Schlägt Streaming das lineare Fernsehen?

"Charité": Die 2. Staffel der historischen Krankenhausserie läuft aktuell dienstags in der ARD, die Mediathek ermöglicht dem Publikum sogar Vorausschau.
Bild: ARD/Julie Vrabelova

Eine Debatte der Medientage Mitteldeutschland

2018 ist die klassische TV-Nutzung erstmals zurückgegangen, um sechs Prozent. Gleichzeitig stieg die Nutzung von Video-on-Demand gegenüber 2017 um fast 30 Prozent. Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon Prime erobern immer mehr Marktanteile. Hat das lineare Fernsehen noch Chancen oder ist es ein Auslaufmodell? Diese Frage war Ausgangspunkt einer Debatte der Medientage Mitteldeutschland am 6. März in Berlin. Am Ende stand eine eher beruhigende Diagnose.

Ist das lineare Fernsehen am Ende? Keineswegs, findet Jana Brandt , Fernsehfilmchefin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Die aktuell zweite Staffel der historischen Serie „Charité“ zum Beispiel sei ein großer Publikumserfolg. Und das trotz eines leichten Quotenrückgangs gegenüber der Vorjahrsstaffel. Dazu kämen aber ungewöhnlich viele Abrufe in der Mediathek. „Wir haben dreieinhalb Millionen Abrufe der „Charite“, rechnete Brandt vor: „Wenn Sie die pro Folge raufrechnen auf unsere lineare Ausstrahlung, erreichen wir bis zu sechs Millionen pro Folge, was im deutschen Markt, glaube ich, gigantisch ist.“ Von einer Kannibalisierung könne also keine Rede sein. Eher von friedlicher Koexistenz zwischen linear und Video-on-Demand.

Andererseits ist der Zulauf bei den großen Streaming-Diensten recht beeindruckend. Netflix hat bereits gut fünf Millionen Abonnenten, Amazon Prime fast zehn Millionen, und auch Sky kratzt bereits an der 5-Millionen Marke. Rainer Robra, Staatsminister und Chef der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt, zeigt sich von derlei Zahlenwerk indes unbeeindruckt. Das lineare Fernsehen sei immer noch hochbedeutsam. Der Anteil der Nutzung liege nach wie vor bei fast zwei Dritteln des Gesamtkonsums. Aus dem starken Boom der Streaming-Dienste zieht der Medienpolitiker vor allem eine Konsequenz. Daraus erwachse eine „Verantwortung , die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Öffentlich-Rechtlichen eine faire Chance auch in diesem Wettbewerb haben“. Er sei für die Länder in der Rundfunkkommission „ein bisschen stolz darauf, dass wir sehr früh angefangen haben, ARD und ZDF gegen ja zunächst riesigen Widerstand den Weg ins Netz zu ebnen“.

Marco Mehlitz, Geschäftsführer der Produktionsfirma Lagofilm, landete zuletzt mit der Literaturverfilmung „Tschick“ einen großen Kinoerfolg. Jetzt wagt er sich an ein Genre, das es bislang im deutschen Fernsehen noch nie gab: Im Auftrag von Sky entsteht mit „Hausen“ die erste nationale Horrorserie. Über Beschäftigungsmangel kann Mehlitz nicht klagen. Früher habe es eine Verwertungskette aus Kinofilm, Videovermarktung und zuletzt die Ausstrahlung im Free-TV gegeben. „Jetzt haben wir dadurch, dass neue Anbieter, neue Player am Markt sind, die Inhalte brauchen, ein Goldenes Zeitalter“, frohlockte er. Der große Bedarf sei ein Segen für die Filmproduzenten.

Als Totengräber des linearen Fernsehens mag Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Prime Video Germany, sich und die anderen Streaming-Anbieter nicht sehen. Sicher gebe es einen Wettbewerb um Talente und Manpower. Ansonsten begreife man sich eher als komplementären Marktteilnehmer. In dem meisten Fällen kämen Produzenten mit Projekten zu ihm, von denen sie wüssten, „dass sie das beispielsweise beim ZDF niemals unterbringen würden oder SAT.1 ihnen das niemals abnehmen würde“. Insofern schade man nicht dem linearen TV, sondern trage schlicht zur Vergrößerung der Vielfalt bei.

Im Moment sei die Serienproduktion eine Herausforderung für viele Kreative, die mal eine Geschichte in epischer Breite erzählen wollten. Das gelte auch für Filmemacher, die vom Kino vorrübergehend zum Fernsehen wechselten. Ein Pendel, das auch wieder umschlagen könne.

Der große Run auf TV-Serien könne wieder abnehmen, „weil vielleicht der Kunde sagt: Du, ich möchte einfach heut Abend mal 90 Minuten unterhalten werden und nicht schon wieder an der Nadel irgendeiner Serie hängen, die mich über die nächsten ein, zwei Monate süchtig macht.“

MDR-Fernsehspielchefin Jana Brandt gibt sich in dieser Frage pragmatisch. Ihr Sender stehe „für alles“. Man glaube „an den großen Eventfilm genauso wie an eine tolle Kino-Koproduktion oder an die aufregende Serie im klassischen Bereich – ob es ‚In aller Freundschaft’, ob es ‚Weißensee’ oder ‚Charité’ ist“.

Wird es also das lineare Fernsehen in zehn Jahren noch geben? Sachsen-Anhalt-Staatskanzleichef Rainer Robra hat da keine Zweifel. Er erinnerte an das Schicksal von UKW, das nach ursprünglichen Plänen der Politik 2012 zugunsten des Digitalradio DAB abgeschaltet werden sollte. Daher sei er davon überzeugt, dass „die lineare Programmierung noch viele Jahrzehnte bestehen“ bleiben werde.

Zustimmung kam von Jana Brandt. Das lineare Free TV speziell öffentlich-rechtlicher Prägung sei „mit Sicherheit kein Auslaufmodell“. Denn es werde nach wie vor gebraucht: „für die Meinungsvielfalt, für die unterschiedlichen Genres, für ein Programm für jeden, für die Demokratie“.

nach oben

weiterlesen

Europa gemeinsam gegen Hass im Netz

Strafbare Inhalte im Netz sind ein Massenphänomen. In Deutschland sind die Plattformen seit vorletztem Jahr gesetzlich verpflichtet, in Selbstkontrolle entsprechende Inhalte zu filtern und zu löschen. Um aber wirklich wirksam gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen, müsste es internationale Regeln geben. Das zeigte jetzt ein Treffen von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Medienregulierung, Initiativen und Industrie in Brüssel.
mehr »

Dortmund verlor gegen Lensing-Wolff

Eine „schallende Ohrfeige“ für die Stadt Dortmund gab es von der 3. Zivilkammer des Landgerichts: Sie gab der Klage des Verlags Lensing-Wolff „voll umfänglich Recht“. Der Verlag der Ruhrnachrichten hatte die Stadt auf Unterlassung verklagt, weil das Internetangebot dortmund.de einen wettbewerbsrechtlichen sowie einen Verstoß gegen die Staatsferne darstelle. Im Klartext: Die Stadt darf den privaten Medien keine Konkurrenz machen.
mehr »

Zu wenig Frauen in den Medien-Spitzen

Sitzen sie immer noch fest auf dem Pavianfelsen namens Chefredaktion, die Herren Chefredakteure? Oder kommen die Journalistinnen mittlerweile auch in angemessener Anzahl an die Spitze der Medien? Nein, offenbar nicht! Der Verein ProQuote Medien hat jetzt den zweiten Teil seiner Studie veröffentlicht, in dem die Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen untersucht wurde. Schwerpunkt der Untersuchung waren Presse und Onlinemedien.
mehr »

Medienfrauen wollen sich mehr einmischen

Am ersten November-Wochenende trafen sich 300 Frauen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zum 42. Herbsttreffen der Medienfrauen beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Dieses Jahr sorgten neben den Vorträgen, Podiumsrunden und 27 Workshops zum Thema „Frauen und Geld“ vor allem der Negativpreis „Saure Gurke“, der nun Geschichte ist, und das Programm einer Kabarettistin für Gesprächsstoff.
mehr »