Zahlreiche Kultur-, Bildungs- und Politikmagazine „zum Mitnehmen“ entstanden in den nuller Jahren. Insbesondere Kinothemen spielten darin eine große Rolle. Eine ganze Generationen von Kino- und Kulturliebhaber*innen wuchsen an Rhein und Ruhr mit diesen Medien auf.
Joachim Berndt, 77 Jahre, mehrere Berufe erlernt (u.a. Buchhändler, Krankenpfleger, Lehrer, Schlosser), berufsbedingt Mitglied in unterschiedlichen Gewerkschaften (HBV, ver.di, IG Metall) engagiert als Vertrauensmann und Betriebsratsinitiator. Gründer von zivilgesellschaftlichen Initiativen und 20 Jahre Stadtteilarbeit. Anfang der 90er übernimmt er das noch junge choices-Kinomagazin, investiert sein Erspartes drei Jahre in eine eigenständige Kulturredaktion, alle Filmkunstkinos in Köln wurden Partner. Anfang 2000 zwei weitere Magazine in Wuppertal (engels) und Bochum (trailer-ruhr) – konzipiert als Kultur-, Bildungs- und Politikmagazine „zum Mitnehmen“. Der Düsseldorfer biograph trat diesem Vermarktungsbündnis bei.
Kulturpolitik in Magazinformat
Wenn einer mit diesem (gewerkschafts-)politischen Hintergrund Kinozeitschriften herausgibt, dann kann man erwarten, dass darin mehr zu lesen ist als nur die Vorführdaten und -orte. Die Titelseiten der Monatsmagazine machen das auch deutlich: Traditionell sind sie im März Themen der Frauenbewegung gewidmet und im Mai Themen der Arbeitswelt. Beispiele von Titelthemen der letzten Jahre: „Kriegszitterer“, Meeresruh“, „Grüne Energie“ oder „Nach der Demokratie“. Alle Themen werden unter dem Label „FRAGEN DER ZEIT – Zukunft JETZT“ aufwendig recherchiert mit Hintergrundinformationen und Experteninterviews.
Berichterstattung zur lokalen Kulturpolitik, Besprechungen von Theateraufführungen oder Konzerten kommen hinzu – und das in einer Breite, die in den örtlichen Tageszeitungen nicht zu finden ist.
Filmthemen bilden den Schwerpunkt im Mittelteil. Im „Kritikerspiegel“ melden sich auch die FAZ, FR, SZ, die ZEIT und die taz zu Wort. Die Leser*innen im Kinofoyer sehen: Hier liegt ein regionales, politisches Kultur-Magazin aus. Zu jedem Printtitel eine Webseite mit dem „Politik-Labor“, wo über 90 Themen aufbereitet sind. Politische Bildung im besten Sinne des Wortes, kostenlos und ohne staatliche Förderung. Bundesweit ein Unikat.
Berndt über sich selbst: „Künstler, Kämpfer, Zukunftsträger, mitunter kreativer Träumer“. Seinen verlegerischen Anspruch formuliert er „Wir arbeiten täglich für einen öffentlichen Diskurs auf der Grundlage demokratischer Werte.“ „Der Aufklärung verpflichtet“ wollen er und seine zehn Kolleg*innen (plus 50 freie Autor*innen) wirken, im Sinne eines „ambitionierten Qualitätsjournalismus“ und immer auch meinungsbildend.
Finanziert durch Anzeigenerlöse
Corona-bedingte sinkende Besucherzahlen der Kinos drückten lange auf Anzeigenerlöse, so auch aktuell die massiven politischen Kulturkürzungen. Der Verlag sucht deshalb stützende Einnahmen über Spenden, Patenschaften, Sponsoring und bietet Kooperationen im progressiven Medienspektrum an: „Eines unserer Ziele ist es, widerständische Medienkraft zu bündeln“. So läuft auch bereits eine Kooperation mit der taz. Gefragt, wo der Optimismus dafür herkommt, antwortet Joachim Berndt: „Wir sind das überlebensfähige VINYL in einer strauchelnden Kultur-Medienlandschaft.“
Das Feedback aus der Leserschaft ermutigt: „Ich bin begeisterte choices-Leserin. Ihre Themen sind super spannend und vor allem: Positiv!“ schreibt eine Jutta B. „Positiv“ – damit spielt sie an auf die Rubrik „Gute Nachrichten fürs Gemeinwohl“, die für Leserbeiträge geöffnet ist.
„Reich geworden bin ich damit nicht“, sagt Joachim Berndt, aber „Es sieht ganz so aus, dass wir mit unseren Medien inzwischen ein ‚demokratischer Faktor‘ geworden“ sind.
Die Klage einer Verlagsdynastie wegen angeblicher Urheberrechtsverletzung hat er überstanden. „Am Ende habe ich nichts bezahlt – nur sieben Jahre lang Nerven, Ängste und zehntausende Euro für Anwaltskosten. Ich habe alles riskiert, weil ich nicht wollte, dass diese falschen Anschuldigungen durchkommen.“
