Ein Preis mit hohem Preis

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Die Berliner Autorin und Journalistin Marie von Kuck erhält für ihr Lebenswerk den Leipziger Medienpreis. Und kämpft zugleich ums Überleben. Warum sie die Auszeichnung mit gemischten Gefühlen entgegennimmt.

Es ist eine Danksagung und eine Wutrede zugleich. Die aus Leipzig stammende und in Berlin lebende Journalistin Marie von Kuck konnte nicht anders, als sie am Donnerstag für ihr Lebenswerk den Leipziger Medienpreis verliehen bekam. Sie ist seit Jahren schwer erkrankt und kann praktisch nicht mehr arbeiten. Und nun, verliehen von der Medienstiftung der Sparkasse in ihrer Heimatstadt, diese Auszeichnung: Muss das nicht Anlass zur Freude sein? Die Würdigung eines Schaffens, so die Jury, „konsequent für die Menschen und gegen jeden Effekt“. Dazu noch mit 10.000 Euro dotiert.

Marie von Kuck ist aktuell ans Bett gefesselt. Sie hat ihre Rede per Audio nach Leipzig geschickt. Und das Publikum beim Sommerfest auf dem Mediencampus der Villa Ida bekommt bewegende, berührende Worte zu hören, erschütternde Worte. Marie von Kuck erzählt, wie sie im Herbst 1989 als pummelige 18-Jährige auf dem damaligen Karl-Marx- und heutigen Augustusplatz in Leipzig stand. Zwischen Tausenden Demonstrierenden skandierte: „Pressefreiheit“, „Wir sind das Volk!“ und „Stasi in den Tagebau!“ Sie hatte sich der Oppositionsbewegung Neues Forum angeschlossen. Im Rückblick sagt sie: „Damals schien allen klar zu sein, dass Demokratie und Pressefreiheit zusammengehören. Das das eine nicht ohne das andere existieren kann.“

Kämpferin für die Pressefreiheit

37 Jahre danach nimmt sie das mit der Pressefreiheit, für die sie 1989 auf die Straße gegangen ist, beim Wort. Für einen – nicht nur ihr – wichtigen Moment will sie die Harmonie der Preisverleihung stören. Bei jedem neuen Feature habe sie sich gesagt: „Ich kann das gar nicht. Wie erzählt man solche komplexen Geschichten, ohne das Wichtigste wegzulassen?“ Die Antwort soll nicht nur in Leipzig aufrütteln, sondern muss eine ganze Branche beschäftigen: „Vielleicht hatte dieses geringe Selbstvertrauen auch damit zu tun, dass ich den größten Teil meines Berufslebens von dieser Arbeit nicht leben konnte.“

Heute wisse sie, dass das vielen freien Journalist*innen so gehe – und nicht nur Featureautor*innen. Zwar lohnt sich investigative Recherche – für die Betroffenen. Aber sie rechnet sich nicht wirtschaftlich. „Damals dachte ich: Ich bin einfach nicht gut genug. Heute weiß ich: Das war kein persönliches Versagen. Es ist ein systemisches Problem.“ Investigativer Journalismus ist aufwändig – und führt allzu leicht ins Prekariat.

Marie von Kuck hat sich nach oben gekämpft. Aufsässig mitmischend bei der friedlichen Revolution in der DDR, beruflich immer nah am Menschen: in der Pflege, in der Psychiatrie, als Ergotherapeutin und Puppenspielerin. Seit 2000 ist sie Autorin von Hörfunkfeatures zu brennenden Themen, zu sozialer Ungerechtigkeit, Menschenrechten, Gewalt in der Geburtshilfe. Lange vor anderen recherchierte sie zu Polizeigewalt.

Ihr letztes großes und wichtiges Feature produzierte sie 2022 für den Deutschlandfunk: „Ihre Angst spielt hier keine Rolle. Wie Familiengerichte den Schutz von Frauen aushebeln.“ Väterrechtler bezichtigen sie, Akteurin einer „Desinformationskampagne“ zu sein. Immer wieder wird Marie von Kuck für ihr beharrliches Aufdecken von Missständen ausgezeichnet, als „Stimme der Stimmlosen“ gewürdigt. Zuletzt ernennt sie 2024 eine Stiftung aus Dortmund zur „aufmüpfigen Frau des Jahres“. Die Auszeichnung gefiel ihr. Aufmüpfig, das sei für sie das Gegenteil von brav, „da steckt für mich Freiheitswille drin“.

Und nun der Axel-Eggebrecht-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig. „Selbstlos“ und „hochherzig“ nennt die Jury die Beiträge von Marie von Kuck. Und ja, erinnert sich die Autorin in ihrer Rede, sie habe es doch vor einigen Jahren geschafft, habe zu den wenigen privilegierten Featureautorinnen gehört, die tatsächlich von ihrer Arbeit leben können. „Der Plan war denkbar einfach: gesund bleiben, alt werden. Und arbeiten, bis ich umfalle.“ Allein: Es hat nicht funktioniert. Marie von Kuck lebt heute von Grundsicherung.

Preis ohne Preisgeld?

Ob Marie von Kuck das eingangs erwähnte Preisgeld von 10.000 Euro überhaupt bekommt, ist deshalb sehr fraglich. Bei einer Bürgergeldempfängerin muss es nach geltenden Regeln als Einkommen angerechnet werden. Der Staat offeriert mehr oder wenige legale Steuerschlupflöcher. Der Sozialstaat dagegen ist meist äußerst unerbittlich. Ob sich ein Anwalt oder eine Anwältin findet, der vor dem Sozialgericht eine Ausnahme durchsetzen kann? Gespräche dazu haben bisher relativ wenig Hoffnung gemacht.

„Armut macht etwas mit einem“, sagt Marie von Kuck in Leipzig. „Sie bringt einen dazu zu glauben, man habe etwas falsch gemacht.“ Vom Tonband hört das Publikum des Sommerfestes: „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, diesen großen und renommierten Lebenswerkpreis zu erhalten und gleichzeitig seine Lebensmittel bei der Tafel abzuholen.“

Während die Worte der renommierten Autorin nach Leipzig übertragen werden, während dort gefeiert wird, liegt Marie von Kuck in ihrer Wohnung in Berlin im Bett. Sie googelt die Gehälter und Vergütungen in der ARD, die Jahreseinkommen der Intendantinnen und Intendanten, der Programmdirektorin. Sie verschickt eine Nachricht: „Guck mal. Da wird mir jetzt regelrecht schlecht…“

 

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