„Heute gegen die Sozen, morgen gegen die Schwarzen“

Die Zeit der politischen Richtungs-Magazine im Fernsehen scheint vorbei – Von dem verzweifelten Kampf um Quoten und Qualität

Veteranentreffen beim NDR. Von Gerhard Löwenthal bis Peter Merseburger sind die politischen Magazin-Macher der letzten Jahrzehnte auf das Studiogelände nach Hamburg-Lokstedt gekommen. Zum 40-jährigen Geburtstag von „Panorama“ erweisen sie „der Mutter aller Polit-Magazine“ (taz) ihre Referenz.

Als die alten Herren in trauter Eintracht ihre Geschichten über Pressionen und Proteste, parteipolitische Einflussnahme und redaktionelle Maßregelungen abspulen, ist der aktuelle Leiter der „Panorama“-Redaktion, Kuno Haberbusch, einigermaßen ratlos. Da hat er nichts vorzuweisen. Fehlanzeige. „Ich habe seit fünf Jahren keinen einzigen Beschwerdebrief von einer Staatskanzlei bekommen.“ Womöglich ein Indiz für den Bedeutungsverlust der politischen TV-Magazine, wie Haberbusch freimütig einräumt: „Vielleicht werden wir einfach nicht mehr für wichtig genommen.“

Das war mal ganz anders. „Panorama“-Mitbegründer Gert von Paczensky wurde in den 60er Jahren auf Druck der CDU beim Norddeutschen Rundfunk abgesetzt. Offen hatte der kauzige Magazin-Pionier in seinen Anmoderationen die Oberen attackiert: „Jetzt wollen wir uns mal mit der Bundesregierung anlegen.“ In Anspielung an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht hetzte „Bild“ gegen das bei den Konservativen verhasste Fernsehgesicht: „Der Spitzbart muss weg.“ Mit Erfolg.

Klare Lager, klare Feinde

Klare Lager, klare Feinde. Löwenthal („Zum Antikommunismus brauchten wir nicht getragen zu werden“) gab den Rechtsausleger, Merseburger versammelte die Linken. Am Ende wollen beide Recht behalten haben. „Ich habe 20 Jahre lang für die Freiheit von 17 Millionen Menschen gekämpft. Ich brauche nichts zurück zu nehmen, kein Wort, keine Silbe“, beharrte Löwenthal auf der Hamburger Jubiläumsfete. „Ich habe auch Recht behalten“, konterte sein Antipode Merseburger und verteidigte seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Entspannungspolitik der Ära Brandt/Scheel. „Wenn Löwenthal allein Recht behalten hätte, wäre vieles schief gelaufen.“

Überraschend einig waren sich die altersmilden TV-Veteranen über ihren Arbeitsansatz beim Magazin-Journalismus. „Im Grunde wollten wir alle dasselbe“, behauptete Löwenthal unwidersprochen: „nämlich klarmachen, was hinter der Schlagzeile steckt.“ Mit ihren bissigen Magazinbeiträgen lösten Paczensky und Co. nicht selten von den Parteien fingierte Protestbrief-Kampagnen an die Intendanz oder hitzige Bundestagsdebatten aus. Für den von der CDU wegen seinem offenen Bekenntnis zur Friedensbewegung gemobbten „Report“-Moderator Franz Alt gingen die Zuschauer in Baden-Baden in den 80er Jahren sogar zu einer Solidaritätsdemo auf die Straße.

„Damals hatten wir ein anderes Publikum, das über entsprechendes Vorwissen verfügte“, glaubt TV-Dino Dagobert Lindlau. „Es waren Zuschauer, die sich speziell für unsere Sendung interessierten: für die vergessene Story, für das gegen den Strich bürsten.“ Dieses Publikum, klagt Lindlau, gebe es heute nicht mehr.

Polit-Magazine als Quotengaranten – für die anderen Sender

Den politischen TV-Magazinen, die in den 70er Jahren manchmal halb Deutschland vor den Bildschirm gezogen hatten, sind die Zuschauer zwischenzeitlich in Scharen laufen gegangen. Seit März dieses Jahres liegen ihre Marktanteile unter zehn Prozent. Einige Magazin-Macher versuchen gegen ihren Bedeutungsverlust mit immer mehr seichten Rot- und Blaulichtthemen anzukämpfen. Ohne erkennbaren Erfolg.

Heute seien die politischen TV-Magazine „Quotengaranten für uns Privatsender“, räumt Sat 1-Chefredakteur Jörg Howe ungeniert ein. Schon mangels Quote hätten Polit-Magazine bei den Privaten derzeit keinerlei Chance, wenn es nicht – wie bei „Spiegel-TV“ auf RTL – eine Drittsendeverpflichtung gebe.

