Sack und Esel

Medien nicht verantwortlich für die Verwahrlosung Jugendlicher

Eigentlich ist es ja eine gute Nachricht.  Obwohl es in Deutschland mittlerweile insgesamt 426 Stunden Kinderfernsehen pro Woche gibt, hat der TV-Konsum der jüngsten Zielgruppe nicht zugenommen: Er liegt seit 15 Jahren bei rund neunzig Minuten. Und es kommt noch besser: Dank des größeren Angebots an Sendungen für die Zielgruppe ist der Anteil der Kindersendungen an der Fernsehzeit deutlich gestiegen: Noch 1993 betrug er bloß 25 Prozent, heute liegt er bei 44 Prozent.


Wenn Kinder fernsehen, dann also fast zur Hälfte auch Sendungen, die eigens für sie hergestellt worden sind. Über Qualität sagt das zwar noch nichts aus; aber lieber durchschnittliches Kinderfernsehen als der packende Krimi aus dem Abendprogramm. Aber den Rest der TV-Zeit beanspruchen in erster Linie Sendungen aus dem Bereich Familienfernsehen, die die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern anschauen, darunter vor allem Shows wie „Wetten, dass …?“ (ZDF) oder Sportübertragungen.
Trotzdem kursiert seit einigen Monaten die Behauptung, um 22 Uhr würden 800.000 Vorschulkinder vor dem Fernseher sitzen; eine Stunde später seien es immer noch 200.000. Eine Studie habe zudem nachgewiesen, dass Zweijährige pro Tag zwei Stunden vor dem Fernseher verbringen. Brav haben diverse Zeitungen und Zeitschriften die Zahlen ohne weitere Recherche nachgedruckt. Aber wenn beispielsweise die Zahl für 22 Uhr stimmen würde, wären dies gut 40 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen; dann müsste man allerdings in Deutschland von einer Medienverwahrlosung der Kinder sprechen.

Stundenlang am Bildschirm

Birgit Guth, Medienforscherin von Super RTL, weiß auch, wer Schuld ist:  Der Hirnforscher Manfred Spitzer hat die Zahlen in seinem Buch „Vorsicht Fernsehen“ verbreitet und beruft sich seinerseits auf ein Buch von Rudolf Weiß („Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern“). Dessen Zahlenmaterial wiederum stammt aus dem Jahr 1996. Ohnehin gehen Medienforscher gerade bei den nächtlichen Nutzungszahlen für Kinder von einer hohen Fehlerquote aus. In Wirklichkeit wird laut Birgit Guth „zwischen Mitternacht und 6.00 Uhr morgens so gut wie gar nicht ferngesehen“. Sie nimmt an, „dass diese Zahlen durch vergessene Abmeldung der Kinder am Messgerät oder nicht abgeschalteten TV-Geräten herrühren“. Der Höhepunkt kindlicher Fernsehnutzung liege mit 500.000 jungen Zuschauern um 19 Uhr. Andererseits räumt Guth ein, dass es gegen 22 Uhr immer noch 100.000 Drei- bis Fünfjährige seien, was man mit Fug und Recht ebenfalls alarmierend finden kann.
Ohnehin darf die Bildschirmnutzung ja längst nicht mehr auf das Fernsehen reduziert werden. Selbst wenn sich Manfred Spitzers praktisch ohne Widerspruch hingenommene Behauptung, Grundschulkinder hätten einen täglichen TV-Konsum von drei Stunden und zwanzig Minuten, in krassem Kontrast zu den Ergebnissen jeder seriösen Medienforschung befindet: Bezieht man Computerspiele und Spielekonsolen mit ein, von den handlichen Geräten wie der „Playstation Portable“ (PSP im Jugendjargon) ganz zu schweigen, kommt man locker auf eine mehrstündige Bildschirmbeschäftigung.
Auch dann aber sollte es sich für intelligente Menschen wie Christian Pfeiffer eigentlich verbieten, schlichten Populismus zu betreiben und nahe zu legen, mit einem Bildschirmverbot im Kinderzimmer ließe sich die Gesellschaft verändern. Der Leiter des niedersächsischen Kriminologischen Forschungsinstituts hat im Rahmen der Studie „Gewalt und Medien im Leben von Kindern und Jugendlichen“ insgesamt 23.000 Schüler nach ihrer Mediennutzung befragen lassen. Die Ergebnisse sind durchaus aufschlussreich, Pfeiffers Schlussfolgerungen hingegen teilweise unseriös; zumindest bieten sie eine drastisch verkürzte Interpretation der Faktenlage. So ergeben die Forschungen zum Beispiel, dass über ein Drittel der Zehnjährigen einen eigenen Fernseher und / oder Computer besitzt. Andererseits hat fast die Hälfte jener Kinder, denen im letzten Grundschuljahr ein Wechsel zum Gymnasium empfohlen wird, kein eigenes Gerät. Pfeiffer fordert deshalb mehr oder weniger direkt ein Bildschirmverbot im Kinderzimmer. Kaum zu glauben, dass sein Weltbild derart schlicht ist: Fernseher und Computer raus aus den Kinderzimmern, und prompt konzentrieren sich die Kleinen auf ihre Hausaufgaben.

Bloß ein Zeitvertreib

Ohnehin ist Bildschirmbeschäftigung in der Regel bloß ein Zeitvertreib: In Umfragen nach beliebtesten Freizeitvergnügungen rangieren laut „Kids Verbraucheranalyse“ schon seit Jahren Freunde treffen, Musik hören, Rad fahren, Schwimmen und Gesellschaftsspiele bei den Sechs- bis Dreizehnjährigen mit 90 Prozent und mehr ganz vorn. Der Computer landet abgeschlagen auf dem letzten Platz, der Fernseher taucht gar nicht erst auf. Dabei erreicht laut der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) kein anderes Medium so hohe Werte, wenn es darum geht, Langeweile zu vertreiben. Die Medien sind also nicht die Wurzel des Übels, sondern bloß ein sichtbares Symptom; wer von Medienverwahrlosung spricht, darf nicht Fernsehen und Computer dafür verantwortlich machen.

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