Corona als Chance für den Breitbandausbau?

Bild: 123rf

Vor Corona gingen Analysten davon aus, dass die Umsätze bei den Video-on-Demand Plattformen in diesem Jahr um 6 Prozent steigen. Jetzt könnten es sogar über zehn Prozent werden, wie das internationale Marktforschungsunternehmen Strategy Analytics aktuell mutmaßt. Aber halten die Kommunikationsnetze das aus? Manch einer hofft nun, dass bald mehr passiert, um den Breitbandausbau in Deutschland voranzutreiben.

Der Weg ins Gigabit-Zeitalter ist ohne Glasfaserleitungen oder entsprechend aufgerüstete Breitbandkabelanschlüsse aber nicht möglich. Und hier ist Deutschland EU-weit eines der Schlusslichter. Anfang 2020 waren nur rund zehn Prozent aller Haushalte direkt mit einer Fiberleitung verbunden, während vor allem die ländlichen Bereiche unterversorgt sind. Hiesige Haushalte surfen im Schnitt mit etwa 36 Mbit durchs Netz.

„Vor allem während des Tages hat sich die Netzauslastung sicher um 50 Prozent erhöht“, schätzt Jürgen Grützner, Geschäftsführer des VATM, ein Verband für Telekommunikationsunternehmen. Damit würden zwar immer noch nicht die Kapazitäten der „Peaks“ am Abend aus der Vor-Corona-Zeit erreicht. Aber auch die „Peaks“ zur Feierabendzeit hätten sich aktuell um zehn bis 20 Prozent gesteigert.

„Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass wir selbst mit einem Volumen von 50 bis 100 Mbit langsam an die Grenzen dessen kommen, was die Konsumenten wollen“, glaubt Telekommunikationsexperte Helmut Haag, der unter anderem Kommunen beim Breitbandausbau berät und sich im Verband der Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik (VDE) im Bereich Normung einbringt. Gerade jetzt, mit Blick auf eine vierköpfige Familie beispielsweise, in der die Eltern im Homeoffice arbeiten, während die Kinder Videos schauen oder sich mit Games die Zeit vertreiben, reicht die herkömmliche Versorgung nicht mehr aus: „Ich bin mir sicher, dass diese Krise einen Schub erzeugen wird, auch wenn momentan vieles gedrosselt wird.“

Im Rahmen eines Notfallpakets Anfang März hatte die Bundesregierung bereits angekündigt, Anträge und Genehmigungsverfahren zu erleichtern, wenn es um den Breitbandausbau geht. „Geld ist genügend da, denn die Bundesregierung fördert im Milliardenbereich“, weiß Haag, „aber es ist für die Kommunen kompliziert, die entsprechenden Anträge richtig auszufüllen.“ Selbst bei „optimierten“ Vorgehen könne es von der Antragsstellung bis zur Förderzusage anderthalb Jahre dauern. Und danach müssten Tiefbauunternehmen gefunden werden, die in der Regel oft schon ausgelastet seien.

Vor kurzem hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, „um den Ausbau von Glasfaserinfrastrukturen in Gebäuden deutlich zu erleichtern“. So formuliert es ein Sprecher des Bundesjustizministeriums. Alle Wohnungsbesitzer, so der Entwurf, können „angemessene bauliche Veränderungen verlangen“, die „dem Anschluss an ein Telekommunikationsnetz mit sehr hoher Kapazität dienen“. Ein „hochbitratiger“ Internetzugang sei ein Grundbedürfnis im digitalen Zeitalter, heißt es weiter aus dem Ministerium.

Beim Unternehmen FS.COM jedenfalls, das in Deutschland TV-Sender, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen mit Glasfaserinfrastruktur ausrüstet, werden trotz Corona Krise keine Einbrüche registriert. „Wir sehen ganz klar den Trend, dass immer mehr Menschen die Bedeutung leistungsstarker Netze erkennen und sie als Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation von Medienkonsum, Industrie, Bildung, Verwaltung und Wissenschaft in eine digitale Ära sehen“, so Geschäftsführer Andreas Kloo.

Hoffnung macht auch eine Studie, die vor wenigen Tagen vom VATM in Köln vorgestellt wurde. Demnach soll es im zweiten Halbjahr 24 Millionen gigabitfähige Anschlüsse in Deutschland geben. Dazu zählen DOCSIS-3.1-Kabelanschlüsse und FTTB/H-Glasfaser bis zum Haus oder Endkunden. Das wären dann rund ein Drittel mehr als Ende 2019. Auch die Macher der Studie gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie im Bereich der Digitalisierung zu einem enormen Innovations- und Akzeptanzschub führt. Gerade Behörden, aber auch Unternehmen würden Bandbreiten aufstocken während Privatkunden für Homeoffice und Unterhaltung höherwertige Anschlüsse buchen würden.

Besonders die Content-Provider, die bereits aktuell den höchsten Bedarf haben, würden sich über eine Verbesserung freuen, denn sie könnten dann noch mehr Inhalte in besserer Qualität zu noch mehr Konsument*innen transportieren.

Beim Mediatheken-Anbieter Joyn jedenfalls ist man davon überzeugt, „dass der Ausbau der Infrastruktur und eine bessere Breitbandversorgung in Deutschland generell ein guter Treiber für die Nutzung von hochqualitativen Inhalten über Streaming ist“. Damit, so eine Unternehmenssprecherin weiter, würden auch 4K Inhalte, HDR und interaktive Formate mehr Verbreitung finden und ebenso Downloads stärker durch Realtime-Streaming ersetzt werden.

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