Die ARD setzt im Zuge von Sparmaßnahmen auf die Zentralisation von Hörfunkmoderationen. Allerdings ging das bislang auf Kosten des Service. Im gemeinschaftlichen Radio-Nachtprogramm kommen deshalb nun KI-Stimmen zum Einsatz. Die behutsame Einführung sorgt für positive Resonanz, heißt es.
Wenn Hörer*innen in Norddeutschland darüber informiert werden, wie das Wetter in den kommenden Tagen in Baden-Baden wird oder welche Staus auf der A5 Richtung Schweiz die Fahrt verzögern, ist der Mehrwert überschaubar. Deswegen setzt die ARD im gemeinschaftlichen Radio-Nachtprogramm seit Anfang März auf KI-Stimmen, um Wetter- und Verkehrsmeldungen regionalisiert anbieten zu können.
Der ARD wird im Vorfeld des Projekts bewusst gewesen sein, dass dies unangenehme Fragen seitens der Hörer*innenschaft nach sich ziehen kann. Der Einsatz von KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) bietet eine thematische Angriffsfläche für die Menschen, die vor allem in den sozialen Medien sowieso schon seit Jahren über den ÖRR herziehen.
Deswegen ist die ARD bei der Einführung der KI-Stimmen besonders behutsam vorgegangen. Für ein Meinungsbild hatte die ARD-Medienforschung vor dem Start über 800 Menschen bundesweit konkret zum geplanten KI-Einsatz bei Wetter und Verkehr befragt. „Dabei wurden auch die Soundfiles als Hörbeispiele vorgeführt. Die Ergebnisse und das Feedback wurden dann in die Umsetzung einbezogen, beispielsweise bei der Formulierung des Transparenzhinweises. Die Rückmeldungen waren insgesamt sehr positiv“, berichtet eine ARD-Pressesprecherin auf Nachfrage.
Erhöhte Transparenz
Transparenz ist ein Zauberwort in diesem Zusammenhang. Bevor die KI den Meldungen eine Stimme gibt, ertönt ein Hinweis für die Hörer*innen, dass die folgenden Informationen mit Hilfe von KI erstellt worden sind. Was die KI-Stimmen vermelden, haben vorher die Redakteur*innen in den jeweiligen Sendeanstalten geschrieben, die Inhalte sind also menschlicher Natur. Die KI dient nur dazu, die von Menschenhand geschriebenen Meldungen zu vertonen.
Die KI-Stimmen ersetzen also keine Menschen, weder in der Redaktion noch am Mikrofon. Gerade dort werden sie trotz Zentralisation weiterhin benötigt, um sich live in das Programm zu schalten, beispielsweise bei aktuellen Gefahrenlagen durch Unwetter oder Geisterfahrer. Die KI-Stimmen sind überdies aus den Stimmen echter Moderator*innen des SWR entwickelt worden. Die Kolleg*innen, die ihre Stimme dafür zur Verfügung gestellt haben, seien dafür ordentlich entlohnt worden, heißt von der ARD.
ARD-eigenes System RAKI
ARD-intern tragen die KI-Stimmen die Namen „Saskia“ und „Henrik“. Bei der Erstellung der Maschinenstimmen hat die ARD ein eigenes KI-System trainiert. „Die KI-Anwendung mit dem Namen RAKI, also Radio Automation KI, wurde in Kooperation von SWR und WDR intern für die ARD entwickelt“, erläutert die ARD-Pressesprecherin und unterstreicht noch einmal: „Die Meldungen werden in den Redaktionen für Wetter und Verkehr von Redakteurinnen und Redakteuren geschrieben, geprüft und anschließend durch die KI-Stimmen vertont. Die Inhalte sind also komplett von Menschen erstellt, nur die Vertonung wird der KI überlassen.“
Zu diesem Zweck bietet der Einsatz von KI tatsächlich einen Mehrwert für die Hörer*innen der ARD-Popnacht. Denn die profitieren nun von Service-Meldungen aus ihrer Senderegion, auch wenn die Live-Moderation vom SWR kommt. „Zum Start gab es Nachfragen zur Funktionsweise des Tools und in einigen Fällen meist konstruktive Kritik per Mail und über die Hotlines“, berichtet die ARD-Pressesprecherin über die ersten Reaktionen aus der Hörer*innenschaft zum neuen KI-Service-Angebot.
Technisch gab es zu Beginn noch ein paar Probleme, weil die Länge des Service-Blocks aufgrund der Anzahl der Meldungen zeitlich unterschiedlich ausfallen kann. Auch hierbei hat RAKI geholfen. Das KI-System berechnet nun für jeden der acht regionalen Meldungsblöcke eine einheitliche Länge, ohne dabei wichtige Meldungen zu unterschlagen.
Keine KI ganztags
Überlegungen, KI-Stimmen auch in anderen Hörfunkbereichen einzusetzen, gibt es bei der ARD derzeit nicht. Auch soll die KI-Nachtarbeit bei Wetter und Verkehr nicht auf das Tagesprogramm erweitert werden. „Nein, es gibt keine Überlegungen ganztags die KI-Stimme die Verkehrs- und Wettermeldungen lesen zu lassen“, antwortet die ARD-Pressesprecherin.
Der KI-Einsatz sei nur eine Verbesserung des nächtlichen regionalen Hörfunk-Angebots, um in diesen Randzeiten möglichst ressourcenschonend zu arbeiten, also in Zeiten, in denen nur wenige Menschen zuhören. „Tagsüber, zur Radio-Primetime, ist das anders. Von 5 Uhr bis abends senden alle beteiligten Radiowellen ein eigenes Programm mit eigenen Moderatorinnen und Moderatoren und können daher Wetter- und Verkehrsmeldungen ganz ohne KI individuell passend zu ihrem Sendegebiet gestalten“, heißt es dazu aus der ARD-Pressestelle. Wie „Saskia“ und „Henrik“ „on Air“ klingen, hat kürzlich der Wellenchef von WDR 2 und WDR 4, Jürgen Kraus, demonstriert.

