Katapult MV: Die Stimme für den Norden

Patrick Hinz ist Chefredakteur von Katapult Mecklenburg-Vorpommern (MV). Foto: Katapult

Die kleine Redaktion von Katapult MV stellt im Flächenland mit 1,57 Millionen Einwohner*innen mit einer monatlichen Zeitung und aktuellen Online-Beiträgen ein Gegengewicht in der Berichterstattung dar. Wir sprachen mit Chefredakteur Patrick Hinz über Lokaljournalismus, die anstehenden Landtagswahlen und den journalistischen Umgang mit der AfD.

Katapult M ist ein Teil der Katapult-Mediengruppe aus Greifswald. Wie sieht die Arbeit als Regionalmedium in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern aus – im Zusammenhang mit einer geringen Einwohnerzahl und einer erstarkenden rechtsextremen AfD?

Wir verstehen Katapult MV als Ergänzung zur lokalen Medienlandschaft in MV, die sehr dünn ist. Es gibt zwei Tageszeitungen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einige werbegetragene Online-Blätter, die eher nicht nach journalistischen Standards arbeiten. In fast allen dieser Medien fehlt ein kritischer Umgang mit der AfD. Da gibt es hier in MV krasse Beispiele, unter anderem AfD-Politiker, die in Nordkreuz-Netzwerken aktiv waren, einem rechtsterroristischen Netzwerk mit dem Ziel, politische Gegner*innen zu töten. Diese Personen sitzen ganz normal für die AfD in Kreistagen oder gehen als Bürgermeisterkandidaten an den Start. Es gibt Kreistagsmitglieder, bei denen wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt, Waffen und Sprengstoff gefunden. Das schauen wir uns genau an und versuchen das einzuordnen und die antidemokratischen Mechanismen, die die AfD bedient, zu benennen. So wie sie auch angekündigt hat, den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.

Was bedeutet das für die Landtagswahlen in diesem Jahr?

Die AfD sagt, sie strebe eine Alleinregierung an. Sie will die Medienlandschaft umbauen, Demokratieförderprojekte abschaffen. Sie will sich in alle möglichen Bereiche einmischen, zum Beispiel Landwirtschaft, Wirtschaft an sich, Bildung. Auf der kommunalen Ebene ist die AfD vor zwei Jahren scheinbar als große Gewinnerin herausgegangen. Tatsächlich gab es aber nur in 18 Prozent der Gemeinden Kandidaturen, also in weniger als einem Viertel. Dies widerspricht der Erfolgserzählung und das decken wir mit unseren Recherchen dann auf. Oder wir stellen fest, dass AfD-Mitglieder in den Kreistagen die meisten Fehlzeiten haben. Wir wissen, die AfD flutet den Landtag mit extrem vielen Anfragen und diese schauen wir uns dann im Detail an: Was sind da die Schwerpunkte, was ist das Ziel? Das werden wir auch im Bezug auf die Landtagswahlen machen.

Kann man mit solchen Analysen denn Leserschaft gewinnen?

Die überzeugte AfD-Wählerschaft können wir damit nicht abholen. Aber es gibt Menschen, die der AfD näher rücken und trotzdem noch offen sind für Fakten und professionellen Journalismus. Natürlich verweisen wir immer auf unsere Quellen, unsere Recherchen müssen nachvollziehbar sein. Gegen die reißerischen Mechanismen der Netzwerke und den Algorithmus hat Journalismus an sich zwar kaum eine Chance. Trotzdem haben wir steigende Abo-Zahlen und wir können Argumente und Fakten so liefern, dass sie weiterverwendet werden können. Wir haben den Anspruch, komplexe Sachverhalte oder Debatten grafisch zu übersetzen, aber hinter jeder einfachen Grafik steckt in der Regel auch sehr viel Arbeit. Die Daten müssen gesammelt werden und in MV ist die Datenlage eben oft sehr dünn. Das heißt, wir müssen sie entweder mit Hilfe langfristiger Beobachtung selbst schaffen oder zuverlässige Quellen suchen. Wenn wir jetzt auf die Landtagswahl schauen, haben wir hunderte Kandidierende in 36 Wahlkreisen. Da lässt sich grundsätzlich schon mal viel untersuchen: die Geschlechterverteilung, das Durchschnittsalter.

