Mehr Aggressionen  gegen Journalistinnen

Journalist*innen verschiedener Medien und Mitglieder der Zivilgesellschaft demonstrieren vor der Generalstaatsanwaltschaft in Tijuana, um von den Behörden Gerechtigkeit für den Tod der Journalistin Lourdes Maldonado und des Fotojournalisten Margarito Martínez zu fordern. Maldonado wurde am Sonntag in ihrem Auto in Tijuana erschossen. Tage zuvor war ebenfalls in Tijuana der Fotojournalist Martínez beim Verlassen seines Zuhauses erschossen worden. Foto: picture alliance/dpa | Omar Martínez

Sie werden belehrt, herabgewürdigt, bedroht: Journalistinnen in Mexiko arbeiten unter schwierigsten Bedingungen. Die Lage spitzt sich zu, wie ein kürzlich erschienener Bericht bestätigt. Machismus, Frauenfeindlichkeit bis zum Hass ist für sie Alltag – wovon männliche Kollegen verschont bleiben. Die feministische Nachrichtenplattform Cimac (Comunicación e Información de la Mujer) dokumentiert die Repressalien und Verletzungen der Pressefreiheit.

Vorige Woche starb der Gouverneur des mexikanischen Bundesstaats Puebla, Miguel Barbosa Huerta. Als Freund der freien und kritischen Berichterstattung wird Barbosa im kollektiven Gedächtnis der mexikanischen Presse sicher nicht eingehen. Während einer Videokonferenz am 18. Dezember 2020 stellte eine Reporterin eine Frage, die ihm nicht passte. Die Antwort: „Ich sage Ihnen, wenn der Gouverneur gesprochen hat, darf niemand anderes mehr sprechen, okay? Lernen Sie das bitte. Fragen Sie nicht.“ Zwei gravierende Probleme in Mexiko werden durch diese wenigen Sätze offenbar: Misogynie und Pressefeindlichkeit; zensieren, erziehen wollen, herabwürdigen, einschüchtern, orchestriert von staatlicher Seite, mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein Naturgesetz.

Belästigung und sexualisierte Gewalt

Verbalausfälle, Beleidigungen, Drohungen sowie physische Gewalt bis hin zum Mord sind Realität für Journalistinnen in Mexiko. Das Land gilt als eines der gefährlichsten und tödlichsten weltweit für Berichterstatter*innen. Dass alles zu dokumentieren hat sich die feministische Nachrichtenplattform Cimac zur Aufgabe gemacht. In ihrem kürzlich erschienenen Bericht „Worte der Straflosigkeit“ haben die Medienschaffenden die ersten drei Jahre der Vorgänger-Regierung mit den ersten drei Jahren der aktuellen Administration verglichen. Die Zahlen lassen keine Zweifel zu: Mit 209 Prozent Zuwachs an registrierten Aggressionen gegenüber Reporterinnen (von 248 auf 767 Fälle), 85 Prozent Anstieg an Attacken gegenüber der Presse im Allgemeinen sowie einer leicht gestiegenen Zahl an Femiziden erschweren sich die Bedingungen für Frauen im Journalismus noch mehr.

Frauen, die sich hier auf das Wagnis Presseöffentlichkeit einlassen, müssen gänzlich andere Feindseligkeiten aushalten als männliche Journalisten. Diana Hernández Gómez ist Reporterin bei „Cimacnoticias“ und muss dazu nicht lange überlegen. „Es gibt viel Stigmatisierung uns gegenüber. Männliche Kollegen werten dich und deine Arbeit ab, denken, sie müssten dir alles erklären“, so Gómez. Hinzu kämen die Gefahren, denen man als Frau in Mexiko ohnehin ausgesetzt sei, sexueller Gewalt etwa. Die Realität für Journalistinnen in Mexiko ist eine, die sich männliche Kollegen gar nicht vorstellen können: Einen Kontakt abends in einer Bar treffen, um ungezwungen an Informationen zu gelangen; Textnachrichten, um etwas nachzufragen …. All das setzt weibliche Medienschaffende Gefahren der Belästigung und sexualisierter Gewalt aus.

