Filmtipp: Sie glauben an Engel, Herr Drowak? 

Schwarzweißbilder, höchst originell gestaltet und herausragend gut gespielt mit Luna Wedler und Karl Markovics – „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ erzählt die Tragödie eines verpfuschten Lebens. Im Debütfilm von Nicolas Steiner offenbart ein nihilistischer Trinker im Rahmen eines Sozialprogramms dank der Beharrlichkeit einer Germanistik-Studentin ein enormes literarisches Talent. Doch dann wird der Mann von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt.

Die Verwahrlosung ist offenkundig, innerlich wie äußerlich: Hugo Drowak, Prototyp einer verkrachten Existenz, hat sein Dasein der Vernichtung von Alkohol gewidmet und vegetiert innerhalb eines Flaschenmeers vor sich hin. Der Nihilist und Misanthroph ist ein hoffnungsloser Fall. Wenn er eines vermutlich nicht allzu fernen Tages das Zeitliche segnet, wird ihm niemand eine Träne nachweinen, zumal er ungebetene Gäste mit „Pissbomben“ zu empfangen pflegt. Dass sich eine temperamentvolle Germanistikstudentin dieses Mannes annimmt, ist zwar kaum zu glauben, aber die Basis einer Tragikomödie, die vor allem gestalterisch höchst ungewöhnlich ist.

Was ist ein Leben?

„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ ist Nicolas Steiners Spielfilmdebüt. Der Schweizer hat zuvor nur Kurz- und Dokumentarfilme gedreht, für die er jedoch diverse Auszeichnungen erhalten hat, darunter 2016 den Deutschen Filmpreis für „Above and Below“, seinen Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Darin stellt er alternative Lebensentwürfe vor, und darum geht es im Grunde auch im Drehbuch der deutschen Schriftstellerin Bettina Gundermann, selbst wenn im Dasein von Dworak (Karl Markovics) dank der unausgesprochenen Devise „Trinken, bis der Tod kommt“ von Leben kaum noch die Rede sein kann.

Als seine Sozialhilfe auf dem Spiel steht, muss er wohl oder übel bei einer Initiative mitmachen, die sich der Leiter (Lars Eidinger) des Amts für Ruhe und Ordnung ausgedacht hat: Lena Jakobi (Luna Wedler) bietet Übungen in kreativem Schreiben an, Dworak hat sich als einziger Teilnehmer gemeldet, und weil sich die Studentin selbst durch beleidigende Provokationen nicht beirren lässt, offenbart ihr Schüler ein überaus verblüffendes literarisches Talent. Um ihn zu weiteren Arbeiten zu motivieren, überlässt sie ihm ihre uralte Schreibmaschine, auf der Gabriel García Márquez einst angeblich „Einhundert Jahre Einsamkeit“ zu Papier gebracht hat.

Experimentierfreude sondergleichen

Was nach einem Zwei-Personen-Stück klingt, aus dem nicht zuletzt angesichts der vielen Innenaufnahmen und der geringen Anzahl an Schauplätzen auch ein braves Fernsehspiel hätte werden können, entpuppt sich als fulminantes Werk von großer Experimentierfreude. Viele Einstellungen erfreuen durch ungewöhnliche Blickwinkel oder kleine, oft unmerkliche Verfremdungen. Die Bildgestaltung besorgte Markus Nestroy, für „Above and Below“ mit dem Deutschen Filmpreis für die beste Kamera geehrt. Ähnlich großen Anteil am optischen Vergnügen hat das Szenenbild, bei dem sich das Prädikat „kunterbunt“ nur deshalb verbietet, weil Steiner und Nestroy „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ in Schwarzweiß gedreht haben. Das wiederum ist die Voraussetzung für einen möglicherweise naheliegenden, aber dennoch wirkungsvollen Effekt: Wenn Dworak visualisiert, was er schreibt, werden die Bilder bunt. Der Roman, den er schließlich verfasst, erzählt die zunächst heitere, schließlich jedoch unerquicklich endende Liebesgeschichte zwischen dem jungen Hugo und einer Finnin, die – nach wie vor in Farbe – schließlich auch im Leben des Autors auftaucht.

All‘ das wäre längst Grund genug, diesen unter anderem mit Unterstützung des SWR („Debüt im Dritten“) zustande gekommen Film zu preisen, aber endgültig zu einem besonderen Werk wird die auch architektonisch reizvolle Arbeit durch Luna Wedler und Karl Markovics. Die mit diversen Nachwuchspreisen ausgezeichnete junge Schweizerin und der vielfach geehrte Österreicher bilden als vermeintlich notorisch gutgelaunte Muse und verschrobener Einsiedler ein derart kongeniales Duo, dass sich auch gewisse Längen gegen Ende verschmerzen lassen, als der Film die seelischen Abgründe des nun von mannsgroßen Ratten heimgesuchten Autors erforscht. Nur bedingt Teil der Geschichte sind auch die Ausflüge ins Amt.

Lars Eidinger spielt auch eine Rolle

Diese Exkurse sind zwar amüsant, wirken aber wie ein Vorwand, um Lars Eidinger allerlei Unfug treiben zu lassen. Ungleich origineller sind die vielen kleinen kafkaesken Einfälle: Das Treppenhaus der Behörde ist mit Müll und Gerümpel vollgestellt, damit die Leute den aus reiner Schikane viel zu kleinen Aufzug benutzen. Wer trotzdem die Treppe nimmt, trifft auf zwei Männer, die zwecks Bestrafung in luftiger Höhe als Etagenpagen fungieren. Einfälle dieser Art gibt es zuhauf. Manche sind surreal, andere schlicht vergnüglich, wenn beispielsweise ein Flugzeug in eine Wolke fliegt und als Papierflieger in Farbe wieder rauskommt. Das mag eine Spielerei sein, aber diese Momente runden „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ zu einem der ungewöhnlichsten deutschsprachigen Debütfilme der letzten Jahre ab.

„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“. Deutschland/Schweiz 2025. Buch: Bettina Gundermann. Regie: Nicolas Steiner. Kinostart: 19. Februar 2026

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