Hysterie anstatt Recherche

„Organisiertes Schweigen“ zu den Hintergründen der WM-Finanzen – ein Gespräch mit Jens Weinreich, Sportchef der Berliner Zeitung.

M | Empfinden Sie die Vorberichterstattung zur Fußball-WM als Spannung steigernde Vorfreude oder als eine Art von Massenhysterie?

JENS WEINREICH | Grundsätzlich handelt es sich schon um eine Art von journalistischer Hysterie. Und das betrifft nicht nur die Sportseiten. In anderen Ressorts, etwa in Wirtschaft und Politik, ist es teilweise noch viel schlimmer und – mit Verlaub – viel dümmer. Da werden Tatarenmeldungen über Dinge, die teilweise Monate alt sind, täglich als neu verkauft. Da ist viel Unsinn dabei.

M | Gibt es in diesem Zusammenhang auch Themen, die eher unterbelichtet erscheinen?

WEINREICH | Ja, etwa die Frage, wie viel diese WM den Steuerzahler eigentlich kostet. Die WM-Macher behaupten, diese WM sei das größte privat organisierte Sportereignis seit Menschengedenken. Das ist eine faustdicke Lüge. Nach unseren Erhebungen wurden sechseinhalb Milliarden Euro aus verschiedenen öffentlichen Töpfen für die Finanzierung dieser WM investiert. Das sagt nur niemand.
Es ist ein Skandal, dass die Politik dem Bürger diese Informationen vorenthält.

M | Woran liegt das? Warum greifen Sportjournalisten und andere Berichterstatter dieses brisante Thema nicht auf?

WEINREICH | Das liegt zu großen Teilen am Desinteresse. Vielleicht auch an mangelhaftem Berufsverständnis sowohl von Journalisten als auch von Politikern.
Für meinen Geschmack stimmen auch in den Medien allzu viele in den Ruf „Hurra, wir sind Deutschland!“ ein. Aufgabe von Journalisten sollte es stattdessen sein, die Hintergründe zu beleuchten.

M | Das Sportnetzwerk gibt demnächst den Sammelband „Korruption im Sport“ mit dem Untertitel „Mafiöse Dribblings, organisiertes Schweigen“ heraus. Gibt es ein „organisiertes Schweigen“ zu den Abgründen der WM-Finanzen?

WEINREICH | Keine Frage, so ist es. Ein Beispiel: Der persönliche Berater und Freund von Franz Beckenbauer heißt Fedor Radmann, der war Vizechef des WM-Organisationskomitees. Er unterhielt Geheimverträge mit Leo Kirch, die er dem OK verschwiegen hatte. Dieser Mann musste daraufhin seinen Posten aufgeben. Allerdings wurde er nicht in die Verbannung nach Sibirien geschickt, sondern werkelt ganz offiziell weiter als Berater des OK. Mit anderen Worten: Er kann jetzt ganz sauber Rechnungen stellen.

M |
 Ehemalige Sportchefs öffentlich-rechtlicher Anstalten wie Jürgen Emig (HR) und Wilfried Mohren (MDR) werden der Korruption überführt. Beklagenswerte Einzelfälle?

WEINREICH | Die Dunkelziffer für Korruption beträgt weltweit mindestens 95 Prozent. Es gibt keinen Grund, im Sportjournalismus von einem signifikant geringeren Wert auszugehen.

M | Ist der Sportjournalismus nicht besser als sein Ruf? Immerhin haben Reporter vom Kicker und der Süddeutschen Zeitung minutiös den Finanzskandal beim Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund enthüllt …

WEINREICH | Bis zum vergangenen Jahr gab es nur einen Preis für „investigativen Journalismus“, den Wächterpreis der Tagespresse. 2005 wurde nach der Umgestaltung des Kischpreises in Henri-Nannen-Preis auch dort eine entsprechende Kategorie eingeführt. Erstaunlicherweise kamen plötzlich beide Preisträger aus dem Sportjournalismus. Eigentlich kein schlechtes Zeichen. In diesem Jahr bekommt den Wächterpreis der Kollege Frank Thonicke von der Hessischen / Niedersächsischen Allgemeine, der die Emig-Affäre ausgegraben hat.

