Sachlich, an Tatsachen orientiert und fair – diesen Anspruch erhebt die Bundespressekonferenz (BPK), der Verein der Hauptstadtpresse, für die Berichterstattung ihrer Mitglieder. Parallelmedien haben dort dennoch einen Fuß in der Tür. Und werden damit normalisiert.
Sogenannte Parallelmedien – sie selbst bezeichnen sich auch als „alternative“ oder „freie“ Medien – setzen auf eine traditionsreiche und etablierte Struktur: die Bundespressekonferenz (BPK). Das ist der 1950 in Bonn gegründete und heute fast ausschließlich in Berlin tätige Verein der Parlamentskorrespondent*innen.
Die extrem rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist dort ebenso vertreten wie die linke „Junge Welt“. Das in der Schweiz ansässige AfD-nahe Internetradio „Kontrafunk“ hat seinen Redakteur Frank Wahlig in dem Verein. Er ist ehemaliger ARD-Korrespondent. In der BPK gibt er als Adresse „Hauptstadtstudio Berlin“ an, was mit dem ARD-Hauptstadtstudio jedoch gar nichts zu tun hat.
NIUS-Vertreter*innen in der BPK
Das Krawallportal Nius hat inzwischen drei Leute in der BPK, darunter Ex-„Bild“-Hauptstadtbüroleiter Ralf Schuler. Mit der stellvertretenden Chefredakteurin Pauline Voss hatte erst vor wenigen Wochen die dritte Nius-Vertreterin die Mitgliedschaft beantragt. Es gab rund ein Dutzend Einsprüche aus der Mitgliedschaft gegen diese Personalie. Letztlich bestätigte aber der Mitgliedsausschuss die Aufnahme – „nach weiterer ausführlicher Diskussion“.
Und auch ein Journalist der „Epoch Times“ ist Anfang 2025 aufgenommen worden. Das Medium gilt als Sprachrohr der Falun-Gong-Sekte. Roland Tichy hat laut aktuellem BPK-Mitgliederverzeichnis 2025/26 lediglich Gaststatus, ein Kollege von ihm ist Vollmitglied. Zudem arbeiten mehrere freie Journalist*innen, die in der BPK organisiert sind, für Parallelmedien. Sie hatten zuvor für etablierte Medien wie den MDR oder Focus gearbeitet. Ihr BPK-Mitgliedsbuch behielten sie aber nach dem Jobwechsel.
Lediglich der rechte Blogger Boris Reitschuster, ehemaliger Focus-Korrespondent in Moskau, verlor Ende 2021 seine Mitgliedschaft in der BPK, nachdem er seinen Firmensitz in Montenegro angemeldet hatte.
Die BPK
ist ein eingetragener Verein, in dem sich Journalist*innen organisieren, die hauptamtlich für Medien über die Arbeit des Bundestags und der Bundesregierung berichten.
Insgesamt arbeiten knapp ein Dutzend BPK-Mitglieder für Parallelmedien. Das hört sich bei einer Gesamtzahl von rund 920 Mitgliedern zunächst wenig an. Beteiligt sind diese Medien aber daran, den traditionellen Journalismus systematisch zu diskreditieren. „Mit der ,Epoch Times‘ verbreitet die gute und harmlose Psycho-Sekte Falschinformationen und rechtspopulistische Propaganda in der ganzen Welt und sägt so an unserer liberalen Gesellschaft herum“, sagte Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale, als er 2025 eine Sendung zur Falun-Gong-Sekte machte.
Burkhard Müller-Ullrich, ehemaliger Redaktionsleiter beim „Deutschlandfunk“ und Gründer des „Kontrafunks“, schreibt in seinem 2023 erschienenen Buch „Medienmärchen“, neue Verbreitungswege wie sein Webradio gäben die Möglichkeit, „sich von der Indoktrination durch die Propagandamaschinen der Regierungen und ihrer willfährigen Schatten, der Nichtregierungsorganisationen, ein Stück weit fernzuhalten“. Das Buch ist in der Reihe „Exil“ der neurechten Buchhändlerin Susanne Dagen erschienen.
In der Einleitung des Buches schreibt der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp über Müller-Ullrich, dieser sei ein „Nachrichtenforscher“, der sich „Dummheit“, „Schluderei“ und tagtäglichem „schierem Unfug“ in den Medien widersetze. Derselbe Tellkamp ließ sich jetzt für die „Ostdeutsche Allgemeine“ interviewen. Und sagte dort: „Die Schleimspur, auf der sogenannte Haltungsjournalisten unserer Demokratie hinterherrutschen, ist unerträglich breit. Gott sei Dank gibt es die alternativen Medien.“
Besonders heftig attackiert Warweg die Bundespressekonferenz – den Verein also, den er wie kein anderer Parallelmedien-Vertreter als Bühne nutzt. In der OAZ schrieb Warweg unter der Überschrift „Die stille Zensur“ einen Beitrag über die BPK. Er erklärte, mit „zu kritischen Fragen“ dort würden Journalisten den von ihnen angestrebten „Sitz im Regierungsflieger“ gefährden. „Aus informellen Gesprächen“ will er zudem erfahren haben, dass „viele BPK-Journalisten bewusst unkritisch“ zur Regierungszeit von Bundeskanzlers Olaf Scholz zu dessen Rolle im Cum-Ex-Skandal nachgefragt hätten. Begründung laut Warweg: Die Kollegen hätten angesichts des „derzeitigen Umfragehochs der AfD“ Scholz nicht noch weiter schwächen wollen.
Bundespressekonferenz verschärfte Satzung
Der Journalistik-Professor Volker Lilienthal ordnete Warwegs Behauptung bei „t-online“ ins Reich der Verschwörungserzählungen ein: „Kann man glauben oder auch nicht. Mir scheint die empirische Basis der Behauptung äußerst schwach.“ Vor ein paar Jahren hatte die BPK ihre Satzung geschärft. Es war eine Reaktion auch auf die Rollen von Boris Reitschuster und Florian Warweg in dem Verein und das Agieren von Parallelmedien insgesamt. In der Satzung heißt es nun, die Pressekonferenzen der BPK „dienen einer sachlichen, an Tatsachen orientierten und fairen Vermittlung von politischen Informationen, Aussagen und Positionen“. Eine Handhabe, Parallelmedien aus der BPK auszuschließen, fand man über diese Klausel nicht. Der Vorsitzende der BPK, ZDF-Korrespondent Mathis Feldhoff, will sich weder zu den Vorwürfen Warwegs noch zu Parallelmedien in der BPK generell äußern.
Aus dem Verein heißt es, man wolle nicht „Meinungspolizei“ oder „Gesinnungs-TÜV“ sein. Parallelmedien, die Autokraten verherrlichen, Verschwörungsideologien und Fake-News verbreiten oder der AfD und BSW publizistische Schützenhilfe leisten, werden derweil normalisiert – und ihre Journalist*innen dürfen sich als Teil der Medienlandschaft fühlen.

