DIGITALIASIERUNG : PRINT

Arbeitsalltag eines Redaktronikers

Manchmal schwelgen die Kolleginnen und Kollegen in der kleinen Lokalredaktion einer großen westfälischen Familienzeitung in Erinnerungen: „Das waren noch Zeiten“, schwärmt der Lokalchef seiner jungen Mitarbeiterin vor, „da haben wir unsere Zeilen noch in eine Schreibmaschine gehämmert, anhand eines Schriftenbahnhofs einen Titel gebastelt, und abends brachte ein Kurier die Texte mit den entsprechenden Bildern und einem geskribbelten Layout in die Druckerei. Fertig.“

Heute hat der digitale Rinderwahn die Redakteurinnen und Redakteure in der kleinen Lokalredaktion voll infiziert. Nach dem Booten der Text-, Layout- und Bildbearbeitungsstationen loggt sich der Frühredakteur per ISDN in den Zentralrechner ein. An guten Tagen ist diese Arbeit mit einem kleinen Dutzend Mausklicks erledigt, doch oft erscheint das vertraute Echo auf dem Bildschirm: „Ziel ist zur Zeit nicht errreichbar“ oder „Attachfehler an Adresse 85 f“ – was immer das bedeuten mag. Im günstigsten Fall klappt es später vielleicht, wenn nicht, begibt sich der Redakteur in den redaktionseigenen Technikraum. Die Befehlskette ist Routine: „ISDN: down“, „Exit“, „Server“, „Load Callmgr“, zwischendurch Enter-Taste nicht vergessen. Redaktionsserver und Router werden von den Redakteuren gekonnt runter- und raufgefahren.

Der Frühredakteur unternimmt einen neuen Anlauf, dem zentralen Server im Druckhaus seine Geheimnisse zu entlocken. Dort schlummern die neuesten E-Mails diverser Pressestellen. Hier stößt der digitalisierte Redakteur an seine Grenzen. Der gesamte Zeitungsverlag mit seinem weitverzweigtem Redaktionsnetz verfügt nämlich nur über einen Internet-Zugang, und der befindet sich im „Haupthaus“. Aus Ermangelung eines redaktionseigenen Internetanschlusses werden die E-Mails von hilfreichen Kollegen aus der Mantelredaktion von Hand in das Redaktionssystem kopiert.

An manchen Tagen bleibt der Zentralserver den KollegInnen aus der kleinen Lokalredaktion jedoch verschlossen. Dann hilft nur noch der Redaktionstechniker im Mutterhaus oder der Technical Support, eine konzerneigene Gesellschaft für das „Electronische Produktionsmanagement“ – kurz: EPM. Die Sache hat nur einen Haken: EPM und Redaktionstechnik sind erst am frühen Nachmittag zu erreichen – falls sie zu erreichen sind. Kein Problem für den Frühredakteur, der nach etlichen Mausklicks inzwischen nicht mehr allein in der Redaktion ist. Er weiß sich in der Zwischenzeit zu beschäftigen.

Freie Mitarbeiter liefern ihre Texte vom Vorabend per Diskette an, und diese wollen eingelesen werden. Leider kennt das Redaktionssystem nicht die gängigen PC-Textverarbeitungsprogramme. Über die eingängige Befehlskette „AS-Datei auswählen“, „Neue Datei?“ „Ja“, „Text einlesen“, „Codetabelle“, „agent_as.lad“, „Laufwerk wechseln“, „A“, „Dateiname“, „Enter“ erscheint der Text des freien Kollegen – leider heute wieder ohne die Umlaute „ä, ö und ü“. Das Problem mit dem komplizierten „ß“ hat sich Gott sei Dank durch die neue Rechtschreibung weitgehend erledigt. Die kleinen häßlichen Setzfehler werden halt später per Hand korrigiert. Dafür bleibt später schließlich noch genügend Zeit, wenn die digitalisierten Bilder vorab online ins Druckhaus gesendet werden. Da hat der Rechner eine gute dreiviertel Stunde dran zu ackern und läßt niemand sonst an sich ran.

Apropos Bilder: Die werden (fast) druckreif ausschließlich von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geliefert. Fest angestellte Bildredakteure gibt es nicht. Das Scannen der Bilder, die Farbkorrekturen, das Spiel von Magenta und Cyan und der gekonnte Wechsel vom RGB-Modus (Rot-Grün-Blau) in YMCK (Yellow-Magenta-Cyan) ensprechend dem neuen Colormanagement bereitet den Textredakteuren in der kleinen Lokalredaktion keine Probleme. Einer der ihren wurde schließlich in aller Ruhe außerhalb des redaktionellen Produktionsstresses an drei Tagen gründlich geschult. Er hat seinen anderen KollegInnen anschließend kurz die Feinheiten der digitalen Bildbearbeitung und die Grundlagen der Farbenlehre erklärt.

Das Freistellen der Bilder und der Import der Bilddateien in das elektronisch gebastelte Seitenlayout ist unproblematisch. Die Bildbereiche werden den Jobs einfach mit Doppelklick zugeordnet: „Zuordnen“, „Bildname“, „OK“, Datei-Ast bis zum Ziel durchklicken, „Datei auswählen“, „Doppelklick“, „Anpassen?“, „Nein“ – fertig. Nur das Senden der Bilder ist ein wenig gewöhnungsbedürftig: „Bild senden“, „OK“, Tasten-Kombi „ALT-Shift“, Programmmanger wählen, Datei-Manager mit Doppelklick öffnen, kurzes Drop Down an der Menüauswahlleiste, „Neues Fenster“, „Fenster nebeneinander“, Laufwerk wechseln, Datei-Ast durchklicken, Bilddatei markieren und mit gehaltener linker Maustaste ins neue Fenster ziehen. Loslassen nicht vergessen.

Ahnungslose Kritiker und Gegner der modernen Redaktionstechnik melden sich bisweilen zu Wort, wo denn der unmittelbare Kontakt mit den Lesern bleibe. Die Kritiker können beruhigt werden. Es gibt ja noch Telefon und Fax – für die kleine Recherche zwischendurch.

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