Aufgeben ist keine Option. „Als der Verlag bankrott ging, machten wir weiter“, erklärt Rui Tavares. „Wir“ das sind neben dem 64-jährigen Chefredakteur der politischen Wochenzeitschrift in Portugal – Visão – 11 weitere Redakteure.
„Uns war klar, wenn wir nicht weiterhin erscheinen, dann ist das ganz sicher das Aus für unsere Zeitschrift. Keiner kauft einen Titel, den es nicht mehr am Kiosk gibt“, erklärt Tavares. Die zwölf Redakteure bringen deshalb seit Juni 2025 die seit 32 Jahren erscheinende Visão – zu deutsch Sicht oder Sichtweise – in Eigenverantwortung heraus. „Ohne Büro, im home office“, so Tavares, der trotz Redaktionsschluss geduldig Rede und Antwort steht.
Visão, oder besser der Verlag dahinter, der insgesamt 14 Zeitschriften herausbrachte, ist Opfer der Covid-Pandemie. Während des Lockdowns ging die verkaufte Auflage zurück und erholte sich danach zu langsam. Hinzu kamen Fehlentscheidungen, wie die Einstellung der Abos für die Printausgabe zugunsten der Digitalabos. 20.000 Abos waren es einst. Jetzt sind es nur noch 5.000 digitale Abonnenten und 10.000 verkaufte Exemplare am Kiosk. „Wir werden sobald wie möglich die Printabos wieder einführen“, sagt Tavares, der mittlerweile überhaupt keinen Käufer für Visão mehr will. Die Zwölf träumen vielmehr davon, auch weiterhin Eigentümer ihrer Zeitschrift zu sein.
Mit Crowdfunding zum Erfolg
Doch bis es soweit ist, müssen sich die Redakteure erst einmal die Rechte am Namen und die Archive sichern. Der Konkursverwalter und das zuständige Gericht werden dies in den kommenden Wochen meistbietend verkaufen. „Wir haben deshalb im Januar einen Crowdfunding eingerichtet“, berichtet Tavares. Es war ein voller Erfolg. Die Visão-Rest-Belegschaft wollte 200.000 Euro zusammenbekommen. Das gelang in weniger als zehn Tagen. Mittlerweile haben über 6.000 Unterstützer*innen gespendet. 250.000 Euro sind bisher auf dem Konto. Die Kampagne hatte – passend zum Namen der Zeitschrift – „Schließen Sie die Augen nicht!“ – zum Motto. Bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Politik unterstützen den Aufruf, Geld zu spenden.
Der Erfolg der Initiative zeigt, die Portugiesen schätzen ihre traditionelle Presse. Laut dem „Digital News Report“ des Reuters Institute zählt Portugal zu den europäischen Ländern mit dem höchsten Vertrauen in Nachrichten, obwohl dieser Index natürlich auch hier gesunken ist. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise, die Portugal 2008 so stark wie nur wenige andere EU-Länder erwischte und angesichts zunehmender politischer Spannungen – die Rechtsextremen gewinnen an Zuspruch – glaubt ein bedeutender Teil der Bevölkerung weiterhin an den Wert seriösen und unabhängigen Journalismus. Visão mit langen Reportagen und Hintergrundtexten steht dafür, wie kaum eine andere Publikation.
Wie die Eigentumsstrukturen aussehen könnten, darüber sind sich die Zwölf noch nicht im Klaren. „Ein Genossenschaftsmodell ist in Portugal anders als etwa in Spanien, Frankreich oder Deutschland nicht so leicht möglich“, bedauert Tavares. Nur eines weiß er, sie wollen sich weiterhin, wie jetzt in Krisenzeiten, so horizontal wie möglich organisieren.
Auf Papier und digital
Papier oder nur digital, das ist für Tavares und Kolleg*innen keine Debatte. „Wir verkaufen nach wie vor 10.000 Exemplare am Kiosk. Darüber kommt das Geld herein“, sagt er. Für ein Land mit gerade einmal zehn Millionen Einwohner*innen kann sich dieses Auflage sehen lassen, zumal noch 5.000 Digitalabos hinzukommen. Und wenn es gelingt einen Teil der einst 20.000 Printabonnent*innen zurückzugewinnen, sei das Blatt mehr als überlebensfähig. „Bereits jetzt zahlen wir Lohnschulden ab, bei denen, die gegangen sind“, sagt Tavares. Auch wenn die Leserschaft zum Großteil 50 Jahre und älter sei, gäbe es einen Markt für Print in den kommenden 20 Jahren. „Denn diese Altersgruppe bevorzugt meist Papier“, sagt Tavares. Das Blatt mit 116 Seiten kostet 4,50 Euro im Kioskverkauf.
Sollten sie die Rechte erstehen, wollen sie langsam aber sicher wieder ausbauen. „Wir haben einen Geschäftsplan, der von 20 bis 23 Journalist*innen in der Redaktion ausgeht. Hinzu kommt technisches Personal“, so Tavares. Dringend braucht die Zeitschrift wieder eine Werbeabteilung. Derzeit kommen nur wenige Anzeigen herein, weil sich niemand darum kümmert. „Die Werbung, die wir haben stammt meist von Unternehmen, die uns einfach solidarisch unterstützen wollen“, berichtet Tavares.
Das Ziel ist nicht nur Visão selbst. Einst war die Zeitschrift das Herzstück einer ganzen Reihe von Publikationen. Visão Júnior brachte einer jungen Leserschaft die Nachrichten auf einfache Art und Weise nahe. Visão Biografia hieß die Reihe von Sonderausgaben, die sich jeweils mit einer wichtigen Persönlichkeit beschäftigte. Visão Saudé brachte Nachrichten zur Gesundheit und Visão Historia berichtet über Geschichtsthemen. „Wenn alles gut läuft, werden wir auch diese Reihen wieder erscheinen lassen“, versichert Chefredakteur Rui Tavares.

