Mythos Reporter in Locarno

Reflektion von Verhältnis Film und Journalismus

Das Timing war perfekt: Nach dem Cannes-Erfolg von Michael Moores investigativem „Fahrenheit 911“ tauchte das 57. Internationale Filmfestival von Locarno im August mit der Retrospektive „Newsfront“ tief und nachhaltig in die Reflektion von „Film und Journalismus“ ein.

Ein investigativer Film mischt sich in die Politik ein und schickt sich an, bei den US-Präsidentschaftswahlen Geschichte zu schreiben. Der Regisseur wandelt sich vom Künstler zum Reporter, attackiert und macht sich faktisch angreifbar. Diese – keineswegs neue – Erscheinung erreichte mit dem Anti-Bush-Film von Moore neue Popularität, was eine andere Verantwortung bei Festivals und Kritik erfordert.

Passend dazu organisierte Locarno die Retrospektive „Newsfront“: In über 90 Filmen versuchte man, „Film und Journalismus“ zu erkunden, wobei der „Filmemacher als Reporter“ nur eines von vier großen Themenfeldern an der „Newsfront“ von Locarno war. Der Typus des Journalisten im Film, das Genre des „Zeitungsfilms“ und die uralte Frage nach Objektivität oder Wahrheit (The Impure Eye) wurden ebenso spannend bebildert.

Es sind vor allem die filmischen (und literarischen) „Prototypen“ des Reporters, die Filmgeschichte geschrieben haben: Weitgehend unerkannt konnte der amerikanische Pulitzerpreisträger Carl Bernstein im August am Lago Maggiore flanieren. Seine von Dustin Hoffman verkörperte Rolle als Watergate-Enthüller in „Die Unbestechlichen“ (Alan J. Pakula, 1976) prägte jedoch das Berufsbild von Journalisten-Generationen. Bernstein, dessen wechselhaftes Leben auch Thema des wenig schmeichelhaften Ehedramas „Sodbrennen“ (1985) war, präsentierte seine Film-Legende „Die Unbestechlichen“, die ihn und Partner Bob Woodward (gespielt von Robert Redford) zu Ikonen der Schreiberszene machte, vor tausenden Zuschauern im Open Air-Kino der Piazza Grande. Bernstein ist immer noch sehr zufrieden mit dem Film, merkte aber an, dass investigativer Journalismus in Realität eine unspektakuläre und sehr zeitaufwendige Arbeit mit endlosen Telefongesprächen und Fragen sei. Am negativen Ende der Typenskala manipuliert Kirk Douglas als „Reporter des Satans“ (1951) im Meisterwerk des Ex-Journalisten Billy Wilder ein Bergwerksunglück für die eigene Karriere. Ebenso überraschend aktuell wirkt der brillant zynische Kolumnist J.J. Hunsecker (Burt Lancaster) im bitteren Klassiker „Sweet Smell of Success“ („Dein Schicksal in meiner Hand“, 1957), der mit der Macht seiner Klatschspalte über Leichen geht.

Unerschöpflicher Fundus für Diskussionen

Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff zeigte in Locarno nicht nur sein neuestes Werk „Der neunte Tag“, in der Retrospektive liefen „Die verlorene Ehre der Katherina Blum“ (1975 nach Heinrich Böll) und „Die Fälschung“ (1981). Die Frage nach den Medien von heute brachte den stillen Mann in Rage: „Katharina Blum streitet noch um ihre Ehre, weil die ‚Zeitung‘ sie in ihren Dreck zieht, heute wird ja jeder auf diese Art und Weise behandelt, das ist schon ganz normal.“ Während er beim Film mit Stilmitteln eine gewisse Distanz schafft, halten die Fernsehkameras heute hemmungslos drauf. Echte Menschen werden zu „Schauspielern ihres Schmerzes, den sie gar nicht ausdrücken können.“

Wenn Film selber zur investigativen Reportage wird, dann will er nicht nur wirken, sondern auch verändern. Im Idealfall wie Errol Morris mit seiner kriminalistischen – und ästhetisch wegweisenden – Dokumentation „The Thin Blue Line“ (1988), die einen unschuldig des Mordes Verurteilten rehabilitierte.

Richtig politisch wollte die neue Dokumentation „The Hunting of the President“ eine Verschwörung gegen Bill Clinton aufdecken. Die Michael Moore-Epigonen Nickolas Perry und Harry Thomason (ein langjähriger Clinton-Freund) ließen allerdings nur Fragen zurück: Wem nutzt dieser Film? Der Wahrheit? Der einen oder anderen politischen Richtung?

Abgesehen von der Binsenweisheit, dass es „die Wahrheit“ an sich nicht gibt, ist bei derart deutlichen Stellungnahmen und Meinungen ein Filmfestival gefragt, das nach dem Abspann weiterdiskutiert. Genau das leistet Locarno unter der Leitung der ehemaligen italienischen Filmkritikerin Irene Bignardi eher als andere große Festivals. Hier findet in vielen Sektionen ein einmaliges Engagement statt, das auch noch nach den Startterminen „aktueller“ Filme wirken sollte. So war „Newsfront“ wie schon die letztjährige Retro „Jazz im Film“ gleichzeitig ein Augenschmaus für Cineasten und ein unerschöpflicher Fundus für Reflexion und Diskussion. Begleitend erschien die reichhaltige und gut editierte Publikation „Print the Legend. Cinema and Journalism“ (Hrsg. Giorgio Gosetti, Jean-Michael Frondon).

 

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