ver.di-Filmpreis für Seenot-Doku

DOK Fest Leipzig Foto Sophie Mahler

„Einhundertvier“ ist der Titel des Preisträgerfilms des diesjährigen ver.di-Preises für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness auf dem Internationalen Leipziger Dok-Festival. Er zeigt in Echtzeit die Rettung von 104 in Seenot geratenen Geflüchtenden im Mittelmeer und dokumentiert auf erschütternde Weise das alltägliche Leid, das sich zwischen afrikanischen und europäischen Küsten abspielt.

„DOK Leipzig war für mich schon als kleiner Junge faszinierend, jedes Jahr war ich zum Festival im Kino. Später war ich mal in einer Jugendjury dabei und war elektrisiert von der Atmosphäre. Und als ich vor einigen Wochen die Mitteilung bekam, dass mein erster langer Film bei DOK Leipzig Weltpremiere haben würde, war das für mich das Größte. Und nun bekomme sogar einen Preis dafür.“ Jonathan Schörnig war fassungslos, als sein Name für die Auszeichnung mit dem ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness genannt und sein Film „Einhundertvier“ mit dieser kurzen Laudatio gewürdigt wurde: „Wir erleben eine humanitäre Rettungsaktion – vermittelt mit klassischen dokumentarischen Mitteln, wie sie die heutige Technik erlaubt. So sind wir in Echtzeit sehr nah bei den Menschen in dieser Szenerie und werden der natürlichen Dramaturgie ausgeliefert. Wie wir wissen, ist dies nur der erste Akt eines menschlichen Dramas mit ungewissem Ausgang. Der Film macht es möglich, zu begreifen, welche Dimensionen diese alltägliche Tragödie im Mittelmeer hat.“ Der ver.di Jury gehörten in diesem Jahr der Theaterregisseur Jürgen Kautz, die Journalistin Gundula Lasch und der Filmwissenschaftler Rüdiger Steinmetz an. Dass dem ver.di-Preis drei weitere, darunter die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm, folgen würden, konnte der 32jährige Leipziger Filmemacher zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Am Ende des DOK-Festivals war „Einhundertvier“ der mit den meisten Preisen bedachte Film.

Jonathan Schörnig, der diesjährige Preisträger des ver.di-Preises für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness bei DOK Leipzig, mit seiner Protagonistin Clara Richter. Foto: Gundula Lasch

Europäische Abschottung kostet täglich Menschenleben

Wir alle wissen, dass die gefährlichste Fluchtroute der Welt jedes Jahr Tausende Menschen das Leben kostet. Allein im ersten Halbjahr 2023 starben fast 2.000 Menschen im Mittelmeer. Dies ist das Ergebnis europäischer Abschottungspolitik: Die Europäische Union finanziert das Vorgehen der libyschen Küstenwache, praktiziert über Frontex illegale Pushbacks und geht gegen private Seenotrettungsmissionen vor. Dies alles zu wissen, heißt noch nicht, das unermessliche Leid und die Unmenschlichkeit zu begreifen, die diese Handlungspraxis hervorbringt. Jonathan Schörnig gibt uns die Chance, zumindest eine Vorstellung davon zu bekommen: In „Einhundertvier“ zeigt er zeitgleich bis zu sechs Kameraeinstellungen und mitlaufender Timeline, wie quälend lange es dauert, 104 Personen von einem sinkenden Schlauchboot mit Schwimmwesten zu versorgen und sie einzeln mit einem kleinen

DOK Leipzig

DOK Leipzig ist das größte deutsche und eines der führenden internationalen Festivals für künstlerischen Dokumentar- und Animationsfilm sowie für interaktives Storytelling. Darüber hinaus ist es mit seinen umfangreichen DOK Industry-Angeboten einer der wichtigsten Treffpunkte für Fachbesucher*innen aus aller Welt.

