Buchtipp: Eine Grabrede auf die gedruckte Zeitung

Der frühere FAZ-Autor Schulz intoniert einen Grabgesang auf die gedruckte Zeitung, im Grunde auf das Medium Tageszeitung insgesamt. Den Verlegern und Journalisten attestiert er Blindheit und Unverständnis der technologischen Entwicklung, die seiner Ansicht nach den Untergang des Mediums unweigerlich nach sich ziehen: „Statt dass Zeitungsverlage in gut funktionierende technische Verfahren des digitalen Zeitungsvertriebs investieren, durch die sie wieder in eine Beziehung zu ihren Lesern treten, setzen sie auf die Laufkundschaft der sozialen Netzwerke und Werbeerlöse im Massenmarkt.“

Der Titel des Bands ist wörtlich gemeint. Die Totengräber sind – man hat es geahnt – Google und Facebook. Die Abhängigkeiten von den Internetgiganten wachsen. „Der organisierte Journalismus ist nicht nur beim Vertrieb seiner Produkte auf die Dienste der neuen Informationsanbieter angewiesen, sondern schon bei ihrer Herstellung.“ Die Pluralität der Medienwelt werde heute von Google gestaltet. Der Journalismus werde deinstitutionalisiert, seitdem Zeitungen ihre Artikel auf Facebook veröffentlichen oder die Verlage ihre Inhalte selbst auf die Server von Facebook laden. Das einzelne Medium als Marke verschwinde, die Identitätspflege funktioniere kaum noch, wenn die meisten Produkte ohnehin auf Facebook landen. Damit übernehme das Netzwerk auch die Rolle des Gatekeepers: Nicht mehr die Verleger/Journalisten entscheiden über die Relevanz von Informationen, sondern die Facebook-Algorithmen. Eine Klickzahlen messende Software wie „Chartbeat“ habe in vielen Verlagen längst mehr Einfluss auf die Linie des Blattes als das journalistische Spitzenpersonal. Journalistische Kriterien, erst recht hehre Grundsätze wie Glaubwürdigkeit und Seriosität, spielten tendenziell kaum noch eine Rolle. Sie seien den eher unterhaltungsorientierten Lesern meist auch egal. Ohnehin werde es unter den verschlechterten ökonomischen Bedingungen für die Medien immer schwerer, ihren Auftrag – Information, Aufklärung, investigative Recherche – angemessen zu erfüllen. Vor diesem Hintergrund spekuliert Schulz auf ein Ende der „Gutenberg-Galaxis“.

Gibt es Hoffnung auf Rettung? Einen praktikablen Rat weiß auch der Autor nicht. Der Vorschlag, das Publikum solle sich eine „Nachrichtendiät“ verordnen, vermag nicht wirklich zu überzeugen. Außerdem: Gibt es nicht – trotz Google und Facebook – genügend Quellen und journalistische Produkte, Portale, Blogs und – ja, sogar vereinzelt Printmedien – die Orientierung in einer allerdings immer disparater wirkenden Welt schaffen? Dass der Zugang zu diesen „alternativen“ Medien künftig das Privileg einer Minderheit werden könnte, ist allerdings eine andere Frage.

Stefan Schulz: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung. Carl Hanser München 2016. 304 Seiten, 21,90 Euro, ISBN: 978-3-446-25070-3

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Das Netz hat ein SLOP-Problem

Künstliche Intelligenz verändert das Internet wie wir es kannten. KI dient als Beschleuniger von immer neuen Inhalten. Nicht immer entstehen auf diese Weise sinnvolle Inhalte. AI Slop, also digitaler Müll, flutet das Netz. Und KI geht nicht mehr weg. Denn KI-Modelle, finden sich inzwischen an allen möglichen und unmöglichen Stellen des privaten und beruflichen Lebens.
mehr »

Aktionstag für digitale Souveränität

Persönliche Daten sind eine Ware – und wir liefern sie freiwillig an große Technologiekonzerne. Doch was wäre, wenn es auch anders ginge? Eine neue Initiative ruft zum Digitalen Unabhängigkeitstag auf und wirbt für einen Ausstieg aus der digitalen Abhängigkeit.
mehr »

Big Tech verändert TV und Streaming

Bei den Video-Streaming-Plattformen verteidigte YouTube im Jahr 2025 erfolgreich seine Führungsposition und erreicht 72 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren. Die öffentlich-rechtlichen Streaming-Netzwerke von ARD, ZDF, Arte und 3sat kommen auf über 60 Prozent, dicht gefolgt von Netflix und Amazon Prime Video. Doch auch die Sender des ÖRR nutzen YouTube als Ausspielweg ihrer Inhalte. 
mehr »

Smartphones endlich sicherer machen

Als Journalist*innen sind wir verpflichtet, unsere Quellen zu schützen. Wir treffen sie an vertraulichen Orten, anonymisieren Namen, schreddern Unterlagen. Aber was ist mit unseren Smartphones? Während niemand die eigene Haus- oder Bürotür über Nacht offenstehen lassen würde, öffnen wir digital oft ungewollt Tür und Tor zu den sensibelsten Bereichen: Acht Tipps für Datensicherheit bei Smartphones
mehr »