kommentiert & aufgespießt: Rüder Umgang & Die letzte Zuflucht

Rüder Umgang

Von Gitta Düperthal | Immer wieder wird die gesetzlich vorgeschriebene Presse- und Informationsfreiheit bei Polizeieinsätzen eingeschränkt: Je stärker Bürgerprotest in Krisenzeiten, desto rüder der Umgang mit Pressevertretern! Bei den Castor-Protesten im November hatte das der Bildjournalist Michael Schittenhelm aus Lindau am Bodensee zu spüren bekommen. Als er das brutale Polizei-Vorgehen gegen Demonstranten im Wendland mit seiner Digitalkamera festhielt, befahlen ihm Beamte mit eindeutigem Drohgebaren, seine Aufnahmen sofort zu löschen: „Mit den Herren der Bundespolizei wird nicht diskutiert“. Warnungen des Fotografen und Freelancers, der für lokale Blätter in Bayern und für Bild unterwegs war, das sei Zensur, ignorierten sie. Selbst Wohlverhalten bringt nichts: Im Vorfeld hatte Schittenhelm eine Akkreditierung zur Polizei geschickt, um wegen seiner langen Anreise sicherzustellen, zum Einsatzort vorgelassen zu werden – „wohl wissend, dass Kollegen das nicht richtig finden, weil auf diese Weise der Presseausweis entwertet wird“. Zwei weitere Journalisten wurden laut Auskunft des Ermittlungsausschusses verletzt, obgleich sie Westen mit der Aufschrift „Presse“ trugen.
Es gibt viele Methoden, Pressearbeit zu behindern: Zum Beispiel unterzogen Polizisten während journalistischer Recherchen im Flüchtlingswohnheim Zella-Mehlis Besucher mit aufwändigen Ausweiskontrollen – was die Flüchtlinge einschüchterte. Erst nach heftigem Streitgespräch zogen sie ab. Verbreitete Unsitte ist, bei Anfrage um Stellungnahme auf die Polizeipressestelle zu verweisen, selbst wenn vor Ort gerade nichts zu tun ist – die verweist dann wieder zurück. Oder: Auskunft erteilende Beamte wollen partout ihren Vornamen nicht nennen, wie kürzlich bei der Bundespolizei Erfurt.
Welche Konsequenzen sind zu ziehen? Können nur Journalisten mit Risikobereitschaft solche Jobs übernehmen – mit Gefahrenzulage oder Entschädigung für vermehrten Rechercheaufwand? Oder wäre darauf zu dringen, Polizisten über den einer Demokratie angemessenen und gesetzeskonformen Umgang mit Journalisten besser aufzuklären? Vermutlich wäre leider selbst dann nicht davon auszugehen, dass sie im Einsatz bei Demonstrationen Pressegesetze einhalten. Doch zumindest wäre für Diensthabende Beamte unschwer zu erkennen, dass die Frage nach dem Vornamen keine Schikane ist, sondern Bestandteil präzise recherchierter Berichte. Fordern wir also, dass bevorzugt kritische Journalisten als Referenten in der Aus- und Fortbildung der Polizei ihre Arbeit darstellen. In freier Debatte – auch mit den Herren der Bundespolizei.

Die letzte Zuflucht

Von Günter Herkel | Ein Großverlegersohn, der öffentlich die Printerzeugnisse des väterlichen Unternehmens niedermacht – sowas hat es in der deutschen Verlagsgeschichte noch nicht gegeben. Kein Wunder also, dass diese Provinzvariante von Dynasty die hiesigen Medien wochenlang in Atem hielt. Dass sich Konstantin Neven DuMont ausgerechnet die Bild-Zeitung als Forum seiner Suada gegen Daddy auserkor, ist allerdings ein besonders bizarres Detail dieses Kasus. Interessant vor allem die Begründung für dieses gemeinhin als geschäftsschädigend angesehene Verhalten: Er habe doch keine andere Wahl, in Köln gebe es ja außer Papas Zeitungen nur noch die des Hauptwettbewerbers Springer. So weit ist es in der vermeintlich so blühenden deutschen Presselandschaft inzwischen also gekommen. Die Bild-Zeitung nicht nur ein Ventil für die Austragung der Generationsrevolten aufmüpfiger Millionärssöhne gegen patriarchalische Väter, nein, angesichts einer ständig schrumpfenden Medienvielfalt sogar das vielleicht letzte Refugium kritischer Geister schlechthin.
Dazu passt auch eine weitere erstaunliche Episode. Seit Mitte September berichtet Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer in einer exklusiven Kolumne über den Kachelmann-Prozess. Und zwar in der Bild. Alice, die Ikone des deutschen Feminismus, living next door to Bild? Wer solches in den 70er Jahren vorhergesagt hätte, dem wäre vermutlich fortgeschrittene Demenz attestiert worden. Dabei hatte sich dieses Bündnis schon vor drei Jahren angebahnt, als Schwarzer sich Bild für eine Image-Kampagne an den Hals warf. Begründung damals: Neben Leuten wie Gandhi oder Willy Brandt solle doch auch mal eine lebendige Frau wie sie in der Werbung auftauchen. Ihre Bild-Kolumne verteidigt Schwarzer mit dem Argument: Wenn sie nur noch für feministische Blätter schreiben dürfe, bliebe ihr ja nur die Emma.
Mit Bild gegen Sexismus und für Frauenrechte – genauso gut könnte im Schlachthaus plötzlich die Tierschutzwoche ausbrechen. Dachten wir wenigstens bislang. Aber der Bild-Losung „Wir sind Papst“ entspricht das Schwarzersche Verdikt „Ich bin Feminismus!“. Und so zieht sie – Unschuldsvermutung hin, Vorurteilsbestätigung her – regelmäßig auf Seite 8 über den angeklagten Wettermann her, während ergänzend die Bild-Stamm-Klientel sich an den Pin-up-Girls von Seite 1 aufgeilt. Konstantin und Alice – zwei besorgniserregende Phänomene einer galoppierenden Pressekonzentration. Wann muss auch Günter Wallraff wieder bei Bild anheuern? Bundeskartellamt, übernehmen Sie!

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di: KSK-Novelle bringt mehr Sicherheit

ver.di hat die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Anpassungen im Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) begrüßt, die am 1. Dezember im Rahmen einer umfassenden Novelle des Vierten Buches im Sozialgesetzbuch verabschiedet wurden. Es sei ein wichtiger Schritt zu mehr Fairness, dass über die Künstlersozialkasse versichert bleiben soll, wer im Hauptberuf künstlerisch oder publizistisch tätig ist, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Umfrage: SoloS sollten mehr über Geld reden

7250 Honorardatensätze zeigen: Solo-Selbstständigkeit ist überwiegend „kein faires Geschäftsmodell“. Trotz hoher fachlicher Qualifikation und langjähriger Berufserfahrung würden Kreative nicht leistungsgerecht entlohnt. Zu diesem nicht überraschenden, doch ernüchternden Fazit kam eine Podiumsrunde im Leipziger Haus der Selbstständigen bei der Auswertung einer branchenübergreifenden Honorarumfrage, der sich 54 Gewerkschaften, Berufsverbände und Interessenvertretungen Solo-Selbstständiger anschlossen.
mehr »

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »