Filmtipp: „Eren“

Demonstration von Amnesty International am 9. April 2019 vor dem Brandenburger Tor für die türkische Menschenrechtlerin Eren Keskin und die Pressefreiheit in der Türkei Foto: Amnesty International/Henning Schacht

Im letzten Jahr hat Arte einen Dokumentarfilm gezeigt, dessen poetischer Titel in krassem Widerspruch zu den Ereignissen stand, die er schilderte: „Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs“ ist das Porträt einer Journalistin, die zur Ikone des iranischen Widerstands gegen das religiöse Regime geworden ist. Vermutlich schwebte Maria Binder mit „Eren“ ein ähnliches Werk vor, aber ihr Film konzentriert sich ausschließlich auf die Titelheldin Eren Keskin. Das tut ihm nicht gut.

Seit drei Jahrzehnten setzt sich die Istanbuler Anwältin Eren Keskin für Menschenrechte ein. Im regierungstreuen Fernsehen wird sie als Landesverräterin bezeichnet, weil sie unverdrossen anprangert, dass Regimekritiker regelmäßig spurlos verschwinden und die Polizei willkürliche Gewalt anwendet. An die 150 Klagen sind gegen sie anhängig, die meisten beziehen sich auf Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die „Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ unter Strafe stellt. Die Juristin muss jederzeit damit rechnen, verhaftet zu werden. Natürlich bekommt sie auch Morddrohungen; es grenzt an ein Wunder, dass es bislang bei Drohungen geblieben ist.

Mutig und unbeugsam

Was für eine Frau! Umso bedauerlicher, wie wenig Maria Binder aus diesem Stoff gemacht hat, selbst wenn ein Vergleich mit dem bewegenden Film von Nahid Persson über den Widerstand im Iran nicht ganz fair ist, schließlich konnte die schwedische Regisseurin ihr Werk ungleich abwechslungsreicher gestalten: Masih Alinejad, eine im New Yorker Exil lebende Journalistin, hat 2014 in ihrer Heimat eine Bewegung ausgelöst. Ein damals auf ihrer Facebook-Seite erschienenes Bild zeigt sie in einer Londoner Allee mit blühenden Bäumen. Darunter stand: „Immer, wenn ich in einem freien Land den Wind in meinen Haaren spüre, erinnere ich mich daran, wie meine Haare unter der iranischen Regierung in Gefangenschaft gehalten wurden.“ Viele Iranerinnen sind ihrem Beispiel gefolgt; immer wieder zeigt der Film Videos von Frauen, die „Keine Züchtigung, kein Kopftuch!“ skandieren und ihren Schleier durch die Luft wirbeln.

Binder bleibt dagegen konsequent bei ihrer Protagonistin. Keskin im Taxi auf dem Weg zum Flughafen, Keskin im Flugzeug, Keskin beim Strandspaziergang, Keskin zu Besuch bei ihrer Mutter, Keskin im Zwiegespräch mit ihren geliebten Katzen, Keskin beim Aktenstudium, ganz oft Keskin beim Telefonieren: Das wirkt auf Dauer fast zwangsläufig etwas einfallslos. Dass „Eren“ dennoch sehenswert ist, hat Binder der Titelheldin zu verdanken, denn Eren Keskin ist nicht nur eine mutige, sondern auch eine interessante Persönlichkeit. Schon ihr Erscheinungsbild ist ein Signal: Hier ist eine unbeugsame stolze Frau in ihren Sechzigern, die sich nicht einschüchtern lässt. Andere hätten längst das Land verlassen oder zumindest einen Leibwächter engagiert; zwei europäische Konsulate haben sich bereits als Zuflucht angeboten. Sollte Angst ihr ständiger Begleiter sein, so lässt sie sich das zumindest nicht anmerken. Dass sie sich nicht scheut, türkische Tabuthemen wie etwa den Genozid an den Armeniern anzusprechen, schürt den Zorn ihrer Feinde zusätzlich.

Konsequent gegen Willkür

Am bedrückendsten ist „Eren“ immer dann, wenn die Anwältin berichtet, was ihren Mandantinnen in der Haft widerfahren ist. Durch die von der EU vergeblich kritisierten türkischen Anti-Terror-Gesetze ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Kesken prangert vor allem die Verbrechen an, die Polizisten gegen Frauen begehen, allen voran die sexualisierte Folter in Form von Stromklemmen an Brustwarzen oder Tritten in den Unterleib, begleitet von Drohungen wie „Wenn du nicht redest, zerschmettere ich dein Gesicht an der Wand“. Es ist erschreckend, wie dünn der Firnis der Zivilisation doch ist.

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