Frauenfilmfestival: Online und im Kino

Frauenfilmfestival spielt auch vor Publikum. Foto: Marina Weigl

Das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) war vom 15. bis 20. Juni, erstmals als Hybrid zu sehen. Sechs Filme liefen im Kino in Dortmund, die anderen der rund 70 Filme online. „Ich bin stolz auf das Festivalteam, das unser schönes Programm in virtuellen aber auch in physischen Räumen übertragen hat“. So lobte die Festivalleiterin Maxa Zoller dieses avantgardistische Kulturereignis, das trotz bis kurz vor Festivalbeginn schwankender Corona-Inzidenzzahlen zustande kam.

„Wir tun alles, um die durch die Coronazeit eingeschränkten Kontakte zu überbrücken und hoffentlich bald wieder zum richtigen Festivalgeschehen übergehen zu gehen zu können“, sagte die Pressesprecherin des Internationalen Frauenfilmfestivals, Stefanie Görtz, im Willkommensraum bei der abendlichen Zusammenkunft in der Online-Bar des IFFF. Die digital eingeschalteten Filmemacherinnen, Kamerafrauen und Mitarbeiterinnen des Festivalteams verteilten sich auf verschiedene Räume, etwa auf die Popcorncouch oder die Cocktailbar: Um zu zweit oder in einer Gruppe über das Spielfilmprogramm des feministischen Festivals oder queere Filme des Fokus „Begehrt“ zu debattieren. Vielen war die Freude anzusehen, trotz Hitze und Corona bekannte oder auch neue Gesichter von engagierten Frauen der Filmbranche zu sehen – zumindest online.

„Die Idee, die Zeit der Pandemie so zu überstehen, war eine gute Alternative“, meinte die Wiener Filmemacherin Lisa Truttmann gegenüber M nach dem Online-Festivalbesuch. Persönliche Treffen könne das aber niemals ersetzen. Unter anderem fehle etwa die Körpersprache. Filmemacherinnen müssten sehen können, wie ein Publikum im Kino das Geschehen auf der Leinwand aufnimmt: „Ob es Lacher gibt oder Kritik – davon lebt der Film“. Truttmanns Essayfilm „Tarpaulins“ (2017), der beim IFFF im Festivalfokus „The Connection: Von Pflanzen, Menschen und anderen Tieren“ lief, verweist auf ein weiteres Problem: die Klimakrise. Sollte die Pandemie halbwegs im Griff sein, erfordere es weitere Veränderungen, meint die Österreicherin. In der Tat könnten für das internationale Festivalgeschehen, wie auch für die künftige Berufstätigkeit global tätiger Filmemacherinnen, auch demzufolge Nachteile anstehen. Müssen etwa wegen des Klimawandels künftig Fernflüge unterbleiben und durch Online-Schaltungen ersetzt werden? Truttmann, 1983 geboren, sieht das ambivalent. Teilweise möge das sinnvoll sein. Das während der Coronazeit per Turbo eingeführte Digital-Modell müsse aber kultur- und klimapolitisch begründet sein; nicht etwa von Politik und Sponsoren aus Einspargründen verfügt werden. „Da müssen wir wachsam sein“, mahnt sie. Umso wichtiger sei es für die Freiberufler*innen der Branche, sich in Kollektiven und Gewerkschaften zu organisieren, um die eigenen Interessen durchsetzen zu können.

Denise Riedmayr, 1993 geboren, sieht dies ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen. Die Videoproducerin beim jungen Programm des Bayerischen Rundfunks „Puls“ ist Regisseurin und Producerin bei der Produktionsfirma „Watch Lola“, deren Film „an Anna“ (2020) beim Kinder- und Jugendprogramm des Internationalen Frauenfilmfestivals lief. Im Gespräch mit M warnt sie: Gerade weil dieser Job Spaß mache, könnten „Grenzen überschritten werden“. Damit spricht sie ein typisches Problem der Selbstständigen der Branche an. Mitunter gebe es keine Pausen, zu geringe Bezahlung oder überhaupt keine. Sie selbst habe in der Coronazeit Glück gehabt. Anders als bei Kolleg*innen in ihrem Umfeld sei ihre Existenz nicht gefährdet gewesen. Im Gegenteil sei mehr Arbeit angefallen als sonst. Sie sei jedoch „derart froh über jede Arbeit“ gewesen, dass sie noch schlechter als sonst habe Grenzen setzen und „Nein“ sagen können. „Für ein Festival frei nehmen, hin fahren und dort uneingeschränkt Zeit verbringen“ sei nicht drin gewesen, unabhängig von den Einschränkungen durch die Ansteckungsgefahr mit dem Virus. Vom Online-Festival war sie begeistert: „Was das Team des IFFF alles auf die Beine gestellt hat, sogar Interviews im Anschluss an die Filme mit Regisseurinnen, genau wie sonst im Kino“, so ihr bewundernder Kommentar.

Regisseurin Monika Treut, geboren 1954, deren Filme über Transgender-Menschen in den USA „Genderation“ (2021) und „Gendernauts“ (1999), beim IFFF liefen, ist ebenso angetan vom IFFF. Ihre Filme liefen im Dortmunder Kino, sie war vor Ort. Solche Festivals seien wichtig, um Filme bekannt zu machen und für Jüngere, um in der Branche Fuß zu fassen. Sie registriert die Zunahme von Streaming-Portalen, wie auch die Tatsache, dass die jüngere Generation digitale Plattformen oft gern annimmt, skeptisch. Für die zukünftige Arbeitsweise des Filmemachens und der Festivalarbeit sieht sie aufgrund von Corona- und Klimakrise schwarz. Für Freiberufler*innen in der Branche mit bislang schon unsteten Existenzen nehme der Druck zu, weil die Digitalisierung, die aus ihrer Sicht „längst zu befürchten war“, durch die Pandemie schneller Einzug halte. Die Filmemacherin, die sich seit mehr als 30 Jahren der Darstellung lesbischer und schwuler Lebenswelten auf der Leinwand widmet, und Geschlechterrollen hinterfragt, hat durch diese beschleunigte Entwicklung schlechte Erfahrungen gemacht. Im Sommer 2020 sei sie zu einer Retrospektive über das Goethe-Institut nach New York zunächst ein-, dann wieder ausgeladen worden. Abgesagt, ins Netz verlegt, mit Zoomkonferenz. Dieses Kostensparen könne Schule machen: künftig kein Flugticket, kein Hotel mehr. Für Filmemacher*innen, die viel Zeit am Bildschirm, mit Sortieren und Schneiden von Filmmaterial verbringen, seien solche Reisen aber Belohnung für lange Mühsal; um in der Welt herum und in den persönlichen Austausch mit Kolleg*innen und Publikum zu kommen. Sich in Foyers von Kinos, Hotels, Kneipen, oder auf dem Weg dorthin, zu treffen, habe nicht nur bildenden Charakter, sondern sei „ein Bonbon“ im oft harten Alltag der kreativen Selbstständigen. Damit es jetzt nicht für die jüngere Generation heiße „die goldenen Jahre sind vorbei“, komme auf die Gewerkschaft ver.di und die in ihr Organisierten viel Arbeit zu, sorgt sich Treut.

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