Corona im TV: Mangelnde Klarheit

Ulrich Hottelet ist freier Journalist.
Foto: privat

Meinung

Verwundert reibt sich der Fernsehzuschauer die Augen bei politischen Sendereihen, die sich oft mit Corona beschäftigen. Denn viele Journalisten legen im Verlauf der Pandemie eine stark wechselnde Einstellung zu den Gesundheitsschutzmaßnahmen an den Tag. Diese unklare Haltung verspielt Vertrauen.

Sinken die Inzidenzen, drängen viele Journalist*innen in Politiker-Interviews gerne auf Lockerungen. Wird die Lage bedrohlicher, so fragen dieselben Interviewer, warum die Regierungen in Bund und Ländern nicht schon früher härtere Maßnahmen ergriffen haben, „denn es gab ja Warnungen aus der Wissenschaft“.

Ein Beispiel ist der Talk von Markus Lanz. Der Talkmaster vollzog erstaunliche Wandlungen in seiner Beurteilung der Pandemie. So nannte er es gegenüber Alice Weidel (AfD) im Mai 2021 noch ein „Verschwörungsnarrativ“, der Staat wolle die Impfpflicht durch die Hintertür einführen. Als einer seiner Lieblingsgäste, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP), im August 2021 diese Formulierung wiederholte widersprach Lanz nicht mehr. Ein paar Wochen später konfrontierte er gar Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher mit der Frage, ob die dortige 2G-Regel in Restaurants nicht eine „Impfpflicht durch die Hintertür“ sei. Im November schließlich regte sich Lanz auf: „Warum muss es immer erst komplett aus dem Ruder laufen, bis wir sagen, jetzt machen wir einfach mal 2G. Das tut doch keinem weh.“

Auch Sandra Maischbergers Haltung in der Pandemie wirkt irritierend. Der umstrittene Virologe Hendrik Streeck hatte in ihrer Sendung im Oktober 2020 die tödlichen Folgen von Covid heruntergespielt: „Ich finde es müßig, über Todesfälle zu reden.“ Es gehe vielmehr darum, das Virus soweit zu kontrollieren, um Schäden aller Art zu verhindern. Trotz dieser unangemessenen Relativierung wurde Streeck immer wieder eingeladen und wohlwollend befragt. Auch andere Kritiker der staatlichen Gesundheitsschutzmaßnahmen sind bei Maischberger überproportional oft zu Gast. Erst als die Inzidenzen in der vierten Welle nach oben schossen, änderte sich die Tonlage der Talkshow.

Ein weiteres Beispiel ist das ZDF-Magazin „Berlin Direkt“. Da es sich gerne kritisch gibt, findet es auch an der Pandemiepolitik der Bundesregierung oft etwas auszusetzen. Eine klare Haltung in der Covid-Bekämpfung ist nicht zu erkennen. In einer Sendung mussten sogar Aussagen eines AfD-Politikers dafür herhalten, die Kritik der Redaktion an der Kommunikation der Bundesregierung zu belegen. Ein sehr fragwürdiges Vorgehen, denn ansonsten sucht „Berlin Direkt“ nicht nach Gemeinsamkeiten mit der rechtsradikalen Partei.

Zugegeben, in der sich immer wieder ändernden Pandemielage ist es für alle und daher auch für Journalist*innen schwierig, jederzeit die richtigen Beurteilungen zutreffen. Stark unterschiedliche Inzidenzen erfordern entsprechend veränderte Maßnahmen und deren neue Bewertungen. Kritische Fragen an Fachleute und Politiker gehören zum journalistischen Rüstzeug, aber eine wechselnde Grundeinstellung von Fragestellern im Umgang mit der Pandemie wirkt oberflächlich und nicht vertrauenswürdig. Gerade Vertrauen ist ein hohes Gut in Zeiten der Anfeindungen insbesondere gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Armin Laschet wurde sein Hü und Hott in der Corona-Politik vom Wähler angekreidet. An journalistischer Selbstkritik in dieser Hinsicht mangelt es aber bisher. Mehr Haltung und Rückgrat wären wünschenswert und nötig.

 

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