Seit fünf Jahren macht das Berliner Medienhaus Table.Media „Briefing-Journalismus“, vor allem für Entscheider*innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und NGOs. Wie funktioniert der Fachjournalismus in diesem Verlagsmodell?
Wohin mit den komplexen Fakten, wenn die Aufmerksamkeit des Publikums nur noch für einige wenige Minuten Social Media-Content reicht? Dann müssen auch kompliziertere Zusammenhänge in kurze Reels und Posts passen. Wie etwa bei Zeit online, wo auch Neuigkeiten aus dem Fachressort KI & Technik in schnellen, ein- bis zweiminütigen Video-Reels abgehandelt werden.
Wer tiefer und genauer informiert sein möchte oder muss, etwa aus beruflichen Gründen, braucht tiefergehende Angebote. Deshalb etabliert sich für das Expert*innen-Publikum zunehmend ein sogenannter Deep Journalism, der umfassender und aus verschiedenen Perspektiven berichtet, um ein tieferes Verständnis komplexer Geschichten zu ermöglichen. Zusammen mit dem Genre des „Tiefen Journalismus“ gründen sich neue Medienanbieter mit eigenen (zumeist) kostenpflichtigen Formaten, oft Newsletter und Online-Briefings. Die richten sich in Stil, Form und Faktentiefe gezielt an Entscheider*innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien und NGOs.
Prominente Beispiele sind die Portale jüngerer Medienhäuser, wie z.B. ThePioneer oder Table.Media, aber auch die Briefings etablierter Verlage, etwa die des Tagesspiegels und der FAZ – oder die Newsletter des Handelsblatts. Zu deren Fach-Portfolios gehören, neben den must haves Wirtschaft, Finanzen und Politik, oft auch eine eigene Klima-, Energie- und Umweltbriefings, so z.B. beim Tagespiegel, beim Handelsblatt (Energie), oder bei Politico (California Climate).
Den Climate.Table des Berliner Medienhauses Table.Media leitet seit 2022 der renommierte Klima- und Umweltjournalist Bernhard Pötter. Pötter war zuvor lange als Umweltredakteur bei der Taz, für die er bis April noch eine eigene Kolumne schrieb, und er arbeitete frei u.a. für Der Freitag, Die Zeit, Geo, New Scientist und die Neue Zürcher Zeitung. Zudem ist er Autor mehrerer Fachbücher zu Klima und Umwelt.
Tiefer Journalismus für Expert*innen
Was unterscheidet die Arbeit bei einem Briefing-Medium von seinen früheren Redaktionserfahrungen? „Der erste große Vorteil ist für mich die Konzentration auf Klimathemen bei gleichzeitig enger Zusammenarbeit unseres Climate.Table mit den anderen Table-Redaktionen. Etwa mit der Politik beim Berlin.Table, mit dem ESG.Table bei Fragen von Investment und Unternehmensführung oder mit dem CEO.Table bei Unternehmensthemen“, berichtet Pötter.
Anders als bei der Taz, wo er zumeist als Einzelkämpfer oder im Duo unterwegs gewesen war, arbeitet er beim Climate.Table mit acht Kolleg*innen plus Korrespondenti*nnen in aller Welt und den Kollegi*nnen der anderen Redaktionen im Haus. „Es macht einfach einen großen Unterschied ob da 16 Augen und 16 Ohren dabei sind, oder nur zwei oder vier – speziell beim Output und in den redaktionellen Debatten“, sagt Pötter.
Auch werde er als Fachjournalist bei Table.Media deutlicher wahrgenommen – von Menschen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft und ganz generell von den Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat. „Die kommen jetzt öfter von sich aus mit Informationen oder mit Fragen auf einen zu. Bei der Taz war da eher eine Holschuld, jetzt wenden sich viel mehr Menschen mit Informationen und Hintergründen an uns“, berichtet der Klimaredakteur.
Diese Nähe zu den Leser*innen / Abonnent*innen entsteht u.a. auf internationalen Klimakonferenzen, wie etwa der COP, wo das Climate.Table-Team vor Ort arbeitet und von einer zweimal wöchentlichen Erscheinungsweise auf ein tägliches Briefing umsteigt.
Neben den kostenpflichtige Fach-Tables gibt es drei kostenfreie Tables, darunter den Berlin.Table, der inhaltlich breiter aufgestellt ist und den kostenpflichtigen Tabels, auch dem Climate.Table, als Schaufenster für eigene Beiträge dient. Er ist zudem mit dem kostenfreien Table. Today-Podcast verknüpft, den die beiden Chefredakteur*innen Michael Bröcker und Helene Bubrowski moderieren. Zusätzlich gibt es das Live-Format Table.Events.
Abos für den Jobgebrauch
Anders als bei den Abos der Publikumsmedien werden sie zumeist beruflich genutzt und deshalb meistens von den Arbeitgeber*innen gezahlt. „Wer in der Klimaszene mitreden will, braucht den Climate.Table, wer in Brüssel arbeitet, für den ist der Europe.Table quasi ein Muss“, glaubt Pötter. Gelesen würden die Briefings oft auf dem Weg zur Arbeit und fast ausschließlich elektronisch, häufig auf dem Handy.
Ein Briefing-Journalismus, der direkt die Entscheider*innen erreicht, ist womöglich politisch wirksamer als ein Fachjournalismus für das breite Publikum. Hat Pötter Anhaltspunkte dafür, dass seine Briefings die Entscheidungen der „Klimabubble“ direkt oder indirekt beeinflussen? „Einen Politiker haben wir noch nicht zu Fall, gebracht. Das sehe ich auch nicht als unsere Aufgabe. Auch die Übernahme in die Agenturmeldungen ist schwierig, weil wir so dezidiert in einzelne Bereiche gehen. Aber natürlich löst es was aus, wenn wir einen Gesetzestext vorab analysieren, Fakten checken oder in Gutachten Fehler finden. Sie glauben nicht, wie häufig das passiert. Das ist nicht dauernd der große Knall, aber es sorgt für ein besseres Informations-Ökosystem, davon bin ich überzeugt“, sagt Pötter.
Mit fünf Jahren sind die Table.Briefings fast noch verlegerische Start-ups. Es bleibt spannend zu beobachten, ob und wie sich die einzelnen Fachangebote – kleine selbständige Business Center – durchsetzen werden. Denn, obwohl sie eng zusammenarbeiten, müssen sie sicherlich auch jeweils ihren Teil zum, Gesamtergebnis des Medienhauses beitragen. Erinnert sei an die Fachjournalist:innen-Genossenschaft RiffReporter, deren einzelne Fachangebote („Korallen“) inzwischen zu einem gemeinsamen Abo Angebot verschmolzen wurden.

