Viel zu oft Kapital

Wirtschaftsmedien sollten nicht nur Dienstleister der „Entscheider“ sein

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord, kritisierte jüngst in einem Offenen Brief an den ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor die Börsensendungen im Ersten als „besondere Problemzone“. Arbeitnehmerinteressen und Verbraucherschutz kämen zu kurz, meint der Gewerkschafter, mit dem M über Wirtschaftsjournalismus in Deutschland sprach.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord Foto: DGB
Uwe Polkaehn,
Vorsitzender des DGB Nord
Foto: DGB

M | Die Wirtschaftsmedien gelten ja gemeinhin nicht gerade als Oasen eines kritischen Journalismus. Woran liegt das?

Uwe Polkaehn | Ich finde dort durchaus auch lesenswerte und kritische Stücke. Aber häufig gibt in den Wirtschaftsmedien wohl das Marketing den Ton an. Und das sieht die Zielgruppe offenbar nicht in der Arbeitnehmerschaft, sondern in den Chefetagen und Werbeabteilungen der Konzerne. Wie anderswo auch lautet dann auf die Frage „Kapital oder Arbeit“ die Antwort viel zu oft: Kapital und noch mehr Kapital. Die Wirtschaftsmedien definieren sich eher als Dienstleister der „Entscheider“, da will man dann wohl unter sich bleiben. Dabei könnten sich die Blätter ja gerade unter den Betriebsräten eine große neue Kundschaft erobern, wenn sie regelmäßig auch Arbeitnehmerthemen journalistisch aufgreifen würden. Etwa die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland arbeitet in einer Firma mit Betriebsrat. Heute engagieren sich rund 500.000 Betriebsratsmitglieder ehrenamtlich in mehr als 100.000 Gremien für Arbeitnehmerrechte in den Betrieben. Diese Zielgruppe wird von den Medien sträflich vernachlässigt, auch im Netz.

Keines der so genannten „Entscheidermedien“ hatte vor fünf Jahren die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und die darauf folgende weltweite Finanzkrise vorausgeahnt. Wieso versagt das journalistische Frühwarnsystem in einem für die Gesellschaft so wichtigen Bereich?

Auch die so genannten Wirtschaftsexperten lagen ja fürchterlich schief in ihren Prognosen. Da waren viele im Goldrausch. Es wäre Aufgabe der Journalisten gewesen, auch mal quer zum Mainstream zu schwimmen und scheinbar alternativlose Positionen sorgfältig zu hinterfragen. Manchmal ist es schon hilfreich, bei seinen Recherchen einfach mal die Gegenseite zu hören, etwa die Gewerkschaften oder alternative Wirtschaftsforscher. Aber wenn man als Schreiber zu systemkritisch an Themen herangeht, gerät man wohl redaktionsintern schnell in eine Außenseiterposition. Damals ging es um die freien Märkte, den Abbau von Schutzrechten, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben – heute ist man klüger, aber erst durch die Ergebnisse dieser Politik und auch durch die Kampagnen der Gewerkschaften.

In den TV-Talkshows tummeln sich bei wirtschaftspolitischen Themen die immer gleichen „Experten“, meist solche mit konservativer Grundeinstellung. Warum kommen so selten gewerkschaftlich orientierte Stimmen zu Wort?

Verstehe ich auch nicht, denn die bringen ja häufig erst das Salz in die Suppe und die Realität auf den Prüfstand. Das sind doch die besten Momente im Fernsehen, wenn neoliberale Thesen am Alltag einer Schlecker-Verkäuferin, eines Metaller-Betriebsrats oder einer berufstätigen Mutter zerschellen. Man muss sich wohl für den Zutritt in diese Medienwelt einen Promi-Status erobern, wie es etwa den Professoren Hickel oder Bofinger gelungen ist. Bisher vertrauen viele Redakteure auf ihren guten alten Karteikasten und bekannte Gäste, die sich im gesteckten und kalkulierbaren Rahmen bewegen. Für die Talkshows wird das irgendwann gefährlich. Manche Texte kann man ja schon singen.

Sie haben unlängst öffentlich die Börsenberichterstattung des Ersten kritisiert. Was passt Ihnen daran nicht?

Diese Ergebenheit gegenüber den Börsen, Shareholdern und Sparpredigern. Die Arbeitswelt und die Sorgen der Arbeitnehmerschaft kommen einfach viel zu kurz. Man kann doch nicht das ganze Wirtschaftsleben immer aus dem Blickwinkel von Anlegern und Kapitaleignern betrachten. Nur knapp sechs Prozent der Deutschen besitzen Aktien, viele haben wenig bis nix auf dem Sparbuch. Die meisten Menschen, die vor der Tagesschau den Börsenbericht sehen, sind Arbeitnehmer, die von Unternehmerentscheidungen, Währungs- und Börsenspekulationen betroffen sind. Was hindert die Redaktionen daran, dieser Kundschaft noch mehr Informationen zu liefern? Der Quote würde das nur gut tun.

Das Fernsehen, so warnen Sie, dürfe nicht „zur Werbeplattform und zum strategischen Instrument für globale Finanzjongleure“ werden. Ist das nicht ein bisschen starker Tobak?

Wieso? Jede Empfehlung, jedes Lob und jede Kritik dieser Börsenexperten führt zu einem Verhalten der Anleger. Das hat alles seine Wirkung. Ich sehe regelmäßig irgendwelche Analysten, die mir die Welt und vor allem das Handeln von Politikern und Volksvertretern erklären. Oft wird dann so getan, als ob die getroffenen demokratischen Entscheidungen das Problem sind, hier, in Griechenland, in Italien oder wo auch immer. Fast immer geht es um das „Vertrauen der Märkte“ in Maßnahmen, die Parlamente oder Regierungen beschließen. Das spiegelt die ganze undemokratische Verfasstheit des Wirtschaftssektors wider. Wer redet denn täglich so ausführlich über das Vertrauen der Bürger in die Entscheidungen von Managern und Bankern? Die Berichterstattung sollte endlich vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Die Wirtschaftsmedien sollten über den Begriff „Wirtschaft“ neu nachdenken. Er umfasst Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wer über Leistungsträger berichten will, sollte sich deshalb auch gute Kontakte zu den Beschäftigten und ihren Vertretungen aufbauen. Sie sind der Motor guten Wirtschaftens und benötigen gerade in der Krise mehr Beachtung.

Was sollte sich an der wirtschaftspolitischen Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ändern?

Es gibt auf jeden Fall Alternativen zu den Berichten aus dem Finanz-Casino. Gerade öffentlich-rechtliche Sender müssen sich nicht an einem Tanz um das Goldene Kalb beteiligen, sondern sie sollten Arbeitnehmern, Rentnern und Verbrauchern brauchbare Informationen liefern. Klar, DAX und Co. sollen auch stattfinden, aber zur Primetime erwarte ich mehr: Pointierte Analysen und Anstöße zu gemeinwohlorientiertem Wirtschaften, zu Arbeitsmarkt und Arbeitsplätzen, zu Ausbildung, Qualifizierung, Gleichstellung, Renten, Verbraucherschutz – Enthüllungen oder Gerichtsberichte zur Wirtschaftskriminalität wären auch ein echter Quotenbringer.

Wie war die Resonanz auf Ihre Kritik und Ihre Vorschläge?

Ich habe selten so schnell so viele Emails und Anrufe bekommen, aus dem ganzen Land. Offenbar habe ich mit dieser Kritik einen Nerv getroffen. Herr Marmor hat mir sehr freundlich geantwortet. Er sagt, Börsenberichte gehören dazu, aber das Erste stehe den Finanzmärkten nicht unkritisch gegenüber. Daran messe ich nun jeden Abend die Auftritte von Frau Kohl und den anderen Börsenberichterstattern. Natürlich gibt es im Ersten auch sehr gute Verbrauchermagazine und Dokumentationen, die Amazon-Story hat das ja gerade bewiesen.

Wie kann sich der wirtschaftsinteressierte Laie, zumal als Gewerkschafter, am besten über „Kapital und Arbeit“ informieren?

Es gibt ja immer noch gute Tageszeitungen, Magazine, Hörfunk- und TV-Berichte. Und wir als Gewerkschaften gucken gerne mal auf die Internetangebote von DGB, Hans-Böckler-Stiftung, WSI und Einblick. Es gibt weitere kritische und erhellende Seiten im Netz, die so manche Information liefern, die ich anderswo leider nicht erhalte.

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