Mediengeschichte wird im Rothaus geschrieben

Schweizer Journalismus-Crowdfundingprojekt sammelt Rekordsumme

Man will meinen, dass der Redaktionssitz des künftigen Online-Magazins „Republik“ im Hotel Rothaus, einem ehemaligen Stadtbordell in Zürich, kein Zufall ist. Schließlich wollen die Macher rund um den in der Schweiz renommierten Journalisten Constantin Seibt erst Geld und später dafür eine Leistung erbringen.

Als die Crowdfundingkampagne am 26. April startete, waren morgens im Regen Dutzende Unterstützer zum Rothaus gepilgert, um dort persönlich ihre 240 Schweizer Franken (etwa 220 Euro) einzuzahlen und Mitglied bei der „Republik“ zu werden. So soll das links-liberal orientierte Online-Magazin heißen, dessen Starterfolg die ganze Medienbranche elektrisiert. Am Abend dieses ersten Tages war eigentlich schon alles vorbei, weil das ursprüngliche Ziel, 750.000 Franken einzusammeln, erreicht war. Eine Woche nach Start der Kampagne steht fest, dass die „Republik“ Mediengeschichte geschrieben hat. Mehr als 10.000 Unterstützer haben eingezahlt, mehr als 2,5 Millionen Franken wurden gezeichnet und die Kampagne läuft noch bis Ende Mai.

Gründung betriebswirtschaftlich

„Wir wollen die Gründung betriebswirtschaftlich angehen“, sagte Seibt noch im Dezember im Interview mit dem „Schweizer Journalist“. Das hat er dann auch gründlich vorbereitet, kündigte seine mit einem Jahresgehalt von angeblich 140.000 Franken vergütete Redakteursstelle und fing zusammen mit seinem Kollegen Christof Moser die Planung an. Sie fanden ohne Schwierigkeiten Investoren, die insgesamt 3,5 Millionen Schweizer Franken versprachen. Diese sollten allerdings erst gezahlt werden, wenn mindestens 3.000 Abonnent_innen gefunden würden, die vorab für ein Jahresabo einzahlen, bevor auch nur eine einzige Zeile geschrieben sein würde.

Wie gesagt: Das Ziel war schon am ersten Tag erreicht und nun wird für den Launch Anfang 2018 geplant. Täglich sollen bis zu 3 Artikel erscheinen, die entweder „kurz oder lang (..) das Konzentrat – oder die ganze Geschichte“ sein werden. Und alle sollen sauber bis zu Ende recherchiert werden, verspricht die Webseite: nichts „Halbes, Halbgutes, Halbgedachtes, Halblanges“ und in die Auswahl sollen nur relevante Themen kommen: „Wir dürfen nichts machen, als das Wichtige.“ Die Themenauswahl werde sich nicht nach einer vorgegebenen Agenda richten, die von Reichweite und Klicks bestimmt wird. Die künftige Redaktion soll „keine Ablenkung durch ein Tagesgeschäft mit News“ haben.

Spott und Erstaunen bei der Konkurrenz

Aus den inzwischen Dutzenden Berichten und Kommentaren der Schweizer Medien trieft eine Mischung aus ätzendem Spott über die Versprechungen und neidvolles Staunen über den Erfolg. Man sieht förmlich die „Redaktoren“, wie sie mit offenem Mund vor ihren Kommentaren sitzen. „Rudel-Euphorie“ titelte der Tages-Anzeiger, bei dem Seibt noch bis zum Ende vergangenen Jahres geschrieben und dann gekündigt hatte. Ein Himmelfahrtskommando nannte es die Berner Zeitung noch, bevor das Crowdfunding raketengleich Ende April startete. Und die NZZ am Sonntag stellt den Erfolg gar als Marketing-Trick und Werbelüge von Heilsversprechern dar.

Ursache dafür ist, dass sich die Macher der „Republik“ gleich mit der gesamten Medienszene in der Schweiz angelegt haben. Sie attestieren, dass das Schweizer Mediensystem nicht in der Lage sei, „seinen Job als Wachhund der Demokratie wahrzunehmen“. Mit sinkenden Einnahmen würden die Medien zum Spielzeug für Milliardäre. Sie zielen damit auf den einflussreichen Christoph Blocher und seine Tamedia AG.

Parallelen zu deutschem Crowdfunding

Markige Sprüche bei den Leistungsversprechen wie „auf Bullshit verzichten“, Pathos in den Formulierungen, etwa „als hätte die Schweiz Anschluss ans Meer“, oder Globalverheißungen wie „es ist Zeit, dem Journalismus ein neues Fundament zu bauen“ erinnern an die deutschen Crowdfundingprojekte. Die Krautreporter zum Beispiel, die vor 3 Jahren versprachen, den Onlinejournalismus zu reparieren, sind inzwischen massiv geschrumpft und wenig wahrnehmbar. Daraus hat die „Republik“ allerdings eins gelernt: Sie haben das Crowdfunding über ihre eigene Plattform abgewickelt und besitzen somit schon jetzt einen direkten Zugang zu mehr als 10.000 Mitgliedern und Leser_innen.

 

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