Schüsse auf Berichterstatterin

Ein zuvor ungesehenes Maß an Repression übten die Behörden am 9. November 2020 aus. In Cancún, der Partyzentrale des Landes, trieb der Femizid an der 20-jährigen Alejandrina Lorenzana Alvarado Frauen auf die Straße. Journalistin Cecilia Solís Martín erzählt im Cimac-Bericht, was sie an diesem Tag erlebt hat. Es sei ein „Wendepunkt“ für die Journalistin gewesen. Sie habe in der Vergangenheit viele Demonstrationen begleitet: „Demonstrierende Taxifahrer, Lehrer, religiöse Gruppen, ich habe eine Unzahl an gewaltsamen Situationen gesehen. Aber nichts von dieser Tragweite.“ Nie sei der Befehl gegeben worden, Schusswaffen einzusetzen. An diesem 9. November wurde auf Solís Martín geschossen. Lokalpolizisten jagten ihr eine Kugel ins rechte Bein. Um ihre journalistische Arbeit zu behindern, sollte sie zunächst festgenommen werden – als das nicht klappte, wurde geschossen.

Berichterstattung über feministische Proteste ist laut Cimac-Bericht am gefährlichsten. Bei keinem Thema müssen die Reporterinnen mehr Repression erwarten. Der Präsident selbst hält die feministische Bewegung für „sehr konservativ“, sie sei „infiltriert“, um seiner Regierung zu schaden.

Einige Medien seien mitverantwortlich für die Zustände, denn oft werde Gewalt gegen Frauen romantisiert, oder gar als Akt übermäßiger Liebe dargestellt. Sexistische Sprache und Bewertung kommt oft dazu. Die 28-Jährige Hernández Gómez machte Fotos bei einem workshop, zu dem Cimac, die Schwedische Botschaft, UN Women sowie die Nichtregierungsorganisation i(dh)eas ins Historische Zentrum der Hauptstadt eingeladen hatten. Kolleginnen und Kollegen sollten sich weiterbilden. Es wurde geübt, mit Beispielen aus der mexikanischen Medienwelt: Was ist an dieser Überschrift sexistisch? Warum ist jene Formulierung problematisch? Wie können wir das neutraler gestalten? Mit Selbstkritik hielt sich hier keiner zurück.

Aufklärungsquote liegt bei etwa zwei Prozent

Lokale Medien zählen im laufenden Jahr 17 getötete Journalist*innen in Mexiko. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) zählt elf, in den sechs weiteren Fällen sei die Verifizierung noch nicht abgeschlossen. RSF rechnet dem nordamerikanischen Staat einen „Anteil von fast 20 Prozent der weltweit getöteten Medienschaffenden“ zu. In der frisch erschienenen „Jahresbilanz der Pressefreiheit“ wird betont, dass Mexiko „zum vierten Mal in Folge“ das weltweit gefährlichste Land überhaupt für Berichterstatter*innen sei. Die meisten Morde bleiben straflos, die Aufklärungsquote liegt bei etwa zwei Prozent. Rund 40 Prozent aller Bedrohungen kommen direkt von staatlichen Stellen, wie die OrganisationArticle 19“ in Mexiko betont.

Das überrascht nicht, denn die Stigmatisierung kommt auch von ganz oben: Präsident Andrés Manuel López Obrador greift unliebsame Reporter*innen, aus seiner Sicht „falsche“ Artikel und Medien in seinen Morgenkonferenzen direkt an. Diese teils stundenlangen Runden wurden zu Beginn seiner Amtszeit begrüßt – zuvor war es in Mexiko meist unmöglich, den Präsidenten direkt zu befragen. Doch schnell verwandelte sich diese Plattform in „einen Diskurs der Stigmatisierung ohne jeden Filter“, wie der kürzlich publizierte Cimac-Bericht festhält. Eine Verdreifachung der Aggressionen gegenüber weiblichen Journalistinnen im Bundesstaat Puebla verwundert da niemanden mehr.

 

 

 

 

 

 

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