Ratzfatz erziehen – die Kamera hält drauf

Fünf Millionen sahen Super-Nanny am Bildschirm

Erziehung ist manchmal mühsam, erfordert einen langen Atem, stellt komplexe Anforderungen an die Eltern. Ein schnelles Rezept gegen Nachwuchssorgen ist da verständlicherweise gefragt. Aber was haben Journalisten damit zu tun? Offenbar eine Menge: Denn mit den Erziehungsproblemen lässt sich Quote machen, wie die RTL- Reihe „Super Nanny“ zeigt.

Bis zu fünf Millionen Zuschauer verfolgen in der „Super Nanny“ am Bildschirm, wie die Diplompädagogin Katharina Saalfrank für zwei Wochen in eine Problemfamilie mit verhaltensauffälligen Kindern geht, dort für Zucht und Ordnung sorgt und innerhalb kürzester Zeit aus den schwierigen Kindern (äußerlich) brave Kinder macht. Super Nanny gibt strenge Regeln vor, sperrt die Kinder auf „stille Treppen“ oder ins Kinderzimmer, und rüffelt die Eltern für inkonsequentes Verhalten. Die Kamera ist ständig dabei – ob der renitente Nachwuchs „alleine“ im Kinderzimmer sitzt oder vor lauter Verzweiflung droht, aus dem Fenster zu springen. Nicht nur Quotenrechner strahlen angesichts der Zuschauerzahlen, auch zahlreiche Printmedien berichten über die Super Nanny, sie hat offenbar einen Nerv getroffen.

Rechte der Kinder verletzt

Geäußert haben sich aber auch zahlreiche kritische Stimmen, die diese Reihe zum einen aus pädagogischen, zum anderen auch aus journalistischen Gründen äußerst kritisch sehen. Sie wissen, es gibt einen immensen Bedarf an Informationen zum Thema Erziehung: viele Eltern sind angesichts der komplexen Welt, in die sie Kinder hinein erziehen, überfordert, vermissen Vorbilder, suchen Anhaltspunkte. Die Medien können und müssen hier einen Beitrag zur Aufklärung im besten Sinne leisten – schließlich geht es nicht nur Eltern etwas an, wie die nachwachsende Generation groß wird. Doch solche Sendungen müssen seriös sein. Wie bei allen anderen Themen auch muss eine gründliche Recherche zugrunde liegen, müssen Fachleute befragt und aktuelle Forschungsergebnisse einbezogen werden. Es gilt auch, Zusammenhänge aufzuzeigen, die Erziehung beeinflussen wie Arbeitslosigkeit und finanzielle Not, die Familien belastet oder Eheprobleme. Sie führen dazu, dass Kinder „re“- agieren und auffällig werden.

Der deutsche Kinderschutzbund hat in einer Erklärung deutlich gemacht, dass die schnellen Methoden der „Super Nanny“ aus fachlicher Sicht unakzeptabel sind: die Super Nanny erreiche vielleicht kurzfristig eine Änderung des kindlichen Verhaltens, da die Ursachen jedoch unverändert bleiben, sei keine nachhaltige Wirkung zu erwarten. Natürlich, so die Experten, brauchen Kinder auch Grenzen, klare Regeln und verlässliche, konsequente Eltern. Doch die „Supernnanny“ übe schlicht Macht aus und missachte die Rechte der Kinder.

So werde unter anderem das Recht des Kindes auf Würde verletzt: In einer Folge wird das problematische Kind öffentlich vor laufender Kamera als „Monsterkind“ bezeichnet; das Recht auf Gewaltfreiheit: Die Problemkinder werden von „Super Nanny“ körperlich traktiert; das Recht auf Wahrung der Privatsphäre: Alle Kinder, auch die Geschwisterkinder, werden mit vollem Namen, tatsächlicher Adresse etc. genannt und im Bild gezeigt, die Familie ist also öffentlich eindeutig zu identifizieren. Die für die Reihe „Super Nanny“ zuständige Redakteurin Adomako weist diese Vorwürfe als „nicht fundiert“ zurück, bezeichnet die Stellungnahme des Kinderschutzbundes als „Traktat“ und sieht keinerlei Handlungsbedarf.

Nicht die einzige Alternative

Für Eltern, die mit ihren Erziehungsproblemen besser fertig werden wollen, ist die „Super Nanny“ keineswegs die einzige Alternative. Es existiert ein breites Angebot von Erziehungsberatungsstellen über Jugendämter bis zu Schuldnerberatung, zahlreiche Kinderorganisationen, Kirchen oder Privatinitiativen engagieren sich für Eltern und Kinder. Das sollte in Erziehungssendungen auch deutlich werden, fehlte jedoch zumindest in den ersten Folgen dieser Serie. Es gibt Elternkurse, die den Eltern seriöse Handreichungen für den sinnvollen Umgang mit den Kindern geben. Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler, Direktorin des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie an der FH Köln und Leiterin des Forschungsprojekts „Erziehungskompetenzen unterstützen“ hat verschiedene Elternkurse untersucht und kommt zu dem Schluss, dass fundierte, präventive Elternarbeit wie der Kurs „Starke Eltern – starke Kinder“ des Kinderschutzbundes die elterliche Kompetenz deutlich erweitern kann und somit nachhaltig gelungene Erziehung fördert.

Nur: dieses Unterfangen ist mühsam, erfordert von den Eltern kontinuierliche Anstrengung und immer wieder neue Reflexion über das eigene Verhalten. Die „Super Nanny“ dagegen bietet die scheinbar schnelle Lösung an. Das entspricht offenbar mehr dem Zeitgeist des Publikums als anspruchsvolle Beratungsarbeit. Das Ergebnis: die Erziehungsberater klagen darüber, dass jetzt einige Familien die Therapien abbrechen wollen, weil es „doch auch schneller geht“ wie die „Super Nanny“ zeige. Viele Eltern setzen ohne jede fachliche Begleitung das im Fernsehen Gesehene zu Hause um und Kinder, die Hilfe brauchen, werden gar nicht mehr zur Beratung gebracht.

Medien verantwortlich

Die Medien, die ein solches Format ausstrahlen, haben also eine enorme Verantwortung, denn es hat Folgen. Vor allem für die direkt betroffenen Kinder, die in der Sendung vorgeführt und damit öffentlich abgestempelt werden.

Journalisten müssen bei der Arbeit mit Kindern eine angemessene Sprachebene haben, die Kinder vorher darüber informieren, was mit ihnen geschieht, ihnen das Recht geben, auf eine bestimmte Frage nicht zu antworten, wenn sie es nicht wollen. Kinder brauchen Vor- und Nachbetreuung bei den Aufnahmen, sie brauchen einen angemessenen Zeitrahmen und sie haben selbstverständlich ein Recht auf Wahrung ihrer Würde und ihrer Privatsphäre.

Leider lernen Journalisten dies alles selten in ihrer Ausbildung. (Zu den Ausnahmen gehört der WDR. Hier lernen Volontäre den Umgang mit Kindern vor Mikrofon und Kamera.) Es wäre zu wünschen, dass das Thema Erziehung mehr Raum in seriösen Sendungen bekommt, dass die Menschenrechte der Kinder auch in den Medien ernst genommen werden und dass nicht aus Quotengier dem Fast-food-Zeitgeist entsprechend die wertvolle Arbeit engagierter Kinderorganisationen und Fachleute konterkariert wird.

 

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