Plötzlich verzichtbar

DeutschlandRadio: Freien-Tarifvertrag ausgehebelt

Beim DeutschlandRadio scheint die langjährige und bewährte Arbeit von Freien nicht mehr viel Wert zu sein. Ohne Umschweife werden sie geschasst. Der Tarifvertrag für „arbeitnehmerähnliche Personen“ wird ins Gegenteil verkehrt.

„Ich bin nie kritisiert worden, war völlig ahnungslos und habe immer geglaubt, geschützt zu sein.“ Fassungslosigkeit herrscht bei einem von fünf plötzlich vom DeutschlandRadio gekündigten festen Freien. „In rüdem Ton“, so der 48jährige, wurde ihm ohne Begründung mitgeteilt, dass man auf seine bislang hochgelobte Mitarbeit nach 13 Jahren ab Ende 2007 verzichte. Die Gründe wurden ihm zugetragen: Es handele sich um eine Präventivmaßnahme, um das Haus vor Ansprüchen zu schützen. Diese ergeben sich aus dem Tarifvertrag für „arbeitnehmerähnliche Personen“ von 1978 und besagen, dass die Zusammenarbeit mit Freien, die 15 Jahre ununterbrochen Urlaubsgeld bekommen, nur noch aus „wichtigem Grund“ beendet werden kann: Das gleiche gilt für Mitarbeiter/innen nach zehn Jahren sofern sie 50 Jahre alt sind. Laut Programmdirektor Günter Müchler möchte „Deutschland­Radio gerne verhindern, dass es zu einem closed shop kommt, auch junge Menschen sollen eine Chance erhalten“. Das wür­de schwierig, wenn man einen „großen Block bestandsgeschützter Mitarbeiter hat“.
Jutta Klebohn vom ver.di-Landesverband NRW findet das empörend: „Die Anstalt entzieht sich ihrer sozialen Verantwortung ausgerechnet bei jenen Freien, die sehr stark in die Produktionsprozesse eingebunden sind. Es zeugt zudem von ­besonderer sozialer Kälte, Menschen mit Ende 40 auf einen Arbeitsmarkt zu schick­en, der dem Jugendmythos anhängt.“
Die Aktion soll mit laufenden Bestandsschutzverfahren zu tun haben, die den Verantwortlichen zu teuer sind. Wie es heißt, will der Programmdirektor nun regelmäßig prüfen, wer in den Schutz des Tarifvertrages kommen könnte und die Mitarbeit derjenigen im Verhältnis eins zu vier, eins zu fünf, vorsorglich beenden. Die Kriterien sind unklar, soziale können es nicht sein, für die jetzt Betroffenen geht es um die Existenz. Wer zukünftig „vielseitig einsetzbar, flexibel aufgestellt und im Einzelfall für die Programmgestaltung unverzichtbar“ ist, kann, so ist zu hören, guten Mutes sein. All dieses, sagen die Betroffenen, trifft auch auf sie zu. Personalratsvorsitzender Gode Japs: „Das Haus schmückt sich gerne mit seinen Freien – vor allem, wenn deren Produktionen be­lobigt werden und Preise erhalten.“

