kommentiert & aufgespießt : Mut zur Freude

Seit es dafür Preise gibt, scheint Mut in der Medienwelt zur vorherrschenden Tugend zu werden. Nachdem der Oberscientologe Tom Cruise für seine künstlerisch noch nicht bewertbare Stauffenberg-Darstellung den inoffiziellen Medienpreis „Bambi“ in der Kategorie „Mut“ bekommen hat, wird nun auch in Marl darüber nachgedacht, medialen Mut zu belohnen. Klingt ja irgendwie auch gut, sich mit Grimme-Preisträgerin in der Kategorie „Mutige Reportage“ zu schmücken. Wie beispielsweise Barbara Völkel von der Redaktion ZDF-Reporter. Als Paar getarnt und mit versteckter Kamera zog die ZDF-Frau mit einem Kollegen los, um die Qualität von Arbeitslosenberatungsstellen zu testen. Dazu gehört ganz viel Mut.Fünf Einrichtungen wurden unter die Lupe genommen – „Nur eine Beratungsstelle berät positiv“, so das Fazit des merkwür­digen Testes. Merkwürdig deshalb, weil die verdeckte Recherche von vorne herein als Vorführung der Berater angelegt war. Es ging dem ZDF-Team nicht darum, herauszufinden, ob die Hilfesuchenden so beraten werden, dass sie auch zu ihrem Recht kommen. Die Berater sollten an den Pranger gestellt werden, weil sie auf allseits bekannte Schlupflöcher hinwiesen. Da wurden „Anleitungen zum Täuschen und Tricksen – und das alles auf Kosten der Steuerzahler“ gegeben, wie im Off-Ton der Reportage empörungsschwer moniert wurde. Und es wurden auch nicht nur die klassischen Beratungsstellen aufgesucht, ­sondern auch zwei Bürgerbüros von Parlamentsabgeordneten. Komisch nur, dass es sich um ein Mitglied des Abgeordnetenhauses in Berlin von Bündnis 90/Die Grünen und um einen Landtagsabgeordneten der Linkspartei in Potsdam handelte. Es ist wohl zu verschwörungstheoretisch, darüber zu sinnieren, warum diese Reportage mit den Hauptakteuren dieser beiden Parteien ausgerechnet mit der Endphase des Wahlkampfes in Hessen und Niedersachsen zusammenfiel.
Es gibt immer viele Gründe für und gegen diesen und jenen Beitrag. Echte objektive Kriterien gibt es aber keine. Es gibt aber so etwas wie gesellschaftspolitische Relevanz und journalistische Ethik. Und so sollte sich auch bis in die Redaktionsstuben des ZDF herumgesprochen haben, dass sich der mitunter auch von willigen Journalistinnen und Journalisten hochgejazzte „Sozialmissbrauch“ in einer zu vernachlässigenden Größenordnung bewegt. Da vagabundieren ganz andere Berater durchs Land und tragen dazu bei, dass unserem Gemeinwesen viel, viel Geld vorenthalten wird. Über Tricksereien im Zusammenhang mit den repressiven Hartz-Gesetzen ist statt Empörung eher klammheimliche Freude angebracht.

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