Patriarchaler Hort: Die Zeitungen

In TV und Hörfunk haben Journalistinnen aufgeholt

Obwohl Frauen mit politischer Macht und wissenschaftlicher Kompetenz in den Medien sowohl thematisch als auch personell noch wesentlich weniger vorkommen als in der Wirklichkeit, tut sich etwas in Sachen Frauen in den Medien: Die zweite weltweite Stichtagsuntersuchung zum Bild der Frauen in und ihre Beteiligung an den Medien des „Global Media Monitoring Projects“ (ein Auftrag der Weltfrauenkonferenz in Peking von 1995) konnte zumindest für die deutsche Landschaft Erfreuliches melden.

Auf einer Tagung der Gesamthochschule Siegen zum Thema „Medien – Frauen – Wissenschaft – Gleichstellung“ berichtete Marlies Hesse vom Journalistinnenbund, der die Untersuchung für Deutschland organisierte, dass Moderatorinnen im Jahr 2000 in den Nachrichtensendungen des Fernsehens ebenso präsent sind wie ihre männlichen Kollegen, in den Printmedien dagegen ist die Dominanz der Männer nach wie vor übermächtig.

Die Siegener Tagung wollte weibliche Medienpräsenz von mehreren Seiten beleuchten: Wie und ob werden Wissenschaftlerinnen als Expertinnen wahrgenommen, wie können sie selber sich öffentlichkeitswirksam darstellen, warum verschwinden Frauen immer wieder aus öffentlichen Räumen und welche Bedeutung kommt nicht nur in diesem Zusammenhang der steigenden Zahl von Journalistinnen zu. Immerhin ist jeder dritte Redakteur inzwischen weiblich, von einer veränderten Berichterstattung, die weibliche Lebenswelten angemessen präsentiert und interpretiert, kann freilich keine Rede sein.

Einen statistischen Hinweis darauf lieferte die Stichtagsuntersuchung vom 1. Februar diesen Jahres: In den 37 Zeitungen wurden 1154 Männer- und 128 Frauennamen, in den Hörfunknachrichten 341 Männernamen und 37 von Frauen erwähnt und im Fernsehen waren unter 386 zu hörenden oder zu sehenden Menschen ganze 61 Frauen.

Auf das prominenteste Beispiel mangelnder Repräsentanz von (wissenschaftlichen und politischen) Expertinnen wies Margret Lünenborg hin: Sabine Christiansen, die in ihre Talkshow nahezu ausschließlich Männer einlädt. Lünenborg: „Frauen sind nicht qua Geschlecht die besseren Journalistinnen und die einfühlsameren Interviewerinnen, die genaueren Beobachterinnen. Sie sind aber genauso wenig die belanglosen Quatscherinnen, die sinnentleerten Entertainerinnen oder nur-blonden Ansagerinnen – auch wenn einige Feuilleton-Redakteure uns das glauben machen wollen.“ Man müsse sich aber in der Tat von der „Illusion“ verabschieden, durch mehr Journalistinnen verändere sich automatisch auch der Blick auf das, was nachrichtenrelevant ist. Lünenborg: „Offensichtlich müssen Frauen nach den Spielregeln des Systems funktionieren, damit sie in dem System bestehen können.“ Keinesfalls sei die Boulevardisierung und Intimisierung des TV-Angebots „Schuld“ der zahlreicher gewordenen Journalistinnen, wie vielfach kolportiert wird, der „aufklärerische“ Journalismus sei generell in die Defensive gedrängt und immer schon ein Minderheitenangebot gewesen.

Warum Frauen trotz steigender politischer Präsenz in der Medienöffentlichkeit eine Minderheit geblieben sind, analysierte die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitta Huhnke. Sie konstatierte „festgezurrte Männerbünde“ an jenen Schnittstellen, an denen über Wert und Unwert einer Nachricht entschieden wird. Die immer schnellere, immer kürzere Berichterstattung auf immer mehr Kanälen begünstige das Stereotype, Klischeehafte, das hergebrachte Geschlechterkonstruktionen immer wieder selber erzeugt und zementiert.

Brigitta Huhnke fordert gleichwohl von den Frauen einen Paradigmenwechsel: „Als Journalistinnen und Wissenchaftlerinnen sollten wir uns nicht darauf beschränken, Fragen nach dem ,Bild der Frauen‘ oder ,Die Frau in…‘ zu stellen. Ein solcher Blick ist aus der Opferperspektive entwickelt worden. Nötig sind heute aber Forschungen, die sowohl die Herstellungsverfahren von Geschlecht dekonstruieren als auch solche, die nach dem Destruktionsverhalten von Männern in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft fragen.“

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