Mediendienst Integration

Die Kopftuch tragende Muslima als Sinnbild der türkischen Frauen in Deutschland – Klischees wie diese prägen die Berichterstattung über Migration und Integration, die oft diskriminierend und emotional aufgeladen ist. Wer den neuen „Mediendienst Integration“ zu Rate zieht, erfährt, dass nur 28 Prozent aller Türkinnen in der Bundesrepublik ein Kopftuch tragen, das für diese Bevölkerungsgruppe so „repräsentativ ist wie eine Lederhose in einem Bericht über Deutsche“.

„Wir wollen die Debatte versachlichen durch mehr Infos, mehr Aspekte“, sagt Ferda Ataman, Projektleiterin des „Mediendienstes Integration“, der sich vor allem an Journalisteninnen und Journalisten wendet, die über Einwanderung und Integration berichten. Auf seiner Website bietet er unter Schlagwörtern wie Migration, Integration, Religion aufbereitete Statistiken und Hinweise auf Studien und Ansprechpartner, die auch einmal eine andere Perspektive in die Debatte bringen können. „Wir wollen, dass mehr Leute zu Wort kommen als die immer wieder zitierten zwei, drei Experten“, so Ataman.

Der „Mediendienst Integration“ besteht aus einem Internetauftritt (mediendienst-integration.de), der seit Ende November 2012 online ist. Vom Berliner Büro aus beantworten die Journalistinnen Ferda Ataman und Rana Göroglu Anfragen per Mail oder Telefon und vermitteln Kontakte. Außer diesem „Quick-Response“-Service will der Mediendienst auch eigene Themen setzen und liefert das notwendige Grundlagenwissen. Dabei greift das gut vernetzte Team auf wissenschaftliche Studien zurück und vergibt auch selbst Gutachteraufträge – etwa zum politisch brisanten Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Migration.
Anregungen für ihre Berichterstattung bekommen Medienschaffende über einen Newsletter-„Themen-Alert“, den bisher 200 Journalisten abonniert haben. Dort gibt es z. B. Hinweise auf Jahrestage wie den am 31. Januar 2012 verabschiedeten Nationalen Aktionsplan Integration, der sich jetzt als Aufhänger für eine erste Bilanz eignet. „2013 werden die ersten Optionskinder fällig“, nennt Ataman ein weiteres aktuelles Thema, das über 3.000 mehrstaatliche Einwanderkinder betrifft, die sich nun für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen.

Träger des Projekts ist der Rat für Migration, ein bundesweiter Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die zu Einwanderung und Integration forschen. Ein Beirat, in dem vor allem Medienvertreter sitzen, soll helfen, die Auswahl der angebotenen Themenexpertisen an den Bedürfnissen der Redaktionen auszurichten. Finanziert wird der kostenlose Service für Medienschaffende von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung und vier Stiftungen.
Pro Woche gibt es inzwischen drei bis fünf Anfragen. Genutzt wurde der Service bisher von Medien wie der taz, Deutsche Welle, WDR, Hürriyet, erinnert sich Projektleiterin Ataman und verrät: „Nach 100 Tagen zieht der Mediendienst Integration auf seiner Beiratssitzung am 8. Februar seine erste Minibilanz.“

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Israel vor der Parlamentswahl

Wenn nächste Woche in Israel die Wahllokale öffnen, stimmen rund 7,3 Millionen Wahlberechtige über mehr ab, als nur die Verteilung von 120 Parlamentssitzen. Es ist die erste Wahl nach dem Terrorangriff 2023. Seitdem wurde auch die Pressefreiheit erheblich eingeschränkt.
mehr »

Angriff auf die letzten kritischen Medien

Am Zeitungskiosk in Belgrads Innenstadt scheint mit der großen Auswahl an Magazinen und Zeitungen noch Medienvielfalt zu herrschen. Doch dieser Eindruck täuscht: Die meisten Printprodukte und Fernsehsender stehen Machthaber Aleksandar Vučić nahe. Unabhängiger Journalismus gerät zunehmend unter Druck.
mehr »

Schrittmacher für den Lokaljournalismus

„Im Lokalen schlägt das Herz des Journalismus, hier ist er für die Menschen besonders gut erlebbar.“ So Netzwerk Recherche, das Lokaljournalist*innen mit einem Fellowship Lokale Recherche und einem Support Desk unterstützt, da sie unter wachsendem Druck Demokratie und mediale Glaubwürdigkeit verteidigen müssen.
mehr »

Streamingdienste brauchen Standards

Anlässlich der heutigen Bundestagsanhörung zum Regierungsentwurf zum Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz (MedienInvestVG) und zur Situation der Filmbranche bekräftigt ver.di ihre Forderung zur Nachbesserung des Gesetzes zur stärkeren Berücksichtigung guter Arbeitsbedingungen in Filmproduktionen.
mehr »