WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

David Jacobs, Vorsitzender von ver.di im WDR Foto: Jürgen Seidel

Meinung

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.

Zu der Organisation gehören Leute wie Manfred Spieker, dem Nähe zu „Opus Dei“ nachgesagt wird und der gleichgeschlechtliche Ehen vehement ablehnt mit dem Argument, sie „…leisten zur Reproduktion der Gesellschaft keinen Beitrag …Ihnen fehlt jene interpersonale Komplementarität, die der Schöpfer für Mann und Frau gewollt hat.“ Mitglied ist auch Herwig Birg, der für seine Bevölkerungstheorien einen AfD-Parteitag für ein geeignetes Publikum hält

Der Rundfunkrat mit seinen Vertreter*innen aus vielen gesellschaftlich relevanten Gruppen übt eine nachgelagerte Kontrolle des WDR-Programms aus. Im Rundfunkrat vertretene Gruppierungen werden gerne als Ansprechpartner*innen genutzt, um über gesellschaftlich relevante Themen zu berichten. Ist diese Organisation mit ihren rückwärtsgewandten Ansichten die richtige für das Kontrollgremium? Ich finde: Nein.

Und noch etwas ist mir wichtig: Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten die Siegermächte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Bundesrepublik. Nie wieder sollten Medien zur Propaganda oder für die Organisation gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit missbraucht werden. Ein Verband, in dem Mitglieder gleichgeschlechtliche Ehen als nicht gottgewollt verteufeln, widerspricht dem Gedanken meines Erachtens. Ich frage mich: Welche Kräfte will NRWs Ministerpräsident stärken, in welche Richtung ist er unterwegs? Schon als Hans-Georg Maaßen forderte, man solle Journalist*innen der Tagesschau überprüfen lassen, weil sie Kontakte ins linksextreme Milieu hätten, widersprach Armin Laschet nicht. Dabei hatten Viele in seiner Partei das gefordert. Will Laschet den WDR an die kurze Leine nehmen? Hält er nichts von einem starken, unabhängigen öffentlich-rechtlichen-Rundfunk?

In Ungarn begann die staatliche Kontrolle der Medien auch mit schleichenden Schritten. Ich kann nur hoffen, dass sich dies in Deutschland nicht wiederholt. Leider habe ich das ungute Gefühl, dass wir von ver.di in Zukunft noch genauer hinschauen müssen, wie es um die Rundfunkfreiheit insgesamt und auch zunehmend um die innere Rundfunkfreiheit bestellt ist.

Meine Hoffnung liegt darin, dass meine Kolleg*innen, die Beschäftigten im WDR, trotz der eingeschränkten Vielfalt im Rundfunkrat alles daran setzen, weiterhin die volle Vielfalt des Landes in unseren Programmen abzubilden.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Bürgermedienplattform vor dem Aus

Die Bürgermedienplattform NRWision an der Technischen Universität (TU) Dortmund steht vor einer ungewissen Zukunft. Die nordrhein-westfälische Medienanstalt stellt Ende 2026 die finanzielle Förderung ein – nach dann fast 18 Jahren. Die Verantwortlichen versuchen, für eine Fortführung andere Geldgeber zu finden.
mehr »

IFG: Koalition greift die Pressefreiheit an

Das neue Maßnahmenpaket des Koalitionsausschusses beinhaltet eine Neuregelung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG), das die Pressefreiheit einschränkt und Bürgerrechte abbaut. Die dju in ver.di lehnt diese enorme Verschlechterung des IFG ab.
mehr »

Raue-Reform im Deutschlandfunk

Die Programmstruktur des Deutschlandfunks soll sich ab Dezember 2027 tiefgreifend verändern. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert angesichts der heute vom Deutschlandfunk vorgestellten Programmreform eine Beschäftigungsperspektive für freie Mitarbeiter*innen.
mehr »

SWR: Mehr Geld für Beschäftigte

In der Gehaltstarifrunde für die rund 3.500 festangestellten Beschäftigten und über 1.000 freien Mitarbeiter*innen des SWR haben ver.di, DJV und unisono in fünfter Runde ein Verhandlungsergebnis erreicht. Es setzt sich aus linearen Gehalts- und Honorar-Steigerungen von insgesamt 5,73 Prozent plus weiteren Komponenten zusammen. In der Summe entspricht das einer durchschnittlichen Erhöhung von über 5,8 Prozent.
mehr »