Graue Wolken am Produktionshorizont

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Der hiesigen Produktionsbranche geht es zumindest von außen betrachtet so gut wie lange nicht: Es gibt so viele potenzielle Auftraggeber wie noch nie. Die Binnenperspektive sieht jedoch anders aus. Die Branche muss sich mit erheblichen Herausforderungen auseinandersetzen: Inflation, Energiekosten, Fachkräftemangel; und Corona ist auch nicht vorbei. Sind die fetten Jahre vorbei?

„Die Klage ist des Produzenten Gruß“, heißt es spöttisch über eine Branche, für deren Mitglieder das Champagnerglas grundsätzlich halbleer ist. Dabei sorgen die TV-Sender sowie Netflix & Co. seit Jahren für volle Auftragsbücher. Trotzdem spricht Björn Böhning, Geschäftsführer der Produzentenallianz, von „grauen Wolken“. Das lässt sich tatsächlich nachvollziehen: Wenn einem niedrigen Budget Ausgaben gegenüberstehen, die durch die Inflation deutlich gestiegen sind, hat jeder Unternehmer ein Problem; von den explodierten Energiekosten ganz zu schweigen. Die Pandemie ist auch noch längst nicht überwunden. Nach wie vor drohen Produktionen wegen der Erkrankung wichtiger Mitwirkender auszufallen. Zumindest kurzfristig und mit Geld nicht zu lösen ist schließlich eine dritte Herausforderung: Die Produktionsbranche brauchte sich nie um Nachwuchs zu bemühen und hat eine systematische Ausbildung sträflich vernachlässigt; das rächt sich jetzt.

Dann sind die fetten Jahre also vorbei? Das wäre aus Sicht von Joachim Kosack zu undifferenziert formuliert. Der UFA-Geschäftsführer erinnert sich noch gut an die Neunzigerjahre, „als es einen Riesenboom gab, doch in den Nullerjahren haben die Privatsender ihre fiktionalen Eigenproduktionen deutlich zurückgefahren.“ Die Branche sei daran gewöhnt, dass sich die Rahmenbedingungen ständig änderten, und in der Lage, entsprechend flexibel zu reagieren. Trotzdem räumt er ein, „dass die nächsten Jahre eine Herausforderung werden.“ Für Oliver Berben, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Constantin Film und verantwortlicher Vorstand für den Bereich Television, Entertainment & digitale Medien, kommt die aktuelle Entwicklung ohnehin nicht überraschend: „Ich höre nun schon seit einigen Jahren, wir erlebten derzeit ein ‚goldenes Zeitalter’, aber tatsächlich befinden wir uns längst in einer Phase der Konsolidierung.“ Das gelte vor allem für den Streaming-Bereich: „Einige Anbieter werden übernommen, andere werden sich aus dem Markt zurückziehen.“

„Der Kuchen ist verteilt“

Diese Entwicklung wird nicht ohne Folgen für die Produktionsunternehmen bleiben. In den letzten zwei Jahren, sagt Berben, „sind Inhalte mit ungeheurer Vehemenz in Auftrag gegeben worden, ohne dass jeweils exakt eruiert wurde, ob man damit auch wirklich die eigene Zielgruppe bedient und ob das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. So wird es sicher nicht weitergehen.“ Das Wachstum der Anbieter sei bereits zum Erliegen gekommen: „Der Kuchen ist verteilt. Bislang ging es in erster Linie darum, neue Kunden zu gewinnen. Jetzt geht es darum, diese Kunden zu halten.“

Leopold Hoesch kommt mit Blick auf sein Metier zu ganz ähnlichen Schlüssen. Die Formulierung des Dokumentarfilmproduzenten fällt allerdings deutlich drastischer aus: „Wenn man denkt, das Paradies sei erreicht, steht der der Absturz erfahrungsgemäß kurz bevor. Und die Branche ist noch nicht mal in Alarmstimmung.“ Der Geschäftsführer, der in den letzten Jahren für Werke wie „Die Unbeugsamen“ oder „Schwarze Adler“ vielfach ausgezeichneten Produktionsfirma Broadview, äußert sich daher mit Blick auf die absehbare Zukunft entsprechend pessimistisch: „Gerade für unseren Bereich werden die nächsten zwei, drei Jahre wirklich hart.“ Im Markt tummelten sich zu viele Player, die zumindest hinsichtlich ihrer dokumentarischen Expertise mehr Geld als Verstand hätten: „Sie sind neu eingestiegen und bauen mit viel Geld Strukturen auf, die für den Markt zu groß sind. Diese Kosten lassen sich nicht verdienen“, was bei Konzernen allerdings erst mal nicht weiter ins Gewicht falle. So komme es zwangsläufig zu einem Verdrängungswettbewerb, zumal die Firmen darauf angewiesen seien, ihre Mitarbeiter massiv anderswo abzuwerben, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden: „In diesem Wettbewerb hat man natürlich die schlechteren Karten, wenn man sich nicht aus einer Konzernkasse bedienen kann. Wir können nur investieren, was wir zuvor eingenommen haben.“ Für ein Unternehmen wie Broadview heiße das: „Wir müssen unsere Mitarbeiter überzeugen, bei uns zu bleiben, und werden vermutlich Gehälter zahlen müssen, die wir uns eigentlich nicht leisten können.“

Schulfach gefordert

Michael Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Hamburg Produktion Gruppe, bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: Die Rücklagen der Firmen seien „in den letzten zwei Jahren durch die Pandemie und durch die Kompensation der Kostensteigerungen aufgebraucht. Und dann ist auch noch das Kinogeschäft weggebrochen. Die wirtschaftliche Basis ist für viele Unternehmen ins Rutschen gekommen.“ Er fordert daher, dass sich die Kalkulationen der Auftraggeber in einem realistischen Rahmen bewegten, der auch die Kostensteigerungen etwa aufgrund höherer Personalausgaben berücksichtige. Dieser letzte Aspekt treibt alle Unternehmen gleichermaßen um: Was nützen volle Auftragsbücher, wenn die Fachkräfte fehlen, um die Aufträge umzusetzen? Ein Duales Studium, sagt Berben, „dauert bis zu vier Jahre, aber wir brauchen eine Lösung für die Gegenwart. Wir müssen daher eine bessere und vor allem schnellere Form der Ausbildung ermöglichen, und das ist nur als Gemeinschaftsleistung der gesamten Branche zu machen.“ Es gebe zwar bereits erfolgversprechende Initiativen, aber am Ende werde die Branche daran gemessen, ob sie ein attraktives Gesamtkonzept anbieten könne. Eine faire Bezahlung spiele dabei ebenso eine Rolle wie eine positive Unternehmenskultur. Berben betrachtet den Fachkräftemangel jedoch auch als Aufgabe der Gesellschaft: „Fernsehen, Kino und Streamingdienste sind ein Kulturgut, werden hierzulande im schulischen Bereich jedoch sträflich vernachlässigt. Wir brauchen dringend ein entsprechendes Schulfach. Medien werden in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als ohnehin schon, darauf müssen wir junge Menschen unbedingt vorbereiten.“

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