Berichten wo es ungemütlich ist

Hasnain Kazim, früher Türkei-Korrespondent, ließ sich 2016 in Istanbul fotografieren, ehe er die Türkei verlassen musste. Foto: dpa|Can Merey

In autoritär regierten Staaten geraten auch ausländische Medienschaffende zunehmend unter Druck: Einreiseverbote, die Verweigerung von Visa und andere Repressionen erschweren die Arbeit von Korrespondent*innen. In vielen Fällen bleibt ihnen nur noch die Berichterstattung aus dem Ausland ohne direkten Zugang zum Land selbst.

Seit der militärischen Eskalation im Nahen Osten Anfang März stehen dabei erneut Länder wie Iran im Fokus, aber auch Krisenregionen wie der Gazastreifen. Wie herausfordernd die Berichterstattung dort sein kann, hat die Nahostkorrespondentin für RTL und NTV, Shelly Blufarb, Mitte Februar in einem Facebook-Beitrag zusammengefasst. Als sogenannter Embed ist Journalist*innen der Zugang zum Gazastreifen nur in Begleitung der israelischen Armee möglich: „Der Einblick ist begrenzt, aber dennoch wichtig, denn sonst würde man gar nichts aus Gaza sehen.“

Monatelang habe sie auf eine Einladung der israelischen Armee auf den Besuch gewartet, sagt sie. Nach dem Einsatz könne es eine militärische Zensur geben. Bilder würden manchmal geprüft, manches müsse gelöscht werden. „So wichtig ein Embed ist, er ersetzt keine freie, unabhängige Berichterstattung aus Gaza.“ Der Oberste Gerichtshof Israels hat im Januar die Entscheidung über freien, unabhängigen Zugang der Presse zum Gazastreifen erneut vertagt.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen spricht von einem historischen Tiefstand der weltweiten Pressefreiheit. Das geht aus der 2025 veröffentlichten „Rangliste der Pressefreiheit“ hervor. In 90 von 180 analysierten Ländern sei die Situation für Medienschaffende demnach „schwierig“ oder „sehr ernst“. Für ausländische Journalist*innen stellt sich damit die Frage: Wie berichten sie über Länder und Regionen, in die sie nicht einreisen dürfen?

Akkreditierung entzogen

Hasnain Kazim kennt die Situation aus eigener Erfahrung. 2016 musste der damalige Spiegel-Korrespondent die Türkei verlassen. Wegen seiner Kritik an Präsident Erdoğan und der AKP wurde er massiv angefeindet und erhielt Morddrohungen. „Als meine Akkreditierung nicht verlängert wurde, bin ich trotzdem noch drei weitere Monate geblieben, obwohl ich offiziell keine mehr hatte“, erinnert sich Kazim im Gespräch mit M. „Ich wollte mich nicht einfach hinausdrängen lassen.“

Dann sei ihm von Seiten der türkischen Regierung klargemacht worden, dass eine Anklage gegen ihn vorbereitet werde: Wegen Präsidentenbeleidigung, Unterstützung einer terroristischen Organisation und Verbreitung von Terrorpropaganda. Die Spiegel-Chefredaktion habe daraufhin entschieden, dass er das Land verlassen müsse, da man ihn im Ernstfall nicht schützen könne.

Das sei eine verantwortungsvolle Entscheidung gewesen, sagt Kazim heute, und gleichzeitig der Anfang vom Ende seiner intensiven Berichterstattung über die Türkei. „Mir war klar, dass ich das auf Dauer nicht aus dem Ausland machen kann, auch wenn ich weiterhin mein Netzwerk in der Türkei hatte und politisch sehr gut informiert war“, sagt der mittlerweile in Wien lebende Journalist und Autor. Eine Zeit lang funktioniere das, man könne seine Kontakte nutzen und Gesprächspartner finden. „Aber es ist keine befriedigende Situation. Um über ein Land zu berichten, muss man dort sein, sich bewegen und das Land spüren können.“

Unverhohlene Drohungen

Kazim spricht von einem „Damoklesschwert“, das in autoritär regierten Ländern die Arbeit behindere. „Damit spielen die Behörden. Sie sagen mehr oder weniger unverhohlen, wenn du so berichtest, dass es uns nicht passt, kann es sein, dass du im nächsten Jahr keine Akkreditierung mehr bekommst.“

Für Journalist*innen, die in den jeweiligen Ländern lebten, Familie hätten oder wirtschaftlich gebunden seien, sei das besonders schwierig. „Für mich als Angestellten beim Spiegel war es einfacher, weil ich im Zweifel sagen konnte: Dann muss ich das Land eben verlassen.“

In der Rangliste der Pressefreiheit belegt die Türkei Platz 159 von 180, zwischen Pakistan und Venezuela. Doch auch Regionen, die bisher durch eine weniger repressive Medienpolitik aufgefallen sind, verschlechtert sich die Lage zunehmend. Die britische Bloomberg-Reporterin Rebecca Choong Wilkins musste im Sommer 2025 Hongkong nach sechs Jahren verlassen. Nach Angaben des dortigen Vereins der Auslandskorrespondenten hätten die Behörden der chinesischen Sonderverwaltungszone einen Antrag auf eine Visumverlängerung ohne Begründung abgelehnt.

Auf den ersten Blick könne man denken, dass journalistische Arbeit in Hongkong relativ frei sei, sagt Christopher Resch von Reporter ohne Grenzen auf Anfrage von M. Man müsse sich jedoch die jeweiligen Kontexte genauer ansehen. Hongkong habe lange als Bastion der Pressefreiheit gegolten, als Ort, an dem journalistisches Arbeiten vergleichsweise frei möglich war. „Dann verabschiedete die von China kontrollierte Regierung ein sogenanntes Sicherheitsgesetz, das weniger der Sicherheit diente als vielmehr dazu, Meinungs- und Pressefreiheit sowie andere Grundrechte drastisch einzuschränken.“

Das habe auch im Zusammenhang mit den Demokratie-Protesten in Hongkong 2019 und 2020 gestanden. „Die meisten inhaftierten Medienschaffenden zählen wir weiterhin in China, was auch an der Größe des Landes liegt“, sagt Resch. Laut RSF haben die Behörden seit Inkrafttreten des „Sicherheitsgesetzes“ 2020 mindestens zehn Journalist*innen ein Visum oder die Einreise verweigert. Das von Peking erlassene Gesetz, das am 30. Juni 2020 in Kraft trat, erlaubt den Behörden unter weit gefassten Vorwürfen wie Subversion, Sezession oder Zusammenarbeit mit ausländischen Kräften ein hartes Vorgehen gegen Oppositionelle, Aktivist*innen und kritische Medien.

Gesetze gegen kritische Medien

Auch für Hasnain Kazim ist die Bedrohungslage noch lange nicht vorbei, die Vorwürfe der türkischen Behörden gegen ihn sind nicht vom Tisch. „Vielleicht würde bei einer Einreise nichts passieren, vielleicht würde mir die Einreise verweigert“, sagt er. Das wäre noch verkraftbar. Das Risiko sei jedoch, dass er festgenommen werde und Tage, Wochen oder länger im Gefängnis verbringen müsste. „Ich kann erst wieder in die Türkei reisen, wenn Erdoğan und sein Umfeld nicht mehr an der Macht sind.“

 

 

 

 

 

 

 

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