Zeit – Geld – Weiterbildung

Kontroverse Diskussionen bei den Freien

„Keine Zeit für Weiterbildung“ – Das Thema kam in der gleichnamigen Freien-Arbeitsgruppe nur am Rande vor. Die Fragen, mit denen sich die rund 50 Freien stattdessen beschäftigten, zeigten, daß die Qualitätsfrage überlagert wird vom täglichen Kampf ums Überleben.

Die Anwesenden kamen im Kern zu dem Ergebnis: „Bessere Honorare sind für Freie wichtiger als alle Qualitätsdebatten.“ Dabei scheint das eine das andere zu bedingen. „Geld“ und „Zeit“ lauteten die häufigsten Antworten auf die Moderatorinnenfrage „Was hindert uns daran, Qualität zu liefern?“ Hinderungsgründe wie „Abnehmer“, „Konkurrenzdruck“ und „mangelnde Selbstdisziplin“ wurden weit seltener genannt.

Um herauszufinden, wo Lösungsansätze zur Verbesserung der Lage der Freien liegen könnten, wurden die Themen Weiterbildung, Zeit, Geld sowie Anforderungen an Auftraggeber in Untergruppen erörtert und anschließend im Plenum – teilweise sehr kontrovers – erneut diskutiert. Die Gruppen, die sich mit Weiterbildung und Anforderungen an Arbeitgeber beschäftigt hatten, forderten einen Bildungsurlaub für Freie. Dieser sei über einen Bildungsfonds zu finanzieren, in den Arbeitgeber einzahlen. – Und zwar eine Abgabe in Höhe von einem Prozent der Honorarsumme. Träger des Fonds könne eine Institution sein, die wie die Künstlersozialkasse aufgebaut sei. Hinzu kam die Forderung, Arbeitgeber hätten sich an den Kosten der existierenden IG-Medien-Fortbildungsangebote für Freie zu beteiligen. Genereller: Unter finanzieller Beteiligung der Auftraggeber, die den Hauptnutzen an gut ausgebildeten Freien hätten, seien Institutionen zu schaffen, die Freie weiterbilden. Während der Weiterbildung müsse ein Ausfallhonorar gezahlt werden.

Daran, ob diese Forderungen durchsetzbar seien, gab es im Plenum erhebliche Zweifel. Sowohl für tarifliche Vereinbarungen, als auch für entsprechende Gesetze, so die Einwände, stünden die Chancen zur Zeit nicht gut. Sinnvoller sei es, den eigenen „Marktwert“ durch Weiterbildung zu steigern und deren Kosten in die Kalkulation der Honorarforderungen einzurechnen. Das Problem der Durchsetzbarkeit werde dadurch zwar nicht geringer, aber realistischer.

Keine Differenz gab es zu der Feststellung der Arbeitsgruppen Zeit und Geld. Die Honorierung nach Zeilen und Minuten verhindere journalistische Qualität. Funk- und Printfreie forderten übereinstimmend, die Arbeitszeit müsse zur Bezugsgröße der Honorare gemacht werden. Mischformen wie ein Grundhonorar plus Zeilen- oder Minutengeld seien denkbar. Auch hier stand die Frage nach der Durchsetzbarkeit im Vordergrund. Die Chance, über Tarifverhandlungen für arbeitnehmerähnliche Freie (und damit mittelbar für freie Freie) noch Verbesserungen zu erreichen, wurde – zumindest im Printbereich – als verschwindend gering angesehen. So kam nach einem Resümee bisheriger neuer Versuche – insbesondere der „Zeit statt Zeile“-Kampagne – die Idee auf, weitere neue Aktionsformen anzustreben. Freien-Streiks bei einer Monopolzeitung etwa hielten mehrere dort Arbeitende für realistisch und effektiv.

Eine Debatte entspann sich auch über die Forderung, Freie stärker als „unternehmerähnlich“ denn als „arbeitnehmerähnlich“ zu begreifen. – Was auf den ersten Blick nach einem Wortspiel aussieht, beinhaltet im Kern den Anspruch nach einer Umorientierung der Gewerkschaftspolitik für Freie. Zugrunde liegt wiederum die These: In der Tarifpolitik können quasi nur noch Verteidigungskämpfe geführt werden. Ein weites Feld möglicher Aktivitäten (und neuer Mitglieder) tut sich für die IG Medien jedoch auf, wenn „abhängige Selbständige“ in den Mittelpunkt gewerkschaftlicher Freienpolitik gestellt würden. Hier sei die IG Medien koordinierend gefordert, um Freien Hilfe zur Selbstorganisation und zur Bewältigung des Alltags zu leisten. Diese These vertraten insbesondere Freie bei Verlagen und kommerziellen Rundfunksendern. Unter jenen, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten, meinten einige hingegen, es sei über Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Rundfunkanstalten noch einiges zu bewegen.

Ein Beispiel für die unterschiedliche Einschätzung, die sich durch alle Diskussion zog, ist das genannte Modell des Bildungsurlaubs: Es wurde von Freien aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entwickelt, von jenen aus Printmedien hingegen für völlig unrealistisch gehalten. Einig waren sich alle jedoch über die Notwendigkeit einer Stärkung ihrer Verhandlungsposition wie ihrer Position innerhalb der IG Medien. Diese müsse umgehend neue Strategien zur Vertretung Freier entwickeln. Gelinge dies nicht, werde für Freie verschärft gelten, was Gabriele Bartelt-Kircher in ihrem Eingangsreferat als Kennzeichen aller Journalistinnen und Journalisten benannte: „Verkaufen muß er sich und sie sich.“ – Zwangsläufig sinke dabei die Qualität der Berichterstattung noch weiter, durch Weiterbildung allein sei dies nicht aufzufangen.

 

 

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