Der Druck auf die Journalistinnen und Journalisten nimmt zu

Arbeitszeit, Neue Technik, Veränderung des Berufsbildes und der Abbau der sozialen Sicherung bilden ein komplexes Geflecht von Problemen

Ein kluger Journalist hat es ausgerechnet: Wenn 100 Redakteurinnen und Redakteure ihrem Verlag pro Kopf und Woche jeweils 10 unbezahlte Überstunden schenken, kann sich der Verleger am Ende des Jahres über 2,5 Millionen DM eingesparte Personalkosten freuen. Übertrieben, unrealistisch, ein Einzelfall? Keineswegs. Eine Umfrage der IG Medien unter den Betriebsräten der Tageszeitungsbetriebe hat ergeben, daß Gratis-Überstunden in den Redaktionen eher die Regel sind.

Trotz tarifvertraglichem Anspruch können viele Kolleginnen und Kollegen keinen Freizeitausgleich nehmen. Die Gründe sind immer dieselben: Zu wenig Personal, zusätzliche Belastungen durch die Übernahme technischer Arbeiten im Redaktionssystem und im Internet, Sonderaktionen, Ausweitung der Umfänge und Verschiebung des Redaktionsschlusses nach hinten.

2,5 Millionen DM im Jahr; damit ließe sich eine Menge anfangen. Damit könnte der Verleger zum Beispiel die Gehälter von 24 Jungredakteurinnen und -redakteuren bezahlen, die anderen Kolleginnen und Kollegen könnte er dann pünktlich in den Feierabend schicken. Das tut er aber nicht. Trotz Arbeitszeitverkürzung von 38,5 auf 36,5 Stunden, trotz Verlagerung der Aufgaben der traditionellen Druckvorstufe in die Redaktion und trotz der Übernahme weiterer zusätzlicher Aufgaben gibt es kaum mehr Personal.

Circa 14500 Redakteurinnen und Redakteure waren 1998 in den Zeitungsverlagen beschäftigt, die dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) angehören. Das sind gerade einmal 600 oder 4,1 Prozent mehr als 1993. Im gleichen Zeitraum sind nach Schätzungen der IG Medien mindestens 5000 Arbeitsplätze im Bereich der Druckvorstufe weggefallen. Die Arbeit der Setzer und Korrektoren erledigen heute vielfach Redakteurinnen und Redakteure durch die Bedienung der Redaktionssysteme. Auf der Strecke bleibt dabei oft der Beruf. Die frustrierende Erkenntnis, daß Recherche und Reportage nur noch außerhalb der regulären Arbeitszeit möglich sind, dämmert immer mehr Kolleginnen und Kollegen.

Statt zusätzlicher Redakteurinnen und Redakteure stellen die Zeitungsverlage heute allenfalls noch „Pauschalisten“ ein – Kolleginnen und Kollegen, die ohne Anstellungsvertrag und ohne den Schutz von Tarifverträgen mit bescheidenen Gehältern arbeiten müssen. Sie haben aus Sicht der Verleger noch einen weiteren unschätzbaren Vorteil: Der unsichere Status schwächt die Fähigkeit zur Interessenvertretung. Wer ständig unter dem Fallbeil der Vertragskündigung lebt, macht sich selten für sich und andere stark.

Es ist zynisch, wenn Verleger diesen arbeits- und sozialrechtlichen Mißbrauch auch noch als notwendiges Element zur Wahrung der Pressefreiheit ausgeben. So geschehen im April 1999, als der BDZV dazu aufrief, das Gesetz gegen Scheinselbständigkeit zu kippen, um den Berufsstand der freien Journalistinnen und Journalisten zu retten. Für die wirklich freien Kolleginnen und Kollegen hat sich der BDZV noch nie so vehement in die Bresche geworfen. Die mageren Zeilenhonorare der Freien sprechen für sich.

Der Status der „Pauschalisten“ ist auch immer eine verdeckte Drohung in Richtung der Kolleginnen und Kollegen, die noch abgesichert arbeiten: Schaut her, so kann es euch auch ergehen. Nicht nur in den Betrieben, auch am Tarifverhandlungstisch ist deshalb in den letzten Jahren immer öfter von „Marktpreisen“ die Rede, die weit unter dem lägen, was in den Tarifverträgen steht. Mit anderen Worten: Manche Verleger wollen sich nur so lange an den Tarif halten, bis sie billigere Lösungen finden.

Arbeitszeit, Neue Technik, Veränderung des Berufsbildes, Abbau der sozialen Sicherung: Auf allen Feldern nimmt der Druck auf die Journalistinnen und Journalisten zu. Die IG Medien will dies nicht kampflos hinnehmen. Am Anfang einer Gegenbewegung sollten sich sich die Betroffenen verständigen. Den Anstoß dafür will dieser Text und (im Juni) eine eigene Zeitung zur Kampagne geben. Also: „Aus! Zeit nehmen“, um sich wieder einmal mit den ureigenen Interessen zu beschäftigen.

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