dem Thema: Weit über 100 Interessierte hatten sich eingefunden.

Zum Auftakt verkündete Booms den Versammelten Beruhigendes: „Der Journalismus ändert sich nicht dadurch, dass es ein neues Mitteilungsmedium gibt.“ Und Schramka sekundierte: „Wer in den Online-Medien arbeite, muss das klassische Handwerk beherrschen.“ Recherchieren, Infos gewichten, Nachrichten schreiben, kommentieren können. Booms wiederum verglich die Arbeit in seiner Redaktion mit der in einer Tageszeitung: „Auch dort sind höchstens 30 Prozent der Informationen selbst recherchiert.“ Damit allerdings endeten die Gemeinsamkeiten.

Denn das Internet ist in Wahrheit nicht einfach nur ein neues Medium, in dem die Texte zur Abwechselung auf dem 17-Zoll-Screen anstatt wie gewöhnlich auf Berliner Format erscheinen. Es ist ein Multimedium, mit Texten, Tönen, Filmen, Animationen, und alles zusammen generiert die Information für den Benutzer. Für Online-Journalisten heisst das: Sie müssen ihre Geschichten anders aufbauen, müssen sie gestalten können. Berndt Schramka: „Die müssen wissen, wann sie welche Technik einsetzen, um die Information rüberzubringen.“ Zum Beispiel? Schramka: „Wenn ein junger Abgeordneter Reife besitzt – wie beschreibt man das auf Papier? Im Web baue ich dafür ein 30-Sekunden-Video in die Nachricht über seine Wahl ins Parlament, und jeder kann sich von dem Mann ein Bild machen.“ Soll heißen: Ein Onliner denkt multimedial.

Und fasst sich kurz dabei. Denn die große Stern-Reportage oder das Spiegel-Essay haben im Netz nur in Archiven etwas zu suchen. AOL-Nachrichtler Brügge: „Als nachgemachte Zeitschrift hat ein Online-Angebot keine Zukunft.“ Beweis: AOL-Untersuchungen hätten ergeben, dass die Teilnehmer des weltgrößten Internet-Providers bei Nachrichten „gerne bis zu sieben Absätze lesen – nicht mehr.“ Online betrachtet, ist selbst Henri Nannens berühmter Hinweis komplett out: „Sie dürfen über alles schreiben – nur nicht über acht Blatt.“ Heute sind es 40 Bildschirm-Zeilen. Oder 5000 Zeichen, bei Spiegel Online.

Ob kürzer oder länger, in jedem Fall erfordert die journalistische Produktion im Netz einen anderen Aufbau als jene auf Papier. Schon deshalb, weil man im Internet einen Text nur selten in Gänze überblicken kann. Darum werde „der gute alte Vorspann im Web wieder zu Ehren kommen“, sagt Lehrmeister Schramka und ist sich sicher: „Das wird auch auf die Tagerszeitungen zurückwirken.“

Was zur Frage führt, ob der Web-Journalismus ähnliche Auswirkungen auf Zeitungen haben wird, wie seinerzeit das Privatfernsehen auf die Zeitschriften. „Natürlich“, sagt Schramka, „denn im Vergleich mit dem Netz ist eine Zeitung schon veraltet, wenn sie auf den Markt kommt.“ Immerhin habe in den USA das Internet als Nachrichtenmedium schon heute einen Nutzungsanteil von zwölf Prozent.

Überflüssig werde die Tageszeitung deswegen jedoch nicht. Sofern es ihr gelingt, künftig mehr als bisher Hintergrund- und Zusatzinformationen zu liefern, Meinungen und Kommentare, kurz, Texte, die beim Leser hängen bleiben. Andererseits, sagt Ulrich Booms, stecke man im Web bei der nutzergerechten Aufarbeitung von Informationen noch sehr in den Kinderschuhen.

Und das Fazit? Das kleidete AOL-Mann Matthias Brügge in ein paar ganz schlichte Worte: „Vergessen Sie endlich den Vergleich zwischen Print und Online. Das sind zwei verschiedene Welten.“ So ist es wohl.

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