Wie mit den großen Herausforderern der klassischen Medien umgehen? Auf dem internationalen Branchentreff Anga Com in Köln ist das vor und hinter den Kulissen eines der wichtigsten Themen. Politik und Akteure sind intensiv dabei, Strategien für die sich ändernde Situation zu finden.
RTL-Chef Stephan Schmitter ist zufrieden: Dass die Übernahme der deutschsprachigen Sky-Sender endlich durch die EU-Kommission abgenickt wurde, sieht der Manager nicht nur als Vorteil für seine Sendergruppe, die nun zusammen mit den eignen Digital-Angeboten auf zwölfeinhalb Millionen Abonnenten kommt, und so mit Blick auf die Verbreitung der großen Streamingportale nun mithalten kann. Es gehe auch um die europäische Mediensouveränität. Das betonte Schmitter auf dem internationalen Branchentreff Anga Com in Köln.
Vor vier Jahren hätten die Streaming-Dienste Netflix, Amazon, Disney noch „null“ Werbung gehabt, klagte der Manager, jetzt würden sie schon 30 Prozent vereinnahmen, YouTube noch gar nicht mitgezählt: „Also es hat sich fundamental verändert. Will man jetzt klassische Medienunternehmen dabei unterstützen und ihnen die Möglichkeiten geben, sich so aufzustellen, damit sie gegen die amerikanischen Giganten kämpfen und antreten können?“ Gott sei Dank sei die EU der RTL- Argumentation nach mehrmonatigen Verhandlungen Ende April gefolgt: „Und von daher hat es geklappt, und wir sind glücklich.“
Die Dramatik sei nicht nur für die europäischen Medien groß, sondern ebenso für die demokratischen Strukturen. „All diese Streamer, die jetzt ja schon auch große Sehdauern haben, Millionen von Abonnenten – die haben keine einzige Nachrichtensendung oder Magazinsendung im Portfolio, und Netflix, Amazon, Disney, Paramount, HBO Max in Deutschland haben nicht mal einen Journalisten. Wer ist denn da am Ende noch da?“ Denn unabhängiger Journalismus koste eben „viel Geld“: „Wir machen das als privates Medienhaus. Die Giganten tun das nicht, sondern die sagen, ich muss Abos schreiben und ich muss Geschäft machen,“ findet Schmitter.
Die Genehmigung der Übernahme von Sky jedenfalls ist zugleich ein Schritt hin zu einer Medienregulierung, die inzwischen gar nicht mehr so aktuellen Entwicklungen Rechnung trägt.
Schärfstes Schwert der Demokratie
Dass die traditionelle Medienbranche in einem Boot sitzt, wenn es um das Überleben angesichts der Bedrohung durch die großen US-Plattformen geht, machte dann auch das medienpolitische Eröffnungspanel auf der Messe klar. Und dass es dabei nicht nur um die Existenz von TV-Marken oder Verlagshäusern geht, sondern die Demokratie selbst auf dem Spiel steht, das betonte NRW-Medienminister Nathanel Liminski wohl für alle Teilnehmenden der Diskussionsrunde noch einmal: „Das schärfste Schwert zur Verteidigung unserer liberalen Demokratie ist eine intakte Medienvielfalt.“ Sie sorge dafür, dass Staat und Wirtschaft kontrolliert würden und dass ein demokratisches System nicht in die „Glaubwürdigkeitsfalle“ gerate. Dafür sei der Mix aus öffentlich-rechtlichen sowie privaten Anbietern unerlässlich, denn sie alle produzieren hochwertige journalistische Inhalte.
Die klassischen Akteure hätten sich „zu lange mit Förmchen beworfen“, und „nicht gesehen, dass der Bagger der großen Plattformanbieter schon hinter dem Sandkasten steht, um den ganzen Sandkasten abzuräumen“, resümierte WDR-Intendantin Katrin Vernau die Situation. Sie forderte auf dem Podium dazu auf, sich jetzt „unterzuhaken“, um der Konkurrenz etwas entgegenzusetzen.
Dieser Aufforderung schloss sich die Verlegerin der Funke Medien Gruppe Julia Becker vorbehaltlos an, wandte sich aber kritisch an die WDR-Chefin, die „schon vor einigen Wochen mit einer Ankündigung, in der ja wahnsinnig breit aufgestellten Verlagslandschaft in Nordrhein-Westfalen, mindestens für Aufsehen gesorgt hat, als Sie angekündigt haben, Sie würden jetzt mit einer großen Digitaloffensive einem Vollangebot genau in die Bereiche eintreten, wo Medienvielfalt privat finanziert wird.“
Ausgleich zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen
Öffentlich-rechtliche, gebührenfinanzierte Player sollten eben nicht die digitale Vielfalt schwächen, „die es im dualen System braucht“, forderte die Verlegerin, die zugleich Einordnungen zurückwies, Teil einer „sterbenden Verlagsbranche“ zu sein. Bei Funke seien „Gesellschafterstrukturen bereinigt“ und in den letzten zehn Jahren Zukäufe mit einem Volumen von einer Milliarde Euro in deutsche Medienmarken getätigt worden, die „eben nicht“ rein print-lastig gewesen seien: „Wir tun das aus großer Überzeugung, um die deutsche Medienvielfalt zu erhalten. Aber natürlich sind wir jetzt auch nicht ganz bescheuert, sondern investieren auch in digital funktionierende grundgesunde Marken wie ‚Brigitte‘, ‚Gala‘ und ‚Eltern‘, die wir dankenswerterweise von Herrn Schmitter übernehmen konnten, und der vielleicht dadurch seinen Sky Deal in kleinen Teilen schon finanziert hatte.“
Die Familienunternehmerin wies auch darauf hin, dass es seit der Gesellschafterbereinigung bei Funke keine Ausschüttungen mehr geben würde: „Auch das wäre mein Appell an viele Medieneigentümer. Denkt mal darüber nach, ob jetzt noch die Zeit ist, sich jährlich eine große Summe erstmal aufs Privatkonto zu überweisen.“ Denn schließlich habe man einen gesellschaftlichen Auftrag.
Dass man den Plattformen ihren wirtschaftlichen Erfolg der Plattformen erstmal nicht zum Vorwurf machen dürfe, das erklärte Bayerns oberster Medienhüter Thorsten Schmiege schließlich mit einem Schuss Selbstkritik. Er gab zu, dass man die großen Plattformen länger als nötig nur als technische Infrastruktur gesehen habe: „Wir haben zu lange an zwei unterschiedlichen Kategorien der Regelungen festgehalten. Und die Auswirkungen, die sind, das kann ich auch sagen, natürlich dramatisch.“
