Video-Journalist – vier Berufe in einem

Pilotprojekt im Hessischen Rundfunk nicht ohne Auswirkung auf Berufsbilder

Der Hessische Rundfunk startete im September 2003 das Pilotprojekt „Video-Journalisten“ (VJ) unter der Leitung des Programmchefs des Hessen-Fernsehens, Jan Metzger. Der VJ recherchiert, bietet an, wird beauftragt, dreht die Bilder, macht den Ton und schneidet selbst. Was bisher vier Berufe waren, wird zu einer Tätigkeit. Absicht ist, die Nähe zu den Themen der Region zu verstärken und Produktionskosten zu sparen.

Dabei wurde auf Erfahrungen einer anderen Testphase aus den Jahren 2001 – 2003 zurückgegriffen. Hörfunkreporter waren mit einer Mini-DV Kamera ausgestattet worden. Sie lieferten zusätzlich Bilder für die „Blaulicht-Berichterstattung“ aus der hessischen Region, die an die Studios weitergeleitet wurden. Dort wurden sie für die Ausstrahlung von Redakteuren, Cuttern und Tontechnikern weiterbearbeitet.

Der Hessische Rundfunk investierte nun rund 500.000 Euro in die Ausstattung des bis Ende Juni 2004 laufenden Pilotprojektes. In das erste, dreiwöchige Trainingscamp in Kassel flossen weitere 300.000 Euro. Aufgabe war, den aus Redaktion, Kamera- und Cuttergewerk stammenden 30 Teilnehmern die Erstellung von Beiträgen – schwerpunktmäßig in der lokalen Berichterstattung – als „Solo-Team“ zu vermitteln. Die zu 80 Prozent aus dem Pool der Freien stammenden Mitarbeiter der Sendeanstalt hatten sich vertraglich verpflichtet, in den kommenden zwei Jahren zu 50 Prozent als Video-Journalisten zu arbeiten.

Ziel ist ein gemischter Produktionsbetrieb von in herkömmlichen Strukturen erstellten Beiträgen und dem Einsatz von Video-Journalisten. Der Personalrat wurde in das Projekt einbezogen. „Wir wollten die Arbeit in einer Grauzone vermeiden und Transparenz schaffen“, erklärt Bernd Kliebhahn, einer der VJ-Koordinatoren. „Jedem Sender wird die Low-Budget-Technik ins Haus wandern. Eine ARD-weite Umfrage im vergangenen Jahr ergab zwar, dass Mini-DV noch kein Thema wäre. Tatsächlich wird es aber überall eingesetzt. Wer wie in einer Prohibitionszeit heimlich damit umgeht, wird keinen Gefallen finden. Wir werden aber sagen können, wo qualitative Schwachstellen sind und können gegensteuern.“

Elisabeth Treff, Vorsitzende des Gesamtpersonalrates beim Hessischen Rundfunk, gestaltete die hausinternen Rahmenbedingungen mit. „Im Hörfunk ging die Digitalisierung schrittweise voran, im Fernsehbereich geht die strukturelle Veränderung schneller“, erklärt sie. „Neue Technologien kann man nicht verhindern. Wir können nur offensiv helfen, Regeln zu vereinbaren. Dazu gehören die Qualifizierung und der offene Zugang für alle Gewerke.“

Einsatz im Lokalen

Fixiert wurde eine zusätzliche Vergütung von 107 Euro während der Tätigkeit als Video-Journalist für Dreh- und Schnitttage. Während der Recherchetage wird der übliche Tagessatz gezahlt. Bei einem eingesparten Kamera-Honorar von 243 Euro und dem eines Cutters von 196 Euro beim Hessischen Rundfunk wird dies eine relevante Größe für das Zahlenwerk des Abschlussberichtes über das Pilotprojekt im Juli / August 2004 sein. Bernd Kliebhahn schränkt die Bedeutung der Finanzdaten jedoch ein: „Bei der Auswertung kann herauskommen, dass sich bei einigen Formaten die Kosten nicht reduzieren. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass ein Video-Journalist eine ökonomische Wunderwaffe sei.“ Für die Zeit nach dem Pilotprojekt sind bereits Nachverhandlungen angekündigt.

Die Video-Journalisten werden hauptsächlich im lokalen Bereich eingesetzt und sollen kleine Geschichten mit der Kamera erzählen. Sie sind Redaktionen wie „Hessenschau“, „Bilderbogen“ und Service-Formaten fest angegliedert. Einige Magazine wie „ct“ und „SOS – Heim & Garten“ werden ausschließlich von VJs beliefert. Die Disposition erfolgt über die einzelnen Redaktionen, die Schritt für Schritt zusätzlich in Workshops für die Möglichkeiten und Grenzen der Solo-Teams sensibilisiert werden sollen. Weitere Schulungen sind für Beiträge abnehmende Redakteure vorgesehen, die nicht mehr vom professionellen Zusammenwirken aller Gewerke profitieren können.

Das Argument, dass nunmehr schneller und umfassender aus der Region berichtet werden könne, wie Intendant Dr. Helmut Reitze zur Vorstellung des Pilotprojektes ausführte, scheint jedoch nach den bisherigen Erfahrungen nicht wie erwartet zu greifen. „Momentan ist Video-Journalismus nicht die schnellste Produktionsform. Die VJs sind sehr flexibel, aber nicht unbedingt schneller“, erläutert Bernd Kliebhahn. „Für hochaktuelle Berichterstattung müssen mehrere Personen zeitgleich an einem Thema arbeiten.“

Der Anspruch, andere und authentischere Berichte aus der Region – zum Beispiel in Form von Porträts und Langzeitbeobachtungen – zu liefern, wirke sich auf den Umgang mit Zeit aus, erzählen die VJs. Anfangs waren 14-Stunden-Tage durchaus die Regel. Der Schnitt wurde in die heimischen Wände verlagert. Die Befreiung vom Korsett der Dispostrukturen und gebuchten Themen ermögliche aber auch eine stärkere Identifikation mit der Arbeit.

Der „zweite Blick“ fehlt

Im Personalrat regen sich nachdenkliche Stimmen: Oft fehle der „zweite Blick“, die Beiträge seien „das eigene Kind“. Die Außendarstellung des Senders und damit seine Akzeptanz bei den Gebühren zahlenden Zuschauern könne leiden, weil die Berichte nicht wie hochwertige Produktionen erscheinen. Man stehe einer tiefgreifenden Umstrukturierung und einem heiklen Prozess der Veränderung von Berufsbildern gegenüber. Auch der Druck auf festangestellte Mitarbeiter wachse. Es werde eine Aufweichung der Teamstrukturen geben und die Arbeit freier Mitarbeiter und freier Produktionsfirmen beeinflussen.

 

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