So wird „Panorama“ – mit durchschnittlich 3,2 Millionen Zuschauern immerhin erfolgreichstes ARD-Magazin – auch weiterhin mit „Schwester Stefanie“ bei den Privaten konkurrieren müssen. Ohne eine ernsthafte Chance bei der von der Werbewirtschaft fixierten Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren. Das Durchschnittsalter der „Panorama“-Stammkundschaft liegt derzeit bei 54 Jahren.

„Richtungsmagazine sind mega-out“

Doch Redaktionsleiter Haberbusch will den Kampf um die Jungen noch nicht ganz aufgeben. Behutsam hat der couragierte Magazin-Macher „Panorama“ renoviert. Die Richtungsmagazine alter Prägung – rechts aus München, links aus Köln – sind für Haberbusch „mega-out“. Nichts sei langweiliger, „wie wenn ich nach dem ersten Satz weiß, wie die Geschichte zu Ende geht.“ In seiner jungen Redaktionscrew hat der „Panorama-Chef lustvoll die Devise ausgegeben: „Heute geht es bei uns gegen die Sozen, morgen gegen die Schwarzen.“

Das musste unlängst erst Joschka Fischer erfahren. Die „Panorama“-Redaktion ließ sich bei ihren hartnäckigen Recherchen über offenkundige Widersprüche in der Streetfighter-Vergangenheit des grünen Außenministers nicht mit dem Hinweis auf eine laufende Springer-Kampagne verbellen. Eingeschnappt blockte Fischer sämtliche Anfragen der Magazin-Macher ab (siehe M 3/01).

Das alles hat Methode und Tendenz. Im Talkshow-Zeitalter verweigern sich Polit-Promis aller Parteien immer häufiger den unangenehmen Fragen recherchierender Mgazin-Journalisten. „Immer weniger Politiker sind bereit, sich uns für kritische, gründliche Interviews zu stellen“, beklagt Haberbusch. Längst schon würden die wichtigen gesellschaftlichen Debatten nicht mehr in den politischen Gremien oder Parlamenten geführt, sondern in den Talkshows. Hier erhalten die Spitzenpolitiker für ihre Selbstdarstellung kostenlose Sendezeit, von der sie immer dreister Gebrauch machen, in dem sie auf Sendungs-Konzepte und Gästeauswahl massiv Einfluss nehmen.

Allgemeiner Qualitätsverlust

Mit dem Bedeutungsverlust der politischen TV-Magazine geht in dem Zeitalter von Entertainment und Trash ein Qualitätsverlust des Journalismus einher. Die Qualität der Medien gehe zurück, urteilt Thomas Leif, Vorsitzender des neugegründeten „Netzwerks RechercheÓ, „weil die Recherche den Bach runter geht“. Dies liege vor allem an den veränderten Rahmenbedingungen: Journalistische Einzelkämpfer stünden immer öfter hilflos einer Armada von gutgeschulten Politik-Beratern und PR-Abteilungen gegenüber.

„Es gibt immer weniger Geschichten“, klagt Hans Leyendecker, versierter Investigativ-Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Stattdessen grassierte derzeit „eine Enthüllungsmanie“ mit zahllosen „Pseudogeschichten“. Leyendecker auf der Hamburger „Panorama“-Fete: „Da werden viele geschminkte Leichen durch die Republik getragen“.

Häufig werden nach dem Eindruck Leyendeckers unter „den vielen Verschwörungs-Junkies“ Geschichten geboren, die nicht mal die Halbwertzeit eines ganzen Tages hätten. „Manchmal bringt eine Nachrichten-Agentur unter Ver-weis auf ein Blatt eine exclusive Meldung, die eine halbe Stunde später von dem Blatt schon wieder dementiert wird. Und zwar nicht von den Betroffenen, sondern von der Zeitung, die diese Meldung via Agentur verbreiten ließ.“ Es sei alles „so fix geworden“, bedauert Leyendecker, dass für die ordentliche Recherche oft kaum noch Zeit bleibe.

Schnelllebigkeit von Politik und Journalismus

Unter der Schnelllebigkeit von Politik und Journalismus leiden nicht zuletzt die TV-Magazine, die einerseits auf ausrecherchierte Hintergrundgeschichten setzen, andererseits aber doch immer wieder auf die Aktualität schielen müssen. Dabei gibt es nach Einschätzung des TV-Veteranen Franz Alt heute mehr klassische Magazin-Themen denn je: „Wenn kalte Krieger Krieg machen, ist das sicher journalistisch spannend. Wenn aber Pazifisten Krieg machen wie heute, dann müsste das für Politik-Magazine mindestens genauso aufregend sein.“

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