Weniger forsch, heißt nicht zahm

Über Nacht zur Krisenreporterin geworden

Sie wollte weg von der Schreibtischarbeit und wieder mehr „draußen“ sein. Da sich die Chance ergab und die Jobsituation in Deutschland nicht wie gewünscht entwickelte, wagte die Henri-Nannen-Absolventin Christine Schott 2001 den Sprung bis nach Indonesien. Neuerdings gehört sie zu den Weltreportern, dem ersten Netz freier Auslandsjournalisten. Durch die Flutkatastrophe wurde sie zeitweilig zur Krisenreporterin.

«M»: Wie haben Sie sich auf die Arbeit in Indonesien vorbereitet?

CHRISTINE SCHOTT: Ich war zuvor bereits öfter, auch über mehrere Monate in Indonesien und Thailand und habe meine Kontakte die Jahre über gepflegt. Beim Start hat mir ein Stipendium von IJP sehr geholfen, über das ich erst einmal redaktionellen Anschluss bei der „Jakarta Post“ bekommen habe. Über die Mailingliste der Journalistenschule kam ich zu den Weltreportern.

«M»: Sie sind durch das Seebeben über Nacht zu einer Krisenreporterin geworden. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?

CHRISTINE SCHOTT: Es gab eine unglaubliche Anfrageflut, auch von Medien, die sich ansonsten überhaupt nicht für diesen Teil der Welt interessieren. Die meisten sind über die Weltreporter-Website auf mich gestoßen. Da ich zum Zeitpunkt des Bebens allerdings im Weihnachtsurlaub in Berlin war, konnte ich gar nicht so schnell reagieren und musste mich in den ersten Tagen auf Telefonrecherchen beschränken. Ich bin erst in der zweiten Woche nach der Katastrophe in Aceh eingetroffen. Dort blieb dann nicht viel Zeit zum Nachdenken, der Termindruck hat gut geholfen, persönliche Betroffenheit vorerst wegzuschieben. Viele Bilder und Schicksale sind mir erst später wieder hochgekommen. Ich habe aus und über Aceh für den Stern, für die Financial Times Deutschland und das Indonesien-Magazin Panorama berichtet. Dementsprechend breit gefächert war das thematische Spektrum: allgemeine Situation vor Ort, historische und religiöse Hintergründe, Korruption. Besonders interessieren mich aber Kinder und Schulen. Was passiert mit den Zehntausenden von Waisenkindern? Wie soll das Bildungssystem wieder aufgebaut werden?

«M»: Mit welchen „Helfern“ vor Ort arbeiten Sie zusammen, gibt es eine Art Netzwerk?

CHRISTINE SCHOTT: Ich habe gute, oft freundschaftliche Kontakte zu vielen indonesischen Kollegen sowie NGO-Mitarbeitern etc. Oft genügt ein privater Anruf, um Informationen zu bekommen, an die man über offizielle Wege auch nach Wochen nicht gelangt wäre. Das galt zum Teil auch für Aceh.

«M»: Erfahren Sie als Korrespondentin eher Nachteile oder Vorteile?

CHRISTINE SCHOTT: Man wird als (noch dazu junge) Frau oft erst einmal nicht so ernst genommen – erst recht nicht in einer so patriarchalischen Gesellschaft wie in Indonesien. Was nicht heißt, dass ich diese Erfahrung nicht auch schon zu Hause gemacht hätte. Das hat auf der anderen Seite den Vorteil, dass einem die Gesprächspartner manchmal mehr erzählen, als sie eigentlich wollen. Und natürlich fällt es mir als Frau in einem mehrheitlich muslimischen Land leichter als einem männlichen Kollegen, das Vertrauen anderer Frauen zu gewinnen. Freilich hindert mich Kulturverständnis manchmal auch, so forsch zu sein, wie es vielleicht erforderlich wäre. Ich denke, man kommt auch über andere Wege ans Ziel.

«M»: Schreiben Sie über politische und Landesthemen anders, weiblicher?

CHRISTINE SCHOTT: Ich glaube nicht, dass ich über politische Themen wesentlich anders schreibe als ein männlicher Kollege – vielleicht setze ich einen stärkeren Akzent auf soziale Probleme. Natürlich wähle ich Themen entsprechend dem Medium aus, dem ich sie anbieten will: für Frauenzeitschriften Frauenportraits, für Reisemagazine Reisereportagen, für Uni-Magazine Geschichten über Studium im Ausland…

«M»: Was bringt die Anbindung an Weltreporter?

CHRISTINE SCHOTT: Die Weltreporter haben mir bislang nicht nur einige neue Redaktionskontakte gebracht, sondern auch das Standing in den schon bekannten Redaktionen verbessert. Außerdem ermöglicht das Netzwerk den Austausch von Kontakten und Ideen, ersetzt zum Teil die Kollegen, die man am Arbeitsplatz im Ausland nicht hat. Natürlich gibt es in Jakarta Korrespondenten aus aller Welt, aber keiner kennt die spezifische Situation der Medien in Deutschland.

«M»: Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus?

CHRISTINE SCHOTT: Bis auf weiteres will ich in Indonesien (bzw. Südostasien) bleiben, wo ich auch verheiratet bin. Ich möchte mich vor allem auf Hintergrundgeschichten konzentrieren, auf Themen, die nicht über die Agenturticker laufen – denen kann ich als Eine-Frau-Büro sowieso keine Konkurrenz machen. Dabei interessieren mich besonders Kultur und Soziales, ich möchte aber auch offen bleiben für andere Bereiche. Es dauert eine Weile, sich ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen und einen Namen zu machen. Jetzt, wo es ganz gut angelaufen ist, möchte ich nicht schon wieder fortgehen. Und wie ein Kollege bei den Weltreportern feststellte: Noch mehr Spaß, als die exotischen Geschichten anderer Leute zu redigieren, macht es, sie selbst zu schreiben.

Interview: Helma Nehrlich

nach oben

weiterlesen

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg.
mehr »

Corona wirkt als Test für Menschenrechte

Die Menschenrechtslage hat sich in der Covid-19-Krise für Millionen von Menschen unmittelbar oder mittelbar verschlechtert, stellt Amnesty International im weltweiten Menschenrechts-Report 2020/21 fest. In vielen Teilen der Welt hätten die Pandemie und ihre Folgen im letzten Jahr die Auswirkungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Unterdrückung verstärkt. Auch für Deutschland wird Handlungsbedarf ausgemacht.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »