Tarifflucht beim Darmstädter Echo

Neueinstellungen ohne Rücksicht auf Verträge

Die Echo Zeitungen GmbH des Medienhauses Südhessen will 400 Redakteure, Redakteurinnen und Verlagsangestellte in den tariflosen Zustand überführen. Die wollen sich das aber nicht bieten lassen. Der ver.di-Fachbereich Medien in Hessen prüft alle Möglichkeiten – auch einen Arbeitskampf.

„Die Empörung der rund 400 Kolleginnen und Kollegen im Darmstädter Echo ist groß“, berichtet der Leiter des ver.di-Fachbereichs Medien in Hessen, Manfred Moos. Die bisher 100 Redakteure und 300 Verlagsangestellte sollen ab kommendem Jahr in Tochtergesellschaften überführt werden, die im tariflosen Zustand sind. Nur die bereits lange im Betrieb Beschäftigten sollen individuell ihre angestammten Rechte weiterhin vertraglich zugesichert bekommen. Neu einstellen will der Echo-Verleger Hans-Peter Bach, Chef der Echo Zeitungen Gmbh des Medienhauses Südhessen, der auch gleichzeitig Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt ist, künftig dann ohne Rücksicht auf Tarifverträge.

Beschäftigte des Darmstädter Echos im Tarifkampf 2011 Foto: Wulf-Ingo Gilbert
Beschäftigte des Darmstädter
Echos im Tarifkampf 2011
Foto: Wulf-Ingo Gilbert

Wie sich das gestalten kann, bekommen derzeit bereits fünf junge Redakteure zu spüren. Sie erstellen seit dem 1. Juli 2009 in der „Echo Redaktionsservice GmbH“ (ERS) hauptsächlich für die Frankfurter Rundschau Lokalteile für Groß-Gerau und Darmstadt. ERS gehört zum Medienhaus Südhessen, genau wie auch der Rundschau-Wettbewerber Darmstädter Echo. Die Redakteure seien bei ERS 40 Wochenstunden statt der tariflich vereinbarten 36,5 tätig, erhielten jedoch nur das für die reduzierte Zeit festgelegte Einstiegsgehalt, das im ersten Berufsjahr 3.032 Euro brutto beträgt – ohne Perspektive auf künftige Erhöhung. Teilweise arbeiteten sie nur Teilzeit- oder mit befristetem Vertrag. Weitere Nachteile: Die für Zeitungsverlage tariflich allgemein verbindlich vereinbarte betriebliche Absicherung für das Alter durch das Presseversorgungswerk von fünf Prozent des Bruttomonatseinkommens werde für die Mitarbeiter der ERS seitens des Arbeitgebers nicht beigesteuert. Das berichtet ein Mitarbeiter des Darmstädter Echos. Denn kürzlich erst habe es bei einer Mitarbeiterversammlung mit der Geschäftsführung Streit gegeben, weil der Betriebsrat die Öffentlichkeit informiert habe.
Redakteure kritisieren vor allem die Entwertung ihres Berufs aufgrund der beabsichtigten Verschlechterung von Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Von Redakteuren werde umfassende Vorbildung verlangt: Ein Studium sowie ein zwei-jähriges Volontariat; obendrein müssten unbezahlte Praktika absolviert werden. Wenn Redakteure schließlich mit 30 Jahren ins Berufsleben einsteigen könnten, hätten andere bereits zehn Jahre Arbeitsleben hinter sich.
Hintergrund der angedrohten Verschlechterungen sei eine im Darmstädter Echo seit Jahresbeginn 2012 angelaufene Umstrukturierung zum „prozessgesteuertem Unternehmen“. Es wurde begonnen, Arbeitsabläufe zu optimieren, um Kosten zu sparen. Dazu kommt die Tarifflucht. Wie wichtig die Tarifbindung den Mitarbeitern ist, musste die Geschäftsführung jetzt zur Kenntnis nehmen: Die bereits streikerfahrene Redaktion des Darmstädter Echos gab zu verstehen, dass sie es nicht hinnehmen, dass es künftig Arbeitnehmer zweiter Klasse im Blatt gebe!
Auch die Freien haben beim „Echo“ nichts zu lachen: Deren Honorar liegt deutlich unter den als angemessen geltenden Sätzen der gemeinsamen Vergütungsregeln, zum Beispiel um die 20 Cent statt 54 Cent pro Zeile in der lokalen Berichterstattung, so Manfred Moos. Bei ver.di Hessen sieht man die Situation so: „Wir prüfen alle Möglichkeiten bis hin zum Arbeitskampf“. Das Darmstädter Echo erreichte laut IVW 2/2012 eine verkaufte Auflage in Höhe von rund 49.000 Exemplaren; die aller Echo-Zeitungen des Medienhauses Südhessen in der Region liegt bei rund 83.000 Exemplaren.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Berufsbild Dadfluencer: „Papa ohne Plan“

Auf Social Media lässt sich ein neuer Trend beobachten: Väter setzen sich in ihren Accounts öffentlich, selbstkritisch und selbstbewusst mit ihrer Vater-Rolle, ihren Unsicherheiten und ihren biographischen Prägungen als Mann und Sohn auseinander. Das ist ein relativ neues Phänomen. Wir sprachen mit dem Dadfluencer Felix Schenk.
mehr »

Zwischen Abendprogramm und Algorithmus

Die aktuelle ARD/ZDF-Medienstudie zeigt eine Mediennutzung ohne Wachstum. Ältere bleiben beim linearen TV-Programm, Jüngere wechseln zu digitalen Plattformen und KI-Tools. Für Sender und Redaktionen verschärft sich damit ein zeitlicher Wettbewerb, den Reichweitenzahlen allein nicht mehr abbilden.
mehr »

Mentale Belastungen im Journalismus

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.
mehr »

Streik bei dpa-Tochter: news aktuell

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) verlängert den Warnstreik bei der dpa-Tochter news aktuell in Hamburg und erhöht damit abermals den Druck. Nachdem die Beschäftigten bereits am 23. und 24. September die Arbeit niedergelegt haben, wird der Arbeitskampf am 25. September fortgesetzt.
mehr »