Baden goes global: Diktatur des Marktes

… und der Fall eines engagierten Kulturchefs bei der „Badischen Zeitung“

Einem engagierten, also unbequemen, überaus renommierten und allseits als fähig erachteten Journalisten, seit 24 Jahren Leiter des Feuilletons eines Regionalblattes in lieblicher Provinz, wurde die Absicht zur Kündigung unterbreitet. Ohne Vorankündigung oder Abmahnung. Da geht ein Aufschrei durch die deutsche Presselandschaft wie bei kaum einem Medienstar. Freiburgs Schwarzwaldidylle ist dahin. Kulturszene und Intelligenz der Stadt, von konservativen Professoren bis zum alternativen Lager, sind dem Aufruhr nahe – in Sorge um ihr bislang doch eher ungeliebt-wertgeschätztes Blatt.

In seltener Eintracht hagelt es von Hamburg bis Graz Proteste samt Boykottaufrufen seitens namhafter Persönlichkeiten gegen die „Badische Zeitung“. Hier wurde ein Nerv getroffen, wie die erstaunlichen Reaktionen bis in die Schweiz und nach Österreich hinein verdeutlichen, bei Journalisten, Kulturschaffenden und Interessierten, in und außerhalb Freiburgs.

Dies ist nicht allein durch den befürchteten Verlust eines für „die Provinz“ herausragenden Feuilletons, nicht einmal durch die Sorge vor einem absinkenden Niveau des als liberal in seiner pluralistischen Offenheit bundesweit geschätzten Blattes zu erklären. Der Schweizer Intendant des Freiburger Dreispartentheaters, Hans J. Ammann, nahezu sämtliche Intendanten Baden-Württembergs, IG Medien, Journalistenverband und Bühnenverein protestierten sofort und

energisch. Ebenso die Intendanten in Bonn und vom Hamburger Schauspielhaus, Norbert Beilharz und Frank Baumbauer, sowie der Stuttgarter Schauspielchef Friedrich Schirmer, Ammans Vorgänger. In einer Resolution fordern sogar über 70 Wissenschaftler der Freiburger Universität, darunter viele namhafte Professoren, ebenfalls die Rücknahme der völlig überraschenden Absetzung des Betroffenen, der aus Gründen des schwebenden Verfahrens schweigen muß.

Auch der Chefredakteur Peter Christ, der dies zu verantworten hat, nennt als Grund lediglich das gestörte Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Jörder. Anderswo, in einer Mitteilung des Betriebsrates, war davon zu lesen, der Mann genüge den Anforderungen an einen Ressortleiter nicht. Darüber mußte selbst Gerhard Jörder lachen, unverhofft zum Kulturdenkmal geworden, nun ohne ersichtliche Gründe vom Sockel gestoßen. Der 53jährige, Mitglied der Jury beim Berliner Theatertreffen, mit ebenso scharfer Feder wie untadeligem Ruf, zählt zu den renommiertesten Kritikern der Republik.

Selbst Ansgar Fürst, der ehemalige Chefredakteur, legte die Jacke der Loyalität gegenüber seinem früheren Haus und Nachfolger ab. Auf einer Protestversammlung vor nahezu 300 Menschen – der Intelligenz der Stadt, Spielleuten und Kritikern aus dem ganzen Land – äußerte er völliges Unverständnis für die kaltschnäuzige Entscheidung seines Nachfolgers Christ (ehemals „Die Zeit“, „Manager Magazin“) und Solidarität mit dem Betroffenen.

