Motor mit Automatik

Verlag wird zum industriellen Fertigungsort – weniger Arbeitsplätze

Die Verlagsgruppe Madsack ist ein Vorreiter bei der Einführung des so genannten „Digital Workflow“. Bereits seit gut zehn Jahren investiert der Verlag massiv in die Digitalisierung und Neustrukturierung der Arbeitsabläufe. Die Folge ist ein Stellenabbau von 50 Prozent.

„Sie kommen nicht umhin, das gleiche zu tun, was VW gemacht hat. Wenn Sie auf alten Filmen Fließbänder sehen, dann stehen dort eine Menge Leute herum. Heute ist das nicht mehr der Fall“, sagte Friedhelm Haack, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsanstalt Madsack (Hannover Allgemeine Zeitung, Hannoversche Presse) beim Kongress der Zeitungsverleger am 29. September 2003. Der digitalisierte Produktionsablauf sei „ein Motor, der vollautomatisch läuft, und zwar über Redaktion, Anzeigensatz, Druckereiansteuerung, Computer to plate, über Anzeigendisposition, kaufmännische Abrechnung bis hin zu Integration in SAP.“ Eigentlich sei der Ablauf vom Grundgedanken simpel, erklärt Bernd Kirchhof, Betriebsratsvorsitzender bei Madsack: „Alles ist für den Computer lesbar.“ Einmal eingegebene Daten können im folgenden Arbeitsschritt weiterverwandt werden.

Halbierung der Beschäftigtenzahl

Friedhelm Haack betonte, das Ziel sei nicht neue Technologien als Selbstzweck einzuführen, sondern langfristig und geplant Personal abzubauen. Bei Madsack heißt dies im Detail: Noch 1992 beschäftigte die Verlagsgruppe in Niedersachsen 1600 Mitarbeiter, bedingt durch Rationalisierungen sind es nach eigenen Angaben heute noch 900, weitere 100 sollen im Rahmen von Vorruhestandsregelungen gehen. Auch in der Vergangenheit seien die Arbeitsplätze durch Altersteilzeit und Vorruhestandsregelungen abgebaut worden, bestätigt Bernd Kirchhof. Betriebsbedingte Kündigungen habe es durch die Rationalisierung nicht gegeben. „Aber die Arbeitsplätze sind natürlich trotzdem verloren“, stellt er fest. Für den Konzern ist der Digital Workflow ausschließlich der Hebel, um die Kosten zu senken. Haack rechnete den beim Zeitungskongress anwesenden Verlegern und Geschäftsführern vor, dass durch die Halbierung der Beschäftigtenzahl rund 35 Millionen Euro pro Jahr gespart werden könnten. Die Personalkostenquote liege bei der Verlagsgruppe Madsack heute nur noch bei rund 30 Prozent.

Besonders im Anzeigenbereich wurde radikal rationalisiert. Das System ist vergleichbar mit dem Kreditinstitut, das seine Kunden ermuntert, ihr Girokonto online selbst zu verwalten. Ebenso wie die Banken, spart Madsack mit seinem Online-Servicecenter Personalkosten ein. Laut Geschäftsführer Haak haben sich bereits 48.000 User dort registrieren lassen. Rund 30 Prozent der Rubrikanzeigen würden heute online aufgegeben werden. Doch auch für gebaute Anzeigen fanden die Verlagsmanager eine Lösung. Wer mehrmals eine layoutete Anzeige schaltet, erhält Musteranzeigen zur Verfügung gestellt – Details kann der Kunde selbst ändern, die entsprechenden Werkzeuge werden mitgeliefert. Dieses Angebot erhalten zum Beispiel Kfz-Händler, aber auch Bestatter, denn Traueranzeigen variieren in der Regel nur wenig. Aber auch der Verkäufer eines Gebrauchtwagens kann zum Beispiel online auf Musterfotos zurückgreifen. Die Geschäftsleitung erhofft sich dadurch 120 bis 150 Beschäftigte „einzusparen“.

Ebenfalls zur Mitarbeit erzogen werden die Abonnenten. Für die Urlaubszeit die Zeitung online abbestellen ist ebenso unkompliziert, wie ein neues Abonnement einzurichten. Derzeit würden rund 15 Prozent der Vorgänge im Abonnementbereich online erfasst, sagte Haak beim Zeitungskongress. Unsichtbar für den Kunden sind die Prozessabläufe im Online-Servicecenter im Hintergrund bis ins Detail digitalisiert. Sogar die Rechnungen werden automatisch ausgelöst, menschliche Arbeitskraft ist dabei unnötig.

Einfach Text übernehmen

Im fernen Spanien, bei der Zeitung El Pais wurden die Verlagsmanager auf der Suche nach weiteren Einsparpotentialen fündig. Dort können die einzelnen Redaktionen des Konzerns untereinander auf die Texte zugreifen. Dies könnte in Zukunft bei Madsack bedeuten, dass zum Bespiel Redakteure der Waldeckischen Landeszeitung nachsehen, wie ein bestimmtes Thema von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung kommentiert wird und sie diesen Text übernehmen. Noch steht nicht fest, ob Madsack das System konzernweit einführt. Zunächst ist ein Pilotprojekt bei der Waldeckischen Landeszeitung und der Oberhessischen Presse geplant.

 

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