Habt ihr besondere Formate, die sich nur auf die Wahl beziehen?

Wir haben ein Formular entwickelt, eine Umfrage für Kandidierende, bei der sie sich zu bestimmten Themen wie Klimaschutz oder Mobilität klar positionieren müssen, eine Mitte in dem Sinne gibt es nicht. Es gibt immer eine erkennbare und visualisierbare Tendenz. Das brauchen wir, denn die meisten Menschen, die in sozialen Medien unterwegs sind, gehen von der visuellen Ebene gar nicht mehr auf die inhaltliche Ebene dahinter, also den weiterführenden Artikel. So erfüllen wir auf eine Art auch die Aufgabe eines Wahl-O-Mats. Man muss die Ergebnisse der Umfrage dann nicht selbst aus komplexen Beiträgen filtern.

Wie findet ihr heraus, ob das auch die Themen sind, die eure Leser*innen interessieren?

Wir haben einen wöchentlichen Newsletter, in dem wir aktuell auch danach fragen, was die Leute im Kontext der Landtagswahlen interessiert. Die Rückmeldungen sammeln wir und bauen die Bearbeitung jetzt nach und nach auf. Das ist auch eine technische Frage, wenn es keine riesige IT-Infrastruktur gibt und wir in der Redaktion aktuell sechs Leute sind – also für das ganze Land kleiner als einzelne Lokalredaktionen von anderen Medien. Wir müssen genau überlegen, was machen wir, was schaffen wir? Klar ist: Wir machen Journalismus für Menschen im Land, die sich für Demokratie engagieren, für Vielfalt, für Toleranz. Wir wollen zeigen, was kann man unterstützen als waschechter Demokrat. Ich denke, dass die etablierten Medien hier im Land dazu beigetragen haben, dass die AfD die Umfrageergebnisse hat, die sie hat. Eine unserer Analysen hat genau das gezeigt: Die lokalen Medien im Land berichten über die AfD und in über 70 Prozent der Fälle gab es keine kritische Einordnung. Im Nordkurier, der mittlerweile größten Zeitung, waren es sogar 88 Prozent. Wenn der NDR jetzt ähnlich agiert und die AfD gleichzeitig ankündigt, dem ÖRR die Gelder abzudrehen, wenn sie regiert, dann ist das ein selbstgemachtes Problem, denke ich.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Weltweite Solidarität mit der Deutschen Welle

Journalistengewerkschaften und -verbände aus der ganzen Welt haben beim Jubiläumskongress der International Federation of Journalists (IFJ) in Paris ihre Solidarität mit den Beschäftigten der Deutschen Welle erklärt und Bundeskanzler Merz, Kulturstaatsminister Weimer, den Deutschen Bundestag und den Rundfunkrat der DW aufgefordert das Sparprogramm zu stoppen.
mehr »

Berichten wo es ungemütlich ist

In autoritär regierten Staaten geraten auch ausländische Medienschaffende zunehmend unter Druck: Einreiseverbote, die Verweigerung von Visa und andere Repressionen erschweren die Arbeit von Korrespondent*innen. In vielen Fällen bleibt ihnen nur noch die Berichterstattung aus dem Ausland ohne direkten Zugang zum Land selbst.
mehr »

Lobbylandkarte: Big Tech mischt mit

Es sind Karten wie die des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie mit dem Titel „Big Tech Lobbylandkarte Deutschland“, die das Bewusstsein dafür ändern können, wie stark Big-Tech-Konzerne in Deutschland tatsächlich längst verankert ist und bis wohin ihr langer Arm reicht.
mehr »

VG Wort- Erlöse sinken

Der Erlös der Verwertungsgesellschaft Wort ist nach eigenen Aussagen gesunken. Im Jahr 2025 hat die VG Wort demnach 150,62 Millionen Euro aus Urheberrechten eingenommen. Im Vorjahr waren es 165,64 Millionen Euro. Aus dem Geschäftsbericht der VG Wort geht hervor, dass weiterhin die Geräte-, und Speichermedienvergütung der wichtigste Einnahmebereich ist.
mehr »