Fotografen als Archivare

Zint im PANFOTO-Archiv „Die Honorare für mühevoll herausgesuchte Fotos sind absurd niedrig.“ Foto: PANFOTO

Täglich die Herausforderung der digitalen Bilderflut managen

Der Redner gestikuliert wild, der Fotograf drückt ab. Immer und immer wieder. Mal sind die Augen geschlossen, mal die Hand vor dem Gesicht, dazwischen ist es aber: das perfekte Bild. Das wird Fotojournalist und Auftragsfotograf Kay Herschelmann später dem Veranstalter schicken. Gemeinsam mit einer Auswahl aussagekräftiger Fotos, die einen atmosphärischen Eindruck von der Tagung vermitteln. Bilder, die er aus tausenden aussuchen wird, die er im Laufe des Tages auf seiner Speicherkarte angesammelt hat. Riesige Datenmengen produziert er, bis zu 50 Gigabyte pro Tag. Eine wahre Bilderflut, sagt Herschelmann.

Regelmäßig klickt er sich durch seine Datenbank und löscht Fotos. Solche, auf denen Menschen zu sehen sind, deren Namen er nicht kennt. Bilder, die sich nicht verkaufen lassen und die auch später wahrscheinlich nicht mehr nachgefragt werden. Einige behält er „aus emotionalen Gründen”. Was mit all den Fotos passieren soll, wenn er sich zur Ruhe setzt, weiß er noch nicht. Er hofft auf den technischen Fortschritt, auf eine automatisierte Datenbank.

Einer, der sich mit der Frage nach dem „und dann?” schon beschäftigt hat, ist Günter Zint. Er hat Studentenproteste und Atomkraftgegner fotografiert, die Beatles und die Rolling Stones begleitet, war bei Wallraffs Recherchen dabei und hat dessen Bücher bebildert. Nach über fünfzig bewegten Jahren als Pressefotograf steht Zint vor der Ausbeute seiner Arbeit: Millionen Negative, Dias und Abzüge. Da er auch die Archive anderer Fotografen übernommen hat und verwaltet, ist er nun von 65 Stahlschränken umgeben, in denen insgesamt mehr als sieben Millionen Fotos lagern.

Digitalisierung analoger Bestände.

Die Suche nach Fotos in dem riesigen Archiv ist aufwändig und kostspielig. Die Honorare, die für die mühevoll herausgesuchten Fotos gezahlt würden, seien absurd niedrig, klagt Zint. Leichter wäre die Suche in digitalen Beständen. Doch obwohl eine Stiftung ihm über drei Jahre fünf Mitarbeiter samt Technik finanzierte, um die Fotos zu digitalisieren, liegen bislang nur etwa eine Million Bilder digital vor. Der Rest ist nur über Karteikästen oder durch das Durchwühlen der Schränke auffindbar.

Die Digitalisierung analoger Fotobestände beschäftigt auch Jens Bove, Leiter der Deutschen Fotothek, die an die Sächsische Landesbibliothek in Dresden angeschlossen ist. Über vier Millionen Fotos lagern hier. Bilder, die aus Nachlässen oder Archiven wie dem von Günter Zint stammen, von dem Bove erst kürzlich zwei Sammlungen übernommen hat. Fotos, die künstlerisch oder dokumentarisch wertvoll sind oder exemplarisch Einblicke in Genres wie der Hochzeitsfotografie geben – ein buntes Gemisch aus sozialdokumentarischen Fotos, ein Universalarchiv der Fotografie-, Kunst- und Technikgeschichte. 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Fotothek mit der Verwaltung und Aufbereitung von Fotos beschäftigt: wissenschaftliche Mitarbeiter, die akquirieren und Bildbestände erschließen, Archivare, Fotografen, Laboranten und Servicepersonal.

Bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, die Suche im Archiv komfortabler zu gestalten, sondern um viel Grundsätzlicheres: Die Bilder werden nutzbar gemacht und erschlossen. Denn „was man nicht bei Google findet, das gibt es nicht”, sagt Bove.

Etwa ein Viertel des Bildbestandes der Fotothek ist inzwischen digitalisiert. Welche Bilder digitalisiert werden und welche nicht, wann nur eine Zusammenstellung der Negative als Übersicht eingescannt wird und wann das einzelne Bild in hoher Auflösung, das entscheiden Bove und seine Mitarbeiter. Oft eine schwierige Entscheidung.

Subjektive Auswahl.

Was aufheben, was wegwerfen? Die Fotothek hat primär kein wirtschaftliches Interesse am Verkauf von Fotos, dient sie doch vor allem der Wissenschaft. Aber dennoch hat Bove auch die Menschen im Blick, die Fotos über die Online-Datenbank suchen und Abzüge oder Scans bestellen. Etwa 2.000 Besucher verzeichnet die Datenbank täglich. Monatlich werden mal 100, mal aber auch 1.000 Fotos bestellt. „Fotografisch sind das nicht immer die besten Bilder”, sagt Bove. Es sind oft Fotos von Straßen, wie sie früher aussahen, Häusern, in denen die Vorfahren gewohnt haben, Straßenszenen, die historische Autos zeigen.

Immer wieder, stellt auch Zint fest, rückten Bilder in den Fokus, deren Relevanz er selbst als gering eingeschätzt hatte, weshalb sie nicht digitalisiert wurden. In der Auseinandersetzung um die Rote Flora in Hamburg etwa entstand plötzlich eine Nachfrage nach Fotos aus der Anfangszeit der Besetzung des Gebäudes. Die Auswahl, welches Bild bedeutsam sei und welches nicht, ist immer unter dem Blickwinkel der jeweiligen Zeit zu sehen und subjektiv geprägt. Denn woher soll man wissen, was später mal von Interesse ist? Fragen, auf die auch Jens Bove, Leiter der Deutschen Fotothek, keine Antwort geben kann. Sein Tipp: Fotografinnen und Fotografen sollten ihre Fotos systematisieren, doppelte oder unbrauchbare Bilder aussortieren, vollständige Angaben von Datum und Fotograf über Titel und Aufnahmeort bis hin zu Schlagworten in den Dateiinformationen hinterlegen und möglichst alle Bilder unkomprimiert auf mehreren Datenträgern abspeichern.

„Ja, klar”, sagt Kay Herschelmann, „das ist der Idealfall, aber auch ein enormer Aufwand.” Im Arbeitsalltag sei kaum Zeit, alle Bilder zu beschriften. Nur die Bilder, die Herschelmann als „vermarktbar” einschätzt, beschriftet er. Mehr sei einfach nicht zu schaffen. „Eigentlich bräuchte ich einen eigenen Archivar”, lacht Herschelmann.

 

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