Ostthüringen ist im Jahr 2023 von der Funke-Mediengruppe zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“ erklärt worden. Der Verlag stellte die Zustellung der Printausgabe der Ostthüringer Zeitung in elf Gemeinden rund um Greiz ein. Thomas Schnedler und Malte Werner vom Netzwerk Recherche haben die Folgen untersucht. Die Ergebnisse finden sich im Abschlussbericht „Lückenfüller –Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“.
Ältere Menschen verlieren den Anschluss, ländliche Regionen werden abgehängt, junge Menschen entfernen sich immer weiter von seriösen Quellen, alles zusammen bildet den Nährboden für rechtspopulistische Propaganda. So ungefähr könnten die Schlagzeilen zu den Ergebnissen des Projekts lauten. Die Funke-Mediengruppe hoffte in der Modellregion, die ehemalige Print-Leserschaft für ein Digital-Abo zu begeistern. Doch bekommen hat der Verlag nur bundesweite Aufmerksamkeit. Die Abo-Quote sank um 47 Prozent. Eine Erfolgsgeschichte liest sich anders.
Nähe als größte Stärke lokaler Medien

Warum es zu dieser Entwicklung gekommen ist, haben Thomas Schnedler und Malte Werner in ihren zahlreichen Gesprächen herausgearbeitet. „Die klassischen Zeitungsleser müssen zunächst auf das liebgewonnene Ritual der morgendlichen Zeitungslektüre, das Rascheln des Papiers und den Geruch von Druckerschwärze verzichten. Auch wenn man das vielleicht belächeln kann, für einige unserer Gesprächspartner, vor allem ältere Menschen, war das Ende der Zeitungszustellung eine echte Zäsur“, beschreibt Malte Werner Verlustgefühle unter der ehemaligen Print-Leserschaft.
Bevor die gedruckte Zeitung verschwunden ist, haben lokale Medien allerdings ihre wichtigste Stärke verloren: Die Nähe zu den Menschen. „Kein anderes Medium berichtet kontinuierlich über das, was vor der eigenen Haustür passiert“, betont Werner und verweist auf eine gefährliche Entwicklung: „Viele Verlage haben aus Kostengründen die Verbreitungsgebiete ihrer Lokalausgaben zuletzt immer stärker ausgedehnt. Aber das, was in der Nachbargemeinde passiert, hat für die Menschen vor Ort weniger Relevanz.“
Diese Entwicklung bestätigt sich auch in den Antworten der befragten Menschen in und um Greiz. Vor allem junge Menschen finden das Angebot lokaler Medien schon lange nicht mehr überzeugend, egal ob in der analogen oder digitalen Welt. „Schaut man sich an, dass die jungen Menschen, mit denen wir gesprochen haben, heute kaum noch Berührungspunkte zur Lokalzeitung haben, erscheint diese Überzeugungsarbeit wie eine Herkulesaufgabe“, warnt Malte Werner vor dem Irrglauben, im Digitalen würden Verlage die Verluste im Printbereich irgendwann wieder auffangen können.
Kostendruck drückt Qualität
„Natürlich sind die Verlage nicht an allem schuld“, meint Malte Werner vom Netzwerk Recherche. „Der Einbruch im Anzeigengeschäft, der den wirtschaftlichen Druck der Zeitungen verschärft, hängt wesentlich mit der Macht der Digitalkonzerne zusammen. Aber die Verlage müssen sich schon ankreiden lassen, sich zu lange auf den satten Gewinnen der Print-Ära ausgeruht zu haben.“
Wenn Gewinne weniger werden, wird an anderer Stelle gespart. Darunter leidet die Qualität. „In den Gesprächen in Ostthüringen wurde immer wieder kritisiert, wie viele Fehler in den Artikeln zu finden seien und dass die Berichterstattung zu oberflächlich sei“, berichtet Malte Werner.
Kostenlose Anzeigenblättchen versuchen die Informationslücke in der Region zu schließen, verwischen dabei allerdings die Grenze zwischen Werbung, Meinung und Berichterstattung. In den Artikeln ist oft eine enge Beziehung zu rechtspopulistischen Kreisen erkennbar. Eine weitere unschöne Entwicklung durch den Wegfall der Lokalzeitung.
Verlage brauchen neue Ideen
Ob es in 20 oder 30 Jahren noch eine lokale Zeitung auf bedrucktem Papier geben wird, kann heute niemand sagen. „Es ist wahrscheinlich, dass die gedruckte Lokalzeitung bis dahin weitestgehend verschwunden sein wird“, blickt Malte Werner vom Netzwerk Recherche nüchtern in die Zukunft.
Doch das bedeutet nicht zwangsläufig das Ende lokaler Berichterstattung. Im Digitalen finden sich bereits gute regionale Nachrichtenmagazine, beispielsweise RUMS aus Münster oder VierNull aus Düsseldorf. Einen ähnlichen Weg sollten Verlage einschlagen, um im digitalen Strom nicht belanglos zu werden. Für das Verlagsmanagement hat Malte Werner ein paar Impulse parat: „Wir haben von den Menschen in Greiz gehört, dass sie sich direkten Kontakt zur Zeitung wünschen. Einen Lokalreporter, der auf Veranstaltungen auftaucht und dort ansprechbar ist. Einen Stand auf dem Wochenmarkt, an dem man ins Gespräch kommen kann. Die Lokalzeitung muss diese Begegnungsräume aktiv anbieten. Das könnten auch öffentliche Redaktionskonferenzen, Lesungen mit Redakteurinnen und Redakteuren oder regelmäßige Salons als Orte des Stadtgesprächs sein.“
Ja, das kostet Geld und erfordert eine Menge Einsatz. Doch ein „Weiter so“ verschiebt die Probleme, mit denen Verlage zu kämpfen haben, nur auf einen späteren Zeitpunkt. Die wirtschaftlichen Folgen wären dann allerdings deutlich schmerzhafter. Und das Band zwischen Leserinnen und Lesern vor Ort endgültig zerschnitten.

