Micky Mouse und warum UKW verhindert wurde

Es ist noch nicht einmal vier Jahre her, da konnten die Urheber in Deutschland unter der Parole „Kreativität ist etwas wert“ eine wesentliche Verbesserung ihrer Rechtsstellung erreichen. Doch trotz des Punktsieges war über ihre Rolle in den neuen Medien längst entschieden: Die Kreativen, die Schöpfer von künstlerischen, journalistischen und wissenschaftlichen Werken sind von Medienindustrie und IT-Konzernen zu kostengünstigen Legehennen gemacht worden, deren Produkte nun auf dem weltumspannenden Online-Markt verhökert werden.

 

Einfluss und Vorteil haben sie kaum. Nur wer ein goldenes Ei legt, wird etwas umhätschelt. Das Primat der globalisierten Ökonomie, in der die Produzenten (Arbeitnehmer wie Kreative) zu Randfiguren im großen Monopoly gemacht werden, bestimmt längst auch politische Entscheidungen und Entscheidungsträger. So war es konsequent, dass Bundesjustizministerin Brigitte Zypries den diesjährigen „Tag des geistigen Eigentums“ am 26. April gesponsert von Microsoft mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie feierte, während sie mit dem „Zweiten Korb“ dabei ist, die Urheber um Rechte und den Ertrag ihrer Arbeit zu prellen.

Am Rande der Veranstaltung wurde die Skulptur „Idee“ enthüllt, um „die Rolle von Ideen als ‚Rohstoff’ der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung herauszustellen“. Kreativität und Kultur werden auch im Internet immer mehr an den Rand gedrängt, wenn nicht drangsaliert, entgegen der ungeahnten kreativen Chancen, die dem neuen Medium enthusiastisch zugesprochen wurden, als es in den neunziger Jahren Allgemeingut wurde.
Darum geht es in dem Buch „Free Culture“ von Lawrence Lessig, das endlich auf Deutsch unter dem Titel „Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität“ erschienen ist. Auch wer normalerweise beim Thema Urheberrecht zu gähnen beginnt, wird von der faktenreich Analyse und kraftvollen Argumentation des Stanford-Professors und prominenten Kritikers des derzeitigen Copyright-Systems gefesselt sein, die sich überraschend unterhaltsam liest.
Das Wichtigste aber ist der Blick, den Lessig auf Möglichkeiten und Gefahren eröffnet, wenn er Urheber, ihre Werke und rechtlich-technische Schutzmaßnahmen in den gesellschaftlich-historischen Kontext stellt und auf ihre zentrale Bedeutung für die Kreativität und Kultur der Menschen zurückführt.
Fast nebenbei erfährt man Erstaunliches über die Schöpfung von Walt Disneys Micky Mouse oder beispielsweise, dass es RCA (Radio Corporation of America) jahrzehntelang gelang, die Verbreitung von UKW-Rundfunk in den USA nahezu zu verhindern, um lukrativere Geschäftsmodelle nicht zu gefährden. Wer jetzt sofort an Internet-Musiktauschbörsen denkt oder daran, dass Wissenschaftler ab 30 Euro aufwärts pro Fachartikel an Verlage zahlen sollen, von denen sie selbst als Autoren kein Honorar erhalten, dem hat Lessig bereits den Horizont erweitert.
Man muss dem Mitbegründer und Vorsitzenden des Projekts „Creative Commons“ nicht in allen Alternativvorstellungen folgen und auch kein bedingungsloser Befürworter einer Kulturflatrate fürs Internet sein, um dieses Buch mit Gewinn zu lesen.

Lawrence Lessig: Freie Kultur.

Wesen und Zukunft der Kreativität
Übersetzung Annegret Claushues und Hartmut Pilch

Open Source Press
München 2006
304 Seiten
24,90 Euro

ISBN
3-937514-15-5

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