M | Sportrechte sind ein kostbares Gut. Beeinflusst der Zwang zur Refinanzierung der teuren Events Sport und Berichterstattung?

WEINREICH | Weniger den Sport als den Sportjournalismus. Die Berichterstattung der Sender, die über Fußball berichten, – egal ob privat oder öffentlich-rechtlich – hat nichts mehr mit Journalismus zu tun. Ausgenommen die Live-Reportagen, aber das ganze Drumherum nicht. Da reicht ein Blick auf einzelne Akteure und ihre finanziellen Verquickungen. Beckenbauer hat private Sponsorenverträge mit Unternehmen, die gleichzeitig WM-Sponsoren sind, tritt in Werbespots auf, verhandelt gleichzeitig über Fernsehrechte. Oder Günter Netzer, der mit WM-Rechten dealt und gleichzeitig in der ARD die Nationalmannschaft kommentiert. Das alles sind unsägliche Verquickungen.

M | Kritische Sportsendungen wie „Sportspiegel“ und „Sport unter der Lupe“ sucht man bei ARD und ZDF inzwischen vergebens. Können gelegentliche Beiträge in politischen Magazinen dieses Defizit beheben?

WEINREICH | Nein. Was ARD und ZDF im Sportbereich an investigativer Recherche bringen, ist nahezu gleich Null. Eigentlich müsste es in der Herangehensweise von Privatsendern und öffentlich-rechtlichen Anstalten signifikante Unterschiede geben. Ich sehe diesen Unterschied nicht. Woran das liegt, können nur die Senderhierarchen beantworten.

Personalie

Jens Weinreich gewann 2005 den „Wächterpreis der Tagespresse“ für seine Serie mit Enthüllungen über Unregelmäßigkeiten bei der missglückten Olympia-Bewerbung Leipzigs. Im selben Jahr gründete er auch das Sportnetzwerk, einen informellen Zusammenschluss kritischer Sportjournalisten.
Kontakt: www.sportnetzwerk.org

Das Gespräch führte Günter Herkel

nach oben

weiterlesen

RBB: Neuer Anstrich ohne Vorwarnung

Die Ankündigung kam ohne Vorwarnung. Am 15. Februar erhielten die Redaktionen des RBB-Vorabendprogramms die Hiobsbotschaft: Zum Jahreswechsel 2021/22, so teilte Torsten Amarell, Leiter der so genannten „Contentbox Gesellschaft im RBB“ den konsternierten Mitarbeiter*innen mit, bekomme der Vorabend einen komplett neuen Anstrich. Die bewährten Sendungen „rbb um 6“ und „zibb -zuhause in Berlin und Brandenburg“ werden gestrichen. An ihre Stelle treten „90 Minuten live mit Nachrichten, Ratgeber und einem neuen Talk“.
mehr »

Scharfe Kritik an Plänen zur Fusion von ARD und ZDF

Wenn es nach Teilen der Union geht, könnten ARD und ZDF bald zusammengelegt werden. Künftig solle es nur noch eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt geben, heißt es in einem Papier der Mittelstandsunion. Danach sollen die bisherigen Sender unter einem Dach fusionieren. „Mehrfachstrukturen entfallen“ und weniger Unterhaltung soll angeboten werden. Ver.di kritisierte den Vorschlag scharf, der von Lobbyinteressen geleitet sei.
mehr »

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »

Mediale Streitkultur verbessern

„Deutschland spricht“ heißt die Plattform von Zeit online, die politisch konträr denkende Menschen zum Zwiegespräch zusammenbringt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich ganz bezaubernd mit einem Ex-Neonazi unterhalten kann“, so Chefredakteur Jochen Wegner auf der virtuellen Erlanger Medienethiktagung der DGPuK zum Thema „Streitkulturen“. Die engagierten Diskussionen kreisten um die Rolle von Streit in der Demokratie und wie Medien mit Polarisierungen in aktuellen Diskursen umgehen können.
mehr »