Eine Welle von Solidarität

Man spricht von Willkür: Es scheint, als habe sich lange Zeit keiner der Zuständigen mit dem Tarifvertrag beschäftigt. Statt dessen scheint eine Politik des panischen „von jetzt auf gleich“ zu herrschen. Freiensprecher Manfred Kloiber: „Nie zuvor wurde die Zusammen­arbeit mit einem Mitarbeiter beendet, um sich vor tariflichen Leistungen zu drück­en. Nach 28 Jahren paßt einigen der Tarifvertrag nicht mehr, aber anstatt mit uns da­rüber zu reden, entlässt man hochqua­lifizierte Mitarbeiter, denen inhaltlich nichts vorgeworfen wird.“ Für Pressesprecher Dietmar Böttcher steht „das Vorgehen im Einklang mit dem Tarifvertrag. Er wird angewendet“. Er gibt zu bedenken, dass Freie „sich nicht auf einen Auftrag­geber konzentrieren sollten“. Indes erinnert Manfred Kloiber daran, dass es „Stil des Hauses war, Freie langfristig zu binden und sie intensiv am Geschehen im Sender zu beteiligen. Dieses Programm ist nur mit Festen und Freien zu machen, die mit Leib und Seele dahinter stehen.“ Die Verantwortlichen aber behaupten, der Sender müsse „zukunftssicher“ gemacht und deshalb verhindert werden, dass man Menschen, von denen nicht sicher ist, ob sie in zehn, fünfzehn Jahren noch ins Programm passen, nicht mehr los wird. Kloiber rät, sich nicht dem Druck zu beugen und womöglich freiwillig auf soziale Schutzrechte zu verzichten, „erst recht nicht, wenn man älter wird“.
Es scheint aber, als habe die Aktion etwas im Verhältnis zwischen Festen und Freien bewirkt. Ein Betroffener: „Eine Welle von Solidarität und Zuwendung ist über mich gekommen, die mich völlig überwältigt hat.“ Für Gode Japs keine Überraschung: „Der plötzliche ‚Rausschmiss’ von Freien hat alle MitarbeiterInnen völlig überrascht. Ich habe während meiner 16jährigen Zugehörigkeit zum Deutschlandfunk noch nie so viel Unmut und Empörung, aber auch Hilflosigkeit erlebt wie in den letzten Wochen.“ Für Ulli Schauen, Vorsitzender der ver.di Bundeskommission Selbständige, gibt es einen Trend: „Die Öffentlich-Rechtlichen sind dabei, den Ruf zu verlieren, dass sie einigermaßen anständige Beschäftigungsverhältnisse und Bedingungen für freie Mit­arbeit bieten. Längst ist es bei ihnen nämlich so wie bei x-beliebigen anderen Unternehmen: Da gibt es eine gesicherte Kernbelegschaft, aber drum herum immer mehr Menschen mit Aushilfs- und Zeit­verträgen. Und ganz außen die Freien, die die Sender nach Belieben heuern und feuern können wollen.“

nach oben

weiterlesen

Öffentlich-Rechtliche in der Bredouille 

Die Ablehnung der Eilanträge von ARD, ZDF und Deutschlandradio auf Erlass von einstweiligen Anordnungen zum Rundfunkbeitrag kurz vor Weihnachten stellt die Sender vor schwierige Entscheidungen. Um die Folgen von Sachsen-Anhalts „Nein“ zur Erhöhung des Rundfunkbeitrags für die öffentlich-rechtlichen Sender ging es bei der jüngsten Videokonferenz einer Initiative des Instituts für Journalistik der TU Dortmund „Innovative Wege zur Sicherung der Qualität und Vielfalt der Medien“.
mehr »

Netflix schüttet erste Zusatzvergütungen aus

Mitwirkende an deutschen Serien-Produktionen von Netflix erhalten auf der Grundlage Gemeinsamer Vergütungsregeln erstmals Zusatzvergütungen. Zudem beteiligt sich das US-amerikanische Medienunternehmen an der Finanzierung der Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V. Ein Interview mit Rachel C. Schumacher, Senior Counsel, Labour Relations, Netflix, und Bernhard F. Störkmann, Geschäftsführer der Deutschen Schauspielkasse (Deska).
mehr »

Arbeitszeit beim Film bleibt strittig

In den Tarifverhandlungen zwischen der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen und ver.di ist auch am 14. Januar kein Fortschritt erreicht worden. Für die rund 25.000 Filmschaffenden zeichnet sich damit keine baldige Verbesserung der Arbeitszeitbedingungen durch mehr freie Wochenenden, zusammenhängende freie Tage oder Wochenend-Zuschläge ab. Die Produzentenallianz hat in den bisherigen zwei Verhandlungen den beiden Gewerkschaften BFFS und ver.di noch kein Angebot gemacht, will vielmehr im Jahr 2021 keinerlei Veränderung am Tarifvertrag akzeptieren.
mehr »

Deutschlandradio kündigt Tarifvertrag

Deutschlandradio ist aus dem laufenden Tarifvertrag mit ver.di ausgestiegen. Der Sender begründet den Schritt mit der von Sachsen-Anhalt blockierten Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Dem Sender fehlten dadurch die nötigen Einnahmen für den laufenden Haushalt, vor allem aber würden nötige Investitionen erstmal zurückgestellt. Damit erhalten die Beschäftigten im April nicht wie ursprünglich vereinbart mehr Geld. ver.di fordert Deutschlandradio zu Tarifverhandlungen auf.
mehr »