Was bislang als ein nicht näher beschriebenes Szenario durch die Nachrichten geisterte, konkretisiert sich nun in Zahlen. Gerade einmal 38 Prozent der Verlags- und Medienhäuser blicken zuversichtlich auf das neue Jahr. Das geht aus dem gerade veröffentlichten Trend-Report 2026 des Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford hervor.
Für seinen Report befragte das britische Forschungsinstitut 280 Führungskräfte aus der Medienbranche in inzwischen 51 Ländern. Der Anteil der in Deutschland befragten Personen beträgt dabei elf Prozent. Klassische Medien sind demnach vor allem von zwei Seiten bedroht: Zum einen entwickeln sich Suchmaschinen aufgrund der Weiterentwicklung von KI zu reinen Antwortmaschinen. Zum anderen ziehen freie Nachrichten-Creators, insbesondere junge Leute, auf ihre Seiten.
„Google Zero“ wird realer
Die Daten des Analyseanbieters Chartbeat zeigen, die Besuche auf Nachrichtenseiten über die Google-Suche sind in den USA im vergangenen Jahr um 38 Prozent gesunken. Google setzt in Übersee bei der Suche schon deutlich stärker auf KI-Unterstützung. In Europa beträgt der Rückgang „nur“ 17 Prozent. Doch was in den USA schon Realität ist, droht mit Verzögerung auch den europäischen Staaten.
Die zunehmende Irrelevanz von Suchmaschinen für Webseiten-Besuche, Stichwort: „Google Zero“, gefährdet ganze Geschäftsmodelle im Medienbereich. Viele Medienhäuser sind einen stillen Pakt mit Google eingegangen. Wie sich jetzt herausstellt, scheint es sich dabei nur um eine einseitige Abmachung ohne Verpflichtungen zu handeln. Denn Google baut die Suche mit KI-Unterstützung weltweit aus. Suchmaschinenoptimierung (SEO) ist damit quasi gestorben.
Diese Entwicklung bestätigt auch der Reuters-Trend-Report. Die befragten Medienmanager*innen rechnen mit einer Halbierung des Traffics von Suchmaschinen innerhalb der nächsten drei Jahre.
Einfluss von Influencer*innen wächst
Vor allem junge Leute informieren sich immer seltener über klassische Medien. TikTok und YouTube mit ihren bewegten Inhalten ziehen das junge Zielpublikum immer stärker an. Unabhängige Nachrichten-Creators und Influencer*innen liefern inzwischen das attraktivere Angebot. Diese Entwicklung belegen zumindest die steigenden Zugriffszahlen auf entsprechende Formate.
Trends aus den USA zeigen außerdem, immer häufiger setzen sich Politiker*innen vor die Videokamera oder das Mikrofon und verbreiten ihre Botschaften ungefiltert über die Formate der neuen Nachrichten-Portale. Klassische Medien schauen dabei in die Röhre und verlieren zunehmend an Relevanz.
Sind diese beiden aufgezeigten Entwicklungen eine Einbahnstraße? Selbstverständlich nicht. Der Reuters-Trend-Report zeigt Lösungen auf, wie klassische Medien in einer sich verändernden Zeit dennoch einzigartig bleiben können. Das bedeutet allerdings, rasche und in Teilen radikale Veränderungen. Die befragten Medienmanager*innen haben das erkannt. 91 Prozent wollen mehr in originäre Recherche und Reportage vor Ort investieren. 82 Prozent planen mehr Analyse und Einordnung, 72 Prozent mehr menschliche Geschichten. Sie planen also genau das, wofür Creators und Influencer*innen bereits heute stehen.
Zunehmende Sehnsucht nach Echtheit
Gerade weil KI den gesamten Medienkonsum auf den Kopf stellt und unaufhaltsam voranschreitet, steigt gleichzeitig die Sehnsucht nach echten Menschen und echten Inhalten. Die Bedeutung von Video wird in naher Zukunft weiter zunehmen. 79 Prozent der Befragten wollen in Formate mit Bewegtbildern investieren, 71 Prozent in Audio-Formate. Als wichtigste Verbreitungskanäle gelten YouTube gefolgt von TikTok.
Natürlich sind solche Veränderungen riskant. Wenn Medienhäuser und Verlage einzelne Personenmarken aufbauen, können diese jederzeit auch in die Selbstständigkeit wechseln, ihre Follower mitnehmen und sich als eigene Marke in der Online-Welt etablieren.
Klassische Medien als eigene Marke hätten in der bisherigen Form keine Zukunft mehr. Das lässt sich aus dem Reuters-Trend-Report ablesen. Früher gut funktionierende Formate wie Service-Journalismus, Reiseführer oder Produktbewertungen kann KI heute deutlich schneller produzieren. Da machen auch die befragten Medienmanager*innen keinen Hehl draus.
Immerhin: KI scheint derzeit auch nicht der große Jobkiller zu sein. 67 Prozent der befragten Verlage und Medienhäuser haben bislang keine Stellen durch KI eingespart. Neun Prozent haben sogar neue Positionen geschaffen. Nur 16 Prozent geben gegenüber dem Reuters-Institut an, Stellen gestrichen zu haben.