Warum der Badische Verlag ausgerechnet auf seinen einzigen „Star“ glaubt verzichten zu können, hat neben einer machtpolitischen Dimension – der offensichtlichen Herausforderung des Managers Christ durch den Intellektuellen Jörder – zunächst und vor allem aber wirtschaftliche Gründe. Die „Badische Zeitung“ steckt – wie nahezu die gesamte Branche – in der Krise. Die Auflage sank unter 200000, die Annoncen stagnieren. Zudem mußten die Erben eines anderen Gesellschafters, des Knecht Verlags (Frankfurt a.M.), der zum ebenfalls arg gebeutelten Freiburger Herder Verlag zählte, in zweistelliger Millionenhöhe abgefunden werden. Sonst wäre womöglich ein Großkonzern in das badische Boot eingestiegen. Da mußte Christian Hodeige aus dem Hause Rombach, dem nun maßgeblichen Gesellschafter des Badischen Verlags, tief in sein Portemonnaie fassen. Denn damit wäre das mittelständische Unternehmen mit einem Umsatz von rund 180 Millionen Mark erst recht in den Sog der Globalisierung geraten.

Nach erstem „Aufräumen“ der seit zwei Jahren amtierenden Chefetage von Wirtschaftsfachleuten, darunter zwei aus dem rauhen Norden und einer aus dem Hause, kehrte bald Sparzwang ein. Allein in der Redaktion sollen nun 1,5 Millionen Mark jährlich geopfert werden. Endfünfziger sollen ungeachtet ihrer Qualität dazu bewegt werden, sich rascher mit dem Ruhestand anzufreunden. Weitere Maßnahmen sind schon angekündigt. Vor allem mit zusätzlichen Entlassungen wird gerechnet.

Die „Maßnahme Jörder“ ist nach Meinung vieler Redakteure vor dem Hintergrund dieses Sparkorsetts zu sehen. Dieser habe sich aus Sorge vor dem mit der ökonomischen Restrukturierung unweigerlich einhergehenden Qualitätsverlust der Zeitung dagegen gesträubt, deren überregionales Renommee als niveauvolles und kritisches Blatt er über Jahrzehnte hinweg maßgeblich mitbestimmte. Dabei sei er alles andere als herausfordernd gegenüber Christ aufgetreten. Eher schon habe er in der Redaktionskonferenz zuletzt eher provozierend geschwiegen, ist aus der Redaktion zu vernehmen.

Dort aber herrschte nun geradezu Angst, hört man. Die Stunde der Jasager droht. Die weit über 100köpfige Mannschaft hat dennoch – mutig in heutiger Wirtschaftslage – nahezu vollständig protestiert. Der Betriebsrat wies die Entlassung Jörders als völlig unbegründet zurück. Für Redaktion und Betriebsrat ist die Grenze überschritten, an der rigide Sanierung in Qualitätseinbuße und Entpolitisierung münden müsse. Viele Redakteure meinen, daß damit auch eine von den Verlegern und anderen immer wieder versuchte Kursänderung einhergehe, ja, daß dies mit der Wahl von Christ vor zwei Jahren schon intendiert gewesen sei. Dennoch weisen manche daraufhin, daß auch Christ für die gleiche, eher linksliberale Grundtendenz des Blattes stehe. Das läßt sich noch schwer beurteilen.

Nahezu alle befragten Redakteure wie auch die protestierenden Leser aber kritisieren einen längst eingeleiteten Schwenk weg von der gründlichen und teuren Recherche, hin zu leicht verdaubarem Service für Konsumenten. Geschäftsführung und Chefredakteur indes streiten so etwas vehement ab. Die Zeitung bleibe weiterhin offen und kritisch, verlautbarten beide in ihrer Zeitung, und hoben auf den undankbaren, gleichwohl unumgänglichen Sparzwang ab. In diesem Konflikt hat der Fall Jörder seine unzweifelhafte Eigendynamik, von den Konsequenzen indes ganz zu schweigen.

So fragt sich nun mancher, wie eine neue, marktangepaßte „Badische Zeitung“ das anstehende 150jährige Jubiläum der deutschen Revolution zu feiern gedenkt, die 1847/48 im liberalen Baden ihren Ausgang nahm. Aber die scheiterte ja bekanntlich – wie offenkundig auch Jörders Utopie von der Kultur in der Regionalpresse.

 

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