Schlauchboot zu bergen und zum Rettungsschiff „Eleonore“ zu bringen. Und als sei das alles nicht dramatisch genug, taucht auch noch ein Schiff der libyschen Küstenwache auf und bedroht die Rettungsaktion. Dass diese gelingt, erfordert alle Kräfte der nur neunköpfigen Crew. Im Gesicht der einzigen Frau des Teams, der damals 25jährigen Clara Richter bei ihrem ersten Seenoteinsatz, ist diese Belastung über die rund 80 Minuten des Einsatzes abzulesen. Sie sorgt mit ihren Ansprachen und der helfenden Hand ins rettende Boot unermüdlich dafür, dass keine Panik unter den Flüchtenden entsteht und alle geborgen sind, bevor ihr leckendes Fluchtboot sinkt. Das „Nachspiel“ der dramatischen Rettung wird in einer knappen Viertelstunde erzählt: Sechs Tage müssen die Geretteten und die Crew um Kapitän Claus-Peter Reisch auf hoher See ausharren, weil das Rettungsschiff nirgendwo eine Anlegeerlaubnis erhält. Erst nach einem starken Gewittersturm können sie in einem italienischen Hafen anlegen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ebenso unerzählt bleiben die Geschichten der 104 Geretteten: 104 junge Männer, davon ein guter Teil minderjährig, 104 Leben, 104 Fluchtgeschichten, 104 Familien im Hintergrund, 104 Perspektiven?

„Die Rettungsaktionen dürfen niemals aufhören“

Im Gespräch nach der Preisverleihung erzählte der Filmemacher, wie er 2018 mit der Dresdner Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ in Kontakt kam, die Festsetzung des Rettungsschiffs „Lifeline“ und die Anklage gegen Kapitän Reisch begleitete. 2019 bekam Schörnig die Chance, an Bord des Rettungsschiffs „Eleonore“ zu gehen: „Ich drehte dort für den MDR, und es entstanden rund um den Einsatz einige Beiträge. Johannes Filous war ebenfalls mit einer Kamera dabei und wir tauschten unser Material aus. Es war unendlich viel und mich hat die mangelnde Wahrnehmung dieses Dramas weiter beschäftigt. So habe ich in der Coronazeit angefangen, die Struktur dieses Films zu entwickeln und sie dann mit meinem Team umzusetzen.“

Clara Richter, die „Heldin“ in Schörnigs Rettungsdrama, zeigte sich tief bewegt von den Reaktionen des Publikums auf den Film und die Würdigung mit zahlreichen Preisen. Die 29jährige engagiert sich bereits seit 2015 als Freiwillige in der Flüchtlingshilfe. Auf hoher See war sie bis dahin allerdings noch nie. Sie berichtete, wie sie sich innerhalb weniger Stunden für den Einsatz auf der „Eleonore“ entschieden hatte. Die Münchnerin ist in der Zwischenzeit Mutter geworden und arbeitet als Sozialpädagogin in einer Kinderschutzeinrichtung. Dennoch ist sie fest entschlossen, sobald wie möglich wieder in einen Rettungseinsatz zu gehen: „Mein Partner und ich teilen die Meinung, dass diese Aktionen notwendig sind und niemals aufhören dürfen. Dafür selbst aktiv zu werden, ist eine Lebenseinstellung.“

 Die Preisträgerfilme 2023

Im internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm ging die Goldene Taube Langfilm an den Hommage-Gast Peter Mettler für „While the Green Grass Grows“. In dem filmischen Tagebuch betrachtet der schweizerisch-kanadische Filmemacher ausgehend von seinen eigenen Erinnerungen und Familienbeziehungen Lebenszyklen und den konstanten Wandel der Welt. Insgesamt wurden bei der 66. Festivalausgabe 24 Preise vergeben. In den Spielstätten waren 225 Filme und Extended-Reality-Arbeiten aus rund 60 Ländern zu sehen.


In den Kinos:

Der Eröffnungsfilm „White Angel – Das Ende von Marinka“ von Arndt Ginzel startet am 19. Oktober bundesweit in den Kinos. Sobald ein Verleiher für „Einhundertvier“ gefunden ist oder durch die Filmemacher selbst gezeigt werden kann, wird der ver.di-Preisträgerfilm in Screenings für Mitglieder zu sehen sein.

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