Aufbruchstimmung im Journalismus

Viele gute Ideen wehen mit dem jüngst aufgekommenen Gründerwind in die deutsche Medienlandschaft ein: Es herrscht – vor allem seit vorigem Jahr – endlich die Aufbruchstimmung, von der Medienwissenschaftler seit Jahren schreiben. Doch wer innovativ sein will, braucht einen langen Atem und ein dickes Fell.

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Thomas Escher

Es war ausgerechnet ein Freitag, der 13., an dem das bislang größte journalistische Crowdfundingprojekt Deutschlands zu Ende ging. Fast eine Million Euro nahmen die „Krautreporter” ein. Ihr Plan: ein von Werbung und ihren Zwängen freies Magazin für Qualitätsjournalismus. Gemessen am Stand noch wenige Tage vorher hätte die Finanzierungsphase an diesem Unglücksdatum ganz anders ausgehen können. Mindestens so bemerkenswert wie der erfolgreiche Endspurt war die Vielzahl der negativen Stimmen: Die Macher wurden als überheblich, ihre Idee als langweilig und die Präsentation als schlecht durchdacht kritisiert. Unterwältigte Journalisten sagten dem Projekt bereits das Scheitern voraus, bevor die erste Crowdfunding-Woche vorüber war.

Scheitern zur Tugend machen

Motiviert durch neue digitale Möglichkeiten und/oder frustriert von den etablierten Verlagen, verlassen Journalisten ihr vertrautes Terrain und gründen selbst Medienunternehmen. „Substanz” ist eine solches. Nachdem sie gemeinsam erst die Financial Times Deutschland und kurz darauf den New Scientist zu Grabe getragen hatten, gossen Georg Dahm und Denis Dilba ihre Frustration in ein eigenes Produkt: ein komplett digital gedachtes, populärwissenschaftliches Magazin, das sie durch einen Mix aus Eigenkapital, Investments und Crowdfunding-Spenden aufbauen.
Die Möglichkeit, das Ganze vor die Wand zu fahren, ist ihr steter Begleiter und sogar in ihren Firmennamen Fail Better Media GmbH übergegangen. Dennoch – oder gerade: deswegen – ist nach wenigen Minuten Gespräch mit den beiden klar: Sie würden lange für ihr „Baby” kämpfen, bevor sie auch nur darüber nachdenken, es aufzugeben.
Diese Leidenschaft scheint den Verlagen irgendwo im Zahlendickicht abhanden gekommen zu sein. Stattdessen gründen vielerorts erfahrene Lokaljournalisten Online-Nachrichtenmagazine. Nicht ohne Erfolg! Ein Beispiel dafür ist hh-mittendrin aus Hamburg. M berichtete in der Serie Schon entdeckt? u.a. über „das Marburger“ (M 8/2012). Die Verlage, vor allem im Zeitschriftenbereich, werfen derweil ein Heft nach dem anderen auf den Markt, vor allem bunten Unsinn. Zeit, sich zu entwickeln, bekommen die Redaktionen jenseits der ersten Quartalssbilanzen allerdings selten. Während also die Verlage ihre Experimente gefühlt im Monatsrhythmus wieder einstampfen, floriert der Markt der Indie-Magazine. Die tragen dann hippe Namen wie Päng, The Germans, Missy Magazine oder Die Gazette. Geschichtenerzähler werden hier zu unabhängigen Verlegern, die Inhalte vor Profit stellen. Dadurch bleiben ihre Kreationen zwar häufig ein Investitionsgeschäft. Doch jedes einzelne Magazin verleiht dem bedruckten Papier neue Eleganz in Zeiten und Zielgruppen, wo alle den Untergang von Print beschwören.
Indie-Magazine sind ein so spannender Bereich, dass sie jetzt sogar ihre eigene Messe bekommen: die Indie Con in Hamburg Anfang September. Solche Live-Formate, wo innovative Macher sich austauschen, gewinnen an Popularität und Bedeutung. Seit langem ist Deutschlands Medienbranche geprägt von bedeutungsschweren Zeitungsdiskussionen, ausgeführt in Elefantenrunden wie bei den Münchener Medientagen. Nun drängen auch in diesem Bereich Neuankömmlinge nach vorne: Die Breaking Journalism Konferenz, seit einigen Jahren das Scoopcamp oder jüngst der VOCER Innovation Day überlassen den Wagemutigen, Unabhängigen der Branche das Wort und schaffen so dringend notwendige Vorbilder.

Unternehmerisch denken

Wagemutige Vorbilder wie Tamara Anthony, Tabea Grzeszyk und Sandra Zistl hoben 2013 „hostwriter” aus der Taufe. Über Jahre hatten die drei ihre Vision einer internationalen Plattform für Kollaboration unter Reportern mit sich herumgetragen. Dank Stipendien und Stiftungsförderung ging hostwriter.org nun im Mai an den Start und kann bereits erste Erfolgsgeschichten journalistischer Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg vorweisen. Das Unternehmertum, sagt Grzeszyk, sei eine der schwersten Lektionen gewesen, die sie auf dem Weg dahin lernen mussten.
Innovation kann man nicht lernen, unternehmerisch zu denken schon. In den USA ist deshalb „Entrepreneurial Journalism” auf dem Vormarsch. Hierzulande hadern Journalisten noch damit, mehr als ihre klassischen Fähigkeiten und Ideale zu benötigen. Sie würden sich wundern, wie oft sich angehende Journalisten noch kurz vor Studienende nichts sehnlicher wünschen als mal für die „Seite 3” zu schreiben. Mit dem Start ins Berufsleben folgt nicht selten das jähe Erwachen, denn die Vorbereitung auf den sich verändernden Markt beschränkte sich in den meisten Fällen auf Seminare dazu, wie man ein Exposé schreibt und verkauft. Wie kann man sich heute alternativ finanzieren? Was ist Innovation? Wie gründet man ein Unternehmen? Was bedeutet Führung? Fragen, die jedes Journalismusstudium darüber hinaus beantworten sollte.

Der Tunnelblick nach New York.

Sicher, an dieser Stelle können wir uns noch einige Scheiben bei den Amerikanern abschneiden. Aber nur weil der erste Blick immer in die USA geht, zu ProPublica und Snowfall, heißt das noch lange nicht, dass nicht auch bei uns viel passieren würde. Auch wir haben preisgekrönten Datenjournalismus, Querdenker wie Stefan Plöchinger, Experimentierer wie Thilo Jung („jung und naiv”) oder das „Crowdspondent”-Duo Steffi Fetz und Lisa Altmeier, Allrounder wie Daniel Fiene, junge Medienunternehmerinnen wie Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert („Edition F”), spannende neue Ideen wie „Urban Journalism”. Allein die Anzahl der Formate, die im Netz kursieren und die oft als journalistisches Hobby beginnen werden, könnte diese Seite füllen. Also Schluss mit dem Tunnelblick! Eine Perspektiverweiterung wäre nicht zuletzt deswegen angebracht, weil der US-amerikanische Markt als Vorbild kaum taugt: Seine Zeitungslandschaft ist mit unserer nicht zu vergleichen. Seine Zielgruppen nicht. Seine Erlösmodelle nicht.
Nehmen wir allein den berühmten „dritten Weg”, der in Amerika den investigativen Journalismus am Leben erhält. Paul Steiger, Gründer des Vorzeigebeispiels ProPublica, hat mal gesagt, es müsse doch auch in Deutschland einige Milliardäre geben, die ein Interesse an Journalismus haben. Doch bislang machen die Mäzene im Medienbereich kaum von sich reden. Konrad Schwingenstein, ehemaliger Gesellschafter beim Süddeutschen Verlag und Investor in das Journalisten-Netzwerk Torial, ist da auch schon der einzige Name, der auf Anhieb einfällt.

Quo vadis also, deutscher Journalismus?

Es tut sich was! Nicht zuletzt durch konkrete Förderprogramme wie das Medieninnovationszentrum Babelsberg oder das VOCER Innovation Medialab wagen junge Medienmacher Experimente. Sie nehmen sich ein Beispiel an der florierenden Tech-Start-up-Szene und scheinen, wenn auch nur sehr langsam, die tief sitzende Angst vor dem Scheitern zu überwinden.
Das Nummer-eins-Problem jedoch bleibt: Woher kommt das Geld? Eine Frage, die häufig noch ignoriert wird: „Hostwriter” etwa wurde als Non-Profit-Unternehmen gegründet, seine Macherinnen verdienen noch keinen Cent.
Aus wirtschaftlicher Sicht mag dieser Rat eine Todsünde sein, aber: Bitte, liebe Journalistinnen und Journalisten, hört nicht damit auf! Wenn wir auf die eine Idee warten, die sich trägt und von der wir leben können, werden wir den deutschen Journalismus nie auf den Kopf stellen. Finanziert eure Verrücktheiten quer. Sucht euch alternative Einnahmequellen, ehrenamtliche Helfer. Nutzt die Kraft der Crowd im Netz. Seid mutig.

Die Autorin Carolin Neumann hat das VOCER Innovation Medialab mit aufgebaut und ist dort Geschäftsführerin.

Links zum Thema:

www.krautreporter.de
www.failbetter.biz
www.hostwriter.org
www.wasistindie.de
www.propublica.org
www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall
www.jungundnaiv.de
www.crowdspondent.de
www.mywebwork.de
editionf.com
urbanjournalism.de
www.miz-babelsberg.de
www.vocermedialab.org
www.torial.com

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