Von Lohndumping und Profitgier

Starke globalisierungskritische Beiträge in Thessaloniki

Die Kinobranche beklagte unlängst einen Rückgang der Besucherzahlen. Vielleicht haben sich die Menschen an fiktiven Unterhaltungsfilmen, Stars und Special Effects allmählich satt gesehen, dass sie mehr über das wirkliche Leben erfahren wollen. Der erstaunliche Zuschauer-Boom auf dem  „8. Thessaloniki Documentary“ legt eine solche These nahe. Das noch junge, kleine, engagierte Festival konnte mit einer Vielzahl brisanter politischer Beiträge immerhin doppelt so viele Zuschauer wie im Vorjahr anlocken und avanciert somit immer mehr auch zu einer ersten Adresse für den Dokumentarfilm.

Längst hat sich der Dokumentarfilm emanzipiert von der einst so klassischen Fernsehreportage mit einem oder mehreren Sprechern aus dem Off. Kinoerfolge wie „Nomaden der Lüfte“ oder „Blackbox BRD“ haben gezeigt, dass sich die narrativen Strukturen des Spielfilms durchaus übertragen lassen. Mehr und mehr Regisseure lassen Bilder und Protagonisten für sich selbst sprechen. Andere Dokumentationen leben von starken Protagonisten, die auf persönliche Weise wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme reflektieren, sich auch mit eigenen Emotionen einbringen. Das griechische Kino hält mit diesen Entwicklungen Schritt, auch wenn das Gros der kleinen, unspektakulären Produktionen aus diesem Land nur selten einen Verleih im Ausland findet.
Dagegen ist der enorme Ansturm auf Erwin Wagenhofers Doku „We Feed The World“ – ab 27. April auch im deutschen Kino – geradezu sensationell. Dieser Film sorgte nicht nur in Thessaloniki für große Diskussionen, auch in Österreich sahen ihn schon 150.000 Zuschauer. Eigentlich müsste man diesen starken globalisierungskritischen Beitrag über die Landwirtschafts-Industrie und Nikolaus Geyrhalters Film „Unser täglich Brot“ nacheinander sehen. Denn beide Filme beleuchten dieselben Themen auf unterschiedliche Weise und ergänzen sich. Es geht um die Perversionen der Massentierhaltung, den Niedergang kleinerer und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe sowie genmanipulierte Gemüsezucht.
„Unser täglich Brot“ kommt dabei mit schockierenden Bildern, die wie aus einem futuristischen Horrorfilm anmuten, ohne jegliche Kommentare, Interviews und Einblendungen aus. Der Film richtet den Blick auf gespenstische High-tech Landwirtschaft in steriler Atmosphäre. Sämtliche Produktivkräfte werden radikal auf eine technische Größe reduziert. Die Transformation vom Tier zum Konsumgut erfolgt in Sekundeneinheiten, mechanischen Handgriffen und reibungslosen Tötungsabläufen. Computergesteuert werden Tausende von Eiern in Hochöfen maschinell bebrütet, später hocken ängstlich piepende Küken eingepfercht in winzigen Drahtkäfigen, Hühner steuern auf Fließbändern einem qualvollen Tod entgegen, Schweine und Rinder werden durch brutale Killermaschinen geschleust. Es wird höchste Zeit, einmal über den alltäglichen Wahnsinn in den Schlachtfabriken nachzudenken und unsere Essgewohnheiten zu hinterfragen.
Zu diesem Ergebnis kommt auch  Wagenhofer, wenngleich ihn mehr die Hintergründe und die Menschen hinter den Maschinen interessieren. Zu Wort kommen Betroffene, die auf unterschiedlichste Weise ins Weltgeflecht der Ernährungsindustrie verstrickt sind: brasilianische Bauern, spanische Fernfahrer, französische Fischer, Schweizer Konzernlenker sowie der Produktionsleiter des größten Samenherstellers der Welt, der sich offen von seiner eigenen Arbeit distanziert. Es sind Ungeheuerlichkeiten, die man da erfährt. Etwa, dass in Wien täglich tonnenweise Brot auf dem Müll landet, während Hunderttausende Unterernährte in den Entwicklungsländern verhungern, oder dass in Südspanien die Wasserreserven knapp werden, weil die dortigen Treibhäuser inzwischen halb Europa mit Tomaten versorgen und Produzenten von Nahrungsmitteln den Geschmack als nachrangiges Kriterium bezeichnen. Und dass die Schweine ein so kümmerliches Dasein fristen, weil „ein Schnitzel heute nur zwei Euro kosten darf“. Zu solchem Spottpreis ist eine artgerechte Haltung gar nicht drin.
Um die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, profitgierige Bosse, Niedrigstlöhne für miese Jobs, die kaum zum Leben reichen, unzumutbare Arbeitsbedingungen und unbezahlte Überstunden als Folge der Globalisierung drehen sich auch die beiden großartigen Dokumentationen „China Blue“ (USA 2005) von Micha Peled und „A Decent Factory“ (Finnland-Frankreich 2004) von Thomas Balmès, die sich wiederum thematisch ergänzen. Peled teilt die Perspektive dreier Arbeiterinnen einer Jeansfabrik, Balmès richtet seine Kamera als Außenstehender auf eine Kabelfabrik. Beide zeigen Menschen, überwiegend junge Frauen, die täglich unter Hochdruck bis zu 14 Stunden schuften – illegal ohne einen Vertrag in der Tasche und für einen Hungerlohn von zwei Euro pro Tag. Eine Forderung nach gesetzlichen Mindestlöhnen, wie sie derzeit bei uns gerade geführt wird – sie drängt sich in solchen Filmen geradezu auf. Dabei grenzen die Zustände in diesen Betrieben schon an Sklaverei. Folglich sind Filmemacher bei den Unternehmern auch nicht willkommen. Peled und Balmès haben sie überlistet und nur so Bilder eingefangen, denen die Augen kaum trauen wollen: Einige Mädchen heften sich Wäscheklammern an ihre Lider, damit sie im Erschöpfungszustand nur ja nicht einschlafen. Nachts drängen sie sich in engen Achtbett-Zimmern mit dürftigen Waschmöglichkeiten. An ein Privat- oder gar Intimleben in solch bescheidenen Behausungen ist gar nicht zu denken. Männerbesuch ist nicht gestattet, Schwangeren droht eine Kündigung, wenn sie nicht abtreiben.

Auch wenn die meisten Filme eher pessimistisch und ratlos stimmen angesichts einer fehlenden Aussicht auf Besserung. Einen Lichtblick in Gestalt einer vorbildlichen Powerfrau gab es auch: „Bullshit“, ein Porträt der legendären Globalisierungsgegnerin Vandana Shiva. Mit zahlreichen Initiativen und spektakulären Medienauftritten konnte die Inderin etwa erfolgreich durchsetzen, dass eine Coca-Cola Fabrik in Indien geschlossen werden musste, die das spärliche Trinkwasser der armen Landbevölkerung stark verunreinigte. Die beliebte und viel beschäftigte Aktivistin setzte mit ihrem eintägigen Besuch zugleich einen Höhepunkt auf dem Festival.

 

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