Eine-Welt-Preis für „Das grüne Gold“

Screenshot aus dem Trailer "Das grüne Gold": "Sie zwingen dich das Land zu verlassen. Wenn nicht, greifen sie dich an."

„Das grüne Gold – Tote Esel fürchten keine Hyänen“ bekommt in diesem Jahr den Eine-Welt-Preis NRW, der von der Landesregierung NRW gestiftet und am 10. November in Köln vergeben wird. Eine unabhängige Jury hat ihn ausgezeichnet als einen für die Bildungsarbeit besonders geeigneten Film. Die in diesem Jahr prämierten Filme berühren mit ihren gesellschaftlich relevanten Themen Aspekte der Globalisierung, aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven.

Am Flughafen von Addis Abbeba ereilte den schwedischen Filmregisseur Joakim Demmer eine Erkenntnis. Er sah ein Flugzeug, aus dem Lebensmittel für Äthiopien ausgeladen wurden. Und er sah ein anderes Flugzeug, in das Lebensmittel aus Äthiopien für den Export eingeladen wurden. Lebensmittel? Export? Aus einem der ärmsten und beständig von Hungersnöten bedrohten Land? Dieser Frage wollte Joakim Demmer nachgehen und daraus wurde eine weit größere Geschichte. Die erzählt er in dem Film „Das Grüne Gold“. Ein Film über den Kampf um Ackerland als eine der zentralen Konfliktstellen im globalen Maßstab.

In Joakim Demmers Film sieht es aus wie in einem veritablen Thriller. Es geht um die Region Gambela, in der ein großer Nationalpark angesiedelt ist. Das saudische Unternehmen Saudi Star hat sich mit Hilfe der äthiopischen Regierung inzwischen zehntausende Hektar Land angeeignet, um dort Basmati-Reis anzubauen. Die äthiopische Regierung unterstützt solche Landnahmen, weil sie auf Exporteinnahmen hofft und nimmt in Kauf, dass Bauern umgesiedelt werden. In Behördensprache heißt das „Umdorfung“. Die Regierung missbraucht dafür auch Gelder der Weltbank, die eigentlich für den Erhalt einer agrarischen Grundstruktur gedacht sind. Wer hinter diese Machenschaften schaut wie der Jounalist Argaw Ashine, der lebt gefährlich und ist mit Gefängnis bedroht. Inzwischen leisten landlos gewordene Bauern aber auch bewaffneten Widerstand, während andere sich in den Flüchtlingsströmen Richtung Südsudan wiederfinden. Die Jury urteilte: „Ein mutiger, ein relevanter Film, eine spannende, geradezu packende Dokumentation, die weit über das Beispiel Äthiopien hinaus Zusammenhänge aufdeckt und dem Zuschauer einen Perspektivenwechsel ermöglicht.“

In diesem Jahr werden gleich zwei Filme mit dem Thema „landgrabbing“, also Enteignung von Kleinbauern im Interesse von Großunternehmen ausgezeichnet – ein Hinweis darauf, wie ernst das Thema ist. Der zweite Film ist „Mirr – Das Land“. Hier erzählt Regisseur Mehdi Sahebi die Geschichte eines kambodschanischen Bauern, der von Großgrundbesitzern vertrieben wird. Sieben Jahre lang hat Mehdi Sahebi gedreht, immer wieder mit den Bewohnern des Dorfes gesprochen, daraus Dialoge entwickelt. Auf einer zweiten Ebene spielen die Dorfbewohner dann ihre Geschichte und ihren Alltag nach. Sie sind vom Volk der Buong, das keine Schriftspreche kennt. „Mirr“ ist der erste Film, der in dieser Sprache gedreht wurde. Unter diesem Aspekt ist er auch das Dokument einer sterbenden Kultur. Hier urteilte die Jury, der Film „zeigt die Bauern in ihrer bedrohten Würde, porträtiert sie in einer erstaunlichen Nähe, die sich auf den Zuschauer überträgt und entfaltet in einem langsam fließenden Rhythmus ein gleichermaßen komplexes wie poetisches Mosaik.“ „Mirr“ läuft im Fernsehen auf 3Sat, 13.11.2017, 22.55 Uhr.

Das Thema des dritten prämierten Films spiegelt die Kehrseite der Vertreibung: die Flucht. „#myescape“ von Elke Sasse ist ein medial hoch interessantes Modell, nicht über Flüchtlinge zu erzählen, sondern aus ihrer Perspektive. Handyvideos, die Flüchtende selbst auf ihrem Weg gedreht haben, bilden die Basis des Films. So kann man auch z.B. eine hoch dramatische Szene sehen, wie Flüchtende in einem LKW eingesperrt ihre Fahrt erleben und wie lebensgefährlich es für sie dabei wird. Die Filmemacherin befragt die Flüchtlinge zu ihren Bildern und lässt sie diese kommentieren.

Überdies spricht die unabhängige Jury auch Empfehlungen für Filme aus, die sich besonders für die entwicklungspolitische Arbeit eignen. Das sind in diesem Jahr: „Arlette“, die Geschichte eines Mädchens aus der Zentralafrikanischen Republik, das in der Berliner Charite von einer schweren Wunde geheilt wird – der Film läuft am 14.11. 2017 auf 3Sat um 00.45.

„Ebola – das Virus überleben“ von Carl Gierstorfer erzählt eine hochdramatische Geschichte aus Liberia, das vor allem die gesellschaftlichen Folgen der Epidemie im Auge hat; der Film bekam 2016 einen Grimme-Preis. Und „Seeblind“ ist eine faktenreiche und spannende Dokumentation über die Abhängigkeit der Wirtschaft von einer riesigen Frachtschifffahrt, die sich in den Händen weniger Unternehmen befindet.

Seit 40 Jahren arbeitet der Fernsehworkshop Entwicklungspolitik, ein Zusammenschluss von Organisationen aus der Entwicklungsarbeit, der interkulturellen Bildung und dem Film- und Fernsehbereich an dieser Form medialer Bildung. Der Eine-Welt-Preis wird seit 2001 vergeben.

Die Preisverleihung findet am 10. November ab 19.00 Uhr im Filmforum des Kölner Museum Ludwig statt, Regisseur Joakim Demmer wird anwesend sein. Die Filme gelangen entweder über die Initiative von Organisationen in die Bildungsarbeit. Vereine wie Friedensband e.V gehen damit an Schulen. Nähere Informationen unter  www.fernsehworkshop.de.


Reporter ohne Grenzen und das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung laden ein zur: Filmvorführung „Das Grüne Gold“ und Podiumsdiskussion über Journalismus in Äthiopien. Einladung auf der ROG-Webseite

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Algorithmen auf der Spur des Kinogängers

Netzflix, Amazon & Co machen es vor: Mithilfe ihrer Algorithmen werten die großen Streaming-Anbieter ihre Nutzungsdaten aus, binden die Zuschauer_innen durch persönliche Empfehlungen und planen ihre zukünftigen Produktionen. Jetzt nimmt auch ein deutsches Startup die Kinobesucher_innen mit einer App in den Blick. Diese können ihre Daten gegen Filmempfehlungen tauschen und Kinos und Verleiher bekommen so einen direkten Kanal zum Publikum. M hat mit Gründer Jannis Funk über Möglichkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz beim Film gesprochen.
mehr »

Filmtipp: „Kolyma“ von Stanislaw Mucha

Der Regisseur Stanislaw Mucha ist berühmt für seinen Blick für Skurriles, Sonderbares, Schräges. Das hat ihn seinerzeit bekannt gemacht mit „Absolut Warhola“ auf den Spuren der Familie Andy Warhols. Das verführt ihn aber bisweilen auch dazu, die Sache, sein Thema, nicht nur leicht, sondern zu leicht zu nehmen, wie etwa in „Trista – Eine Schwarzmeerodysse“.  Mit „Kolyma“ ist ihm nun wieder ein Film gelungen, in dem er die Balance zwischen dem ernsten Stoff und einer sonderbaren, manchmal rätselhaften Realität findet.
mehr »

Vogelperspektive für mehr Nachhaltigkeit

„Mir fehlt die Hubschrauberperspektive im Journalismus“, so Dietrich Krauß, Redakteur der ZDF-Sendung „Die Anstalt“, jüngst beim Forum Weitblick in Berlin. In engagierten Diskussionen wurden innovative Ansätze für die Berichterstattung über Nachhaltigkeit ausgelotet – angefangen bei konstruktivem Journalismus, der Lösungen zum Problem bietet, bis zu grundsätzlicher Kritik an ökonomischen Rahmungen der Berichte, die das neoliberale System stützen.
mehr »

Steiniger Weg zur Gigabit-Gesellschaft

Es ist unbestritten: Die flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen ist eines der wichtigsten Ziele, wenn Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben möchte. Das war auch ein wichtiges Thema auf der „Anga Com“ in Köln, Fachmesse und Kongress für Breitband, Kabel und Satellit. Allerdings wurde einmal mehr klar: Die bisher gesteckten Ziele konnten noch nicht erreicht werden. Und der Weg hin zur Gigabit-Gesellschaft, die bis 2025 hierzulande Wirklichkeit werden soll, ist noch längst nicht geebnet